Heise 27.08.2026
07:00 Uhr

Mobilfunk: IMEI-Kennungen gelangten beim Rufaufbau unbemerkt zu Anrufern


Recherchen des Bayerischen Rundfunks haben eine Schwachstelle bei Mobilfunkanbietern aufgedeckt, über die sich Handys tracken lassen könnten.

Mobilfunk: IMEI-Kennungen gelangten beim Rufaufbau unbemerkt zu Anrufern

Bis vor wenigen Tagen existierte eine Sicherheitslücke in vielen Mobilfunknetzen. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) konnte ein Anrufer in manchen Fällen an die komplette IMEI des Angerufenen gelangen, bevor dieser das Gespräch überhaupt angenommen hatte. Über die 15-stellige IMEI-Kennung lässt sich ein Smartphone eindeutig identifizieren. Das macht die Kennung beispielsweise zu einem wertvollen Datenpunkt fürs Nutzer-Tracking.

Insgesamt habe der BR mit mehr als 70 Testanrufen untersucht, welche Informationen beim Rufaufbau über das genutzte Mobilfunknetz ans Smartphone des Anrufers übermittelt wurden. In den Netzen von Telekom und Telefónica (O2) seien dabei in mehreren Fällen IMEIs zum Anrufer gelangt, wie Wireshark-Mitschnitte des Datenverkehrs zeigten. Bei Telekom und Vodafone seien Smartphone-Modelle und Betriebssystemversionen offengelegt worden. So habe sich etwa erkennen lassen, ob wichtige Sicherheitsupdates installiert gewesen seien. Die Daten seien nicht bei jedem Anruf übertragen worden, sondern nur in bestimmten Konstellationen.

In Stellungnahmen der betroffenen deutschen Mobilfunkanbieter, die heise online vorab einsehen konnte, bestätigten die Unternehmen das Problem und haben es nach eigenen Angaben auch bereits adressiert. Vodafone schrieb dem BR, das Unternehmen habe die Daten, die bei Anrufen übermittelt werden, „zusätzlich eingegrenzt“. Die Telekom kündigte Mitte August gegenüber dem BR an, ihr Netz entsprechend anzupassen. Telefónica erklärte, technische Maßnahmen umgesetzt zu haben.

Das Problem ergibt sich unter anderem aus der Tatsache, dass auf diesem Weg jeder die Verbindung zwischen Telefonnummer, Name und IMEI herstellen könnte. Und ein Mobilfunk-Provider kann dann anhand der IMEI auch sehen, wo sich eine Person gerade aufhält, weil deren Gerät seine IMEI an die Mobilfunkstation übermittelt, mit der es verbunden ist. Das ist kein Problem, solange sich der Nutzer im Netz des eigenen Providers befindet, denn der hat ohnehin jederzeit Zugriff auf all diese Informationen. Doch wenn er sich etwa im Ausland in das Netz des dortigen Mobilfunkbetreibers einbucht, hat dieser nicht ohne weiteres Zugriff auf den Namen.

Deshalb trägt dieses Datenleck zu möglichen Angriffsszenarien bei, in denen Personen etwa im Ausland durch Geheimdienste gezielt getrackt werden. Es stellt aber selbst noch kein dramatisches Sicherheitsproblem dar. Karsten Nohl, Gründer von SRLabs und ausgewiesener Experte für Mobilfunk-Sicherheit, konkretisierte gegenüber heise online diese Einschätzung: „Neben den Tracking-Szenarien ermöglicht die IMEI auch gezieltere Angriffe etwa mit Bezug zum konkreten Smartphone-Modell oder auch IMEI-Cloning“. Grundsätzlich sieht aber auch er keine wirklich dramatischen Security-Auswirkungen.

Der BR bat das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) um eine Einschätzung der Schwachstelle. Das BfV nannte sie demnach „sicherheitsrelevant“. „Aufgrund bereits erfolgter Cyberangriffe auf Mobilfunkgeräte durch staatliche Angreifer“ gehe das BfV „nahezu sicher davon aus, dass fremde Nachrichtendienste entsprechende Informationen für ihre Zwecke nutzen“.

Für sich genommen gilt die IMEI als personenbeziehbares Datum, aber nicht als direkt sicherheitsrelevant, da sie nicht als Authentifizierungsmerkmal genutzt wird. Das Problem: Solange der Besitzer sein Handy nutzt, hilft auch kein SIM-Wechsel oder Reset. Er kann weiterhin über die IMEI wiedererkannt oder getrackt werden. Erfassen mehrere Apps oder Dienste dieselbe IMEI, lassen sich Nutzungsprofile über Apps, Konten, Neuinstallationen und Werbe-IDs hinweg zusammenführen.

Außerdem könnte ein Angreifer, der an die IMEI gelangt, ein manipulierbares Telefon umprogrammieren und so die gültige IMEI übernehmen. Damit ließen sich beispielsweise Ermittlungs- und Netzdaten verfälschen. Gelänge es dem Angreifer umgekehrt, sich gegenüber einem Provider über die IMEI als Besitzer auszugeben und das manipulierte Gerät als gestohlen zu melden, kann die IMEI gesperrt und diese Sperrung über die GSMA Device Registry an weitere Netze verteilt werden. Das Opfer verliert dann unter Umständen die Mobilfunknutzung seines Geräts, unabhängig von der eingesetzten SIM.

In ihren Stellungnahmen haben die Mobilfunkanbieter betont, internationale Branchenstandards einzuhalten. Doch die konkreten technischen Erkenntnisse, die der BR mit heise online geteilt hat, lassen an diesen Beteuerungen zumindest Zweifel aufkommen. Augenscheinlich wurden an mehreren Stellen Branchenstandards der federführenden Global System for Mobile Communications Association (GSMA) nicht korrekt implementiert.

In RFC 7254 der IETF benennt die GSMA IMEIs ausdrücklich als vom Provider zu schützende personenbeziehbare Informationen. Wörtlich heißt es da, adressiert an die Mobilfunkanbieter: „Da die IMEI das Mobilgerät identifiziert, könnte sie potenziell dazu genutzt werden, Nutzer zu identifizieren und zu verfolgen, und zwar zum Zweck der Überwachung und der Auswertung von Anrufdaten, sofern sie unverschlüsselt übermittelt wird.“ Sowohl Smartphone-Hersteller als auch Mobilfunk-Provider sind deshalb von der GSMA im RFC 7255 und anderen Standards aufgefordert, die IMEI vor der Weitergabe zu anonymisieren.

Augenscheinlich könnten also sowohl einzelne Smartphone-Hersteller als auch Mobilfunkanbieter geschlampt haben. Der BR hat auch der GSMA den beobachteten Sachverhalt geschildert und den Verband um Stellungnahme gebeten. Demnach hat die GSMA die Sicherheitslücke bestätigt. Nicht nur das: Sie habe daraufhin ihre mehr als 1000 Mitgliedsunternehmen gewarnt. Laut BR empfahl die GSMA „in dem neunseitigen Briefing Netzbetreibern, ihre Netze zu überprüfen und unnötig übermittelte Informationen herauszufiltern“.

(hob)