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02.09.2026
10:38 Uhr
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Der österreichische Energieversorger EVN übernimmt die BayWa Mobility Charging GmbH mit 30 HPC-Standorten und 170 Ladepunkten in Deutschland.

Der österreichische Energieversorger EVN expandiert in den deutschen Markt für Schnellladeinfrastruktur. Die EVN-Tochter EVN Energieservices übernimmt sämtliche Anteile an der BayWa Mobility Charging GmbH (BMC) und damit ein bestehendes Netz aus 30 Standorten mit 170 öffentlichen HPC-Ladepunkten. Die Ladeleistung liegt bei bis zu 400 Kilowatt pro Ladepunkt. Die Standorte verteilen sich schwerpunktmäßig auf Bayern, hinzu kommen Ladeparks in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen.
Wie EVN in einer Unternehmensmitteilung erklärte, will das Unternehmen das neue Angebot bis 2027 auf 54 Standorte mit 306 HPC-Ladepunkten erweitern. Der Sprecher des EVN-Vorstands Stefan Szyszkowitz bezeichnete die E-Mobilität als „zentralen Baustein der Energiezukunft“. Die Übernahme stärke die Position des Unternehmens „in einem der wichtigsten europäischen Märkte für Ladeinfrastruktur“ und unterstütze die Erschließung neuer Kundengruppen sowie den aktiven Ausbau einer High-Performance-Ladeinfrastruktur in Deutschland und Österreich.
Dass EVN den Markteintritt per Akquisition statt durch organisches Wachstum vollzieht, hat Vorteile: BMC bringt nicht nur bestehende Ladeparks an „attraktiven Transitkorridoren“ ein, sondern auch Deutschlandnetz-Standorte mit gesicherten Förderverträgen. BayWa Mobility Solutions betreibt mindestens ein Deutschlandnetz-Los mit 22 geplanten Standorten. Solche Verträge hätte sich das Unternehmen erst nach und nach erarbeiten können.
BMC setzt laut EVN ein standardisiertes Standortkonzept ein und nutzt ausschließlich europäische Schnellladetechnik. In der Praxis bedeutet das CCS-Ladeanschlüsse (Combo 2) und EU-konforme Bezahlschnittstellen. Die Ladesäulenverordnung und die EU-AFIR-Verordnung schreiben für solche Standorte Roamingfähigkeit, Ad-hoc-Zugang und kartengestützte Zahlung vor. Welches Backend zum Einsatz kommt und ob die Standorte Plug-and-Charge unterstützen, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Verkäuferin ist die BayWa Mobility Solutions GmbH, eine Tochter der BayWa AG, die sich seit Anfang 2025 in einem tiefgreifenden Restrukturierungsverfahren nach dem StaRUG (Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz) befindet. Im Juni wurde ein Restrukturierungsplan bestätigt, der unter anderem eine Verlängerung von Kreditlinien bis Ende 2028 vorsah. Ende Juni 2026 verständigte sich BayWa dann mit Finanzgläubigern und Ankeraktionären auf ein weiterentwickeltes Konzept: Die Restrukturierungsperiode wurde bis Ende 2030 verlängert, zudem soll der Geschäftsbereich „Heating & Mobility“ bis Ende 2029 vollständig veräußert werden. Branchenberichten zufolge muss BayWa rund 2,7 Milliarden Euro an Schulden abbauen.
Der Verkauf der Ladeinfrastruktur ist damit Teil eines umfassenden Rückzugs von BayWa aus dem Energiesektor. Neben der E-Mobility-Sparte stehen auch die Erneuerbaren-Tochter BayWa r.e. und das Wärmegeschäft zum Verkauf. Bereits im März 2026 hatte BayWa bestätigt, dass im Rahmen der mehrjährigen Sanierung „unter anderem auch das Geschäft mit Elektroladesäulen“ veräußert werde. Für EVN bot sich so ein günstiges Zeitfenster, ein schlüsselfertiges Portfolio zu übernehmen.
Mit der Übernahme steigt EVN in einen intensiv umkämpften Markt ein. Marktführer im deutschen HPC-Schnellladenetz ist EnBW mobility+ mit mehr als 9000 Schnellladepunkten und einer installierten Nennleistung von gut einem Gigawatt. Laut einer Analyse des Marktdatenanbieters Elvah entfielen im zweiten Halbjahr 2025 rund 31 Prozent aller HPC-Ladevorgänge auf EnBW, gefolgt von Aral pulse und Ionity mit jeweils etwa 11 Prozent. Weitere relevante Akteure sind E.ON Drive, Tesla Supercharger, Fastned, Shell Recharge und TotalEnergies. Mit 170 Ladepunkten bleibt BMC ein vergleichsweise kleiner Mitspieler, die geplante Erweiterung auf 306 Ladepunkte bis 2027 könnte aber die Position in Süddeutschland festigen.
Die wirtschaftliche Attraktivität einzelner HPC-Standorte hängt von mehreren Faktoren ab: Netzanschlusskosten, Strombezugspreise, Standortmieten und vor allem Auslastung. Letztere liegt laut BDEW für DC-Schnelllader im Durchschnitt bei rund 12 Prozent, für HPC-Lader sogar bei rund 16 Prozent, trotz des wachsenden Elektroautobestands. EVN verweist auf rund zwei Millionen batterieelektrische Fahrzeuge in Deutschland und rechnet langfristig mit steigender Auslastung im Schnellladesegment. Typische Ad-hoc-Tarife an HPC-Säulen ohne Abo-Modell liegen derzeit zwischen 0,59 und 0,69 Euro pro Kilowattstunde, je nach Anbieter.
Die Transaktion reiht sich in eine breitere Konsolidierungsbewegung im europäischen Schnelllademarkt ein. Finanziell angeschlagene oder breit diversifizierte Konzerne wie BayWa trennen sich von kapitalintensiven Ladegeschäften, während große Energie- und Infrastrukturkonzerne ihre Netze, teils gestützt auf Förderprogramme wie das Deutschlandnetz, ausbauen. Auch TotalEnergies hatte Anfang 2026 eine strategische Überprüfung seines deutschen Ladegeschäfts eingeräumt.
Für EVN bietet der Kauf potenziell Synergien zwischen dem eigenen Energiegeschäft, der Netzinfrastruktur und dem neuen Ladegeschäft in Deutschland. In Österreich betreibt der Versorger bereits eigene Ladeinfrastruktur. Ob und wie sich die Übernahme auf die Tarifgestaltung an den ehemaligen BayWa-Säulen auswirkt, bleibt abzuwarten. Die Bundesnetzagentur zählte zuletzt über 209.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland, davon mehr als 54.000 Schnellladepunkte. Der Anteil leistungsstarker DC-Ladesäulen mit 300 Kilowatt und mehr wächst dabei besonders stark. Der Ausbau der Ladeparks stößt allerdings zunehmend an die Grenzen der verfügbaren Netzanschlüsse, was Peak-Shaving-Konzepte mit lokalen Batteriespeichern nötig macht.
(fpi)