Heise 29.04.2026
19:45 Uhr

Interview: Puraite will Literaturrecherche mit erklärbarer KI beschleunigen


Puraite will die manuelle Literaturrecherche in den Lebenswissenschaften mit erklärbarer KI deutlich verkürzen. Über die Pläne des Start-ups.

Interview: Puraite will Literaturrecherche mit erklärbarer KI beschleunigen

Die medizinische Forschung produziert jedes Jahr über drei Millionen neue Studien – doch wer soll das alles lesen? Selbst hoch spezialisierte Experten können nur einen Bruchteil der relevanten Literatur überblicken. Gleichzeitig hinkt die Aufbereitung dieses Wissens hinterher: Ein systematischer Review, also die strukturierte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands zu einer konkreten Frage, dauert heute zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Bis das Ergebnis vorliegt, ist die Datenlage oft schon wieder veraltet.

Das ostwestfälische Start-up Puraite will mit einer KI-Plattform für die Evidenzsynthese diese Prozesse beschleunigen, ohne dabei die wissenschaftliche Strenge zu opfern. Die Plattform durchsucht Datenbanken wie PubMed, filtert relevante Studien heraus, extrahiert Daten und bewertet sie nach wissenschaftlichen Kriterien. Im Interview und auch in dem später produzierten Podcast erklärt Mitgründer Schahin Baki, warum der manuelle Weg an seine Grenzen stößt und wie KI-gestützte, aber methodisch saubere Prozesse die Evidenzsynthese beschleunigen können. International gibt es zwar ähnliche Angebote von Unternehmen wie „Laser AI“, „Nested Knowledge“, „DistillerSR“ und „Covidence“, Puraite ist nach eigenen Angaben jedoch das einzige Produkt in diesem Umfang, das vollständig aus Europa heraus entwickelt und vertrieben wird.

Internationale Forschungsnetzwerke wie Cochrane und Campbell haben in einem Positionspapier gemeinsam klargestellt: KI kann diese methodischen Anforderungen unterstützen – aber sie ersetzt sie nicht. Genau hier setzt Puraite an. Wir automatisieren keine Evidenz, sondern liefern die Infrastruktur, in der ein methodisch korrekter, konformer Prozess effizient durchgeführt und gegenüber Regulatoren nachgewiesen werden kann.

Wir haben die klinische Versorgung bewusst zunächst ausgeklammert und uns vollständig auf die Industrie konzentriert – also Pharmaindustrie, Medizintechnik, Versicherungen und angrenzende Bereiche wie die Lebensmittelbranche, überall dort, wo Literaturrecherchen für regulatorische Zwecke erforderlich sind. Die Produktentwicklung in unserem Bereich ist kostenintensiv, bedingt durch KI-Know-how in Form von Personal als auch in der Infrastruktur. Die Industrie ist daher unser erster Fokus – auch weil die dort erzielten Erlöse uns langfristig ermöglichen sollen, die Plattform für den akademischen und klinischen Bereich zugänglich zu machen.