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10.03.2026
11:02 Uhr
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Ein junger vietnamesischer Hacker will online Geld verdienen und landet im Darknet. Dort findet er einen globalen Daten-Schwarzmarkt.

Dies ist die erste Folge der zweiten Staffel von „Darknet Diaries Deutsch”. Da die neuen ausgewählten Originalfolgen ereignisreich und lang sind, haben wir sie für die zweite Staffel jeweils in zwei Hälften aufgeteilt. Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen "HIEU".
Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.
JACK (Intro): Nur um sicherzugehen, dass ich deinen Namen richtig ausspreche. Kannst du ihn einmal für mich sagen?
HIEU: Mein Name ist Hieu Minh Ngo.
JACK: Hieu wurde in Vietnam geboren.
HIEU: Ich bin in einer kleinen Stadt in Vietnam aufgewachsen. Sie heißt Cam Ranh. Ich wurde zum Hacker, als ich sehr jung war, vielleicht mit vierzehn, fünfzehn Jahren. Eher aus Neugier, weißt du? Ich habe mich gefragt, wie das Internet funktioniert. Damals war das Internet sehr teuer und extrem langsam. Das ist einer der Gründe, warum ich anfing zu hacken und ein paar Internet-Dial-up-Accounts zu stehlen, um es nutzen zu können. Ohne etwas zu bezahlen. Das war sozusagen das erste Mal, dass ich Ärger bekam. Da war ich fünfzehn Jahre alt.
JACK: Das war um das Jahr 2004 herum, als 56k-Modems die gängigste Methode waren, um online zu gehen. Man wählte eine Telefonnummer und verband sich so mit dem Anbieter der einen dann mit dem Internet verband. Das wurde pro Minute abgerechnet. Könnt ihr euch heute vorstellen, für jede Minute, die ihr im Internet seid, bezahlen zu müssen? Aber so war das damals. Hieu konnte sich das jedenfalls nicht leisten, aber er fand dann einen Weg, den Account von jemand anderem zu nutzen. Er klaute im Grunde dessen Internetverbindung, um online zu gehen - was bedeutete, dass andere Leute für seine Internetnutzung zahlten.
HIEU: Ich hab diese gestohlenen Internet-Dial-up-Accounts nur ein paar Monate genutzt und dann bekam ich Post nach Hause geschickt. Meine Eltern waren sehr überrascht und haben mich gefragt, worum es da geht. Ich erzählte ihnen dann, dass es um gestohlene Internet-Accounts ging.
JACK: In dem Schreiben stand, dass Hieu einen Schaden in Höhe von 5.000 Dollar verursacht habe und sein Vater die Kosten dafür übernehmen müsse. Das ist ne Menge Geld. Sein Vater war daraufhin ziemlich sauer und schickte Hieu zu seinem Onkel, der in Ho-Chi-Minh-Stadt wohnte. Niemand ahnte da, dass er genau dort, in Ho-Chi-Minh-Stadt, einen Darknet-Dienst aufbauen und damit ein Vermögen verdienen würde.
JACK: Sein Vater erkannte Hieus Faible für Computer und da Ho-Chi-Minh-Stadt eine große Stadt mit guten Schulen für Informatik ist, wurde er dort bei einer angemeldet. Hieu fing also an, dort zu lernen und er besuchte verschiedene Kurse. Seine Eltern erkundigten sich regelmäßig, ob er auch seine Hausaufgaben machen würde.
HIEU: Ich habe viel gelernt. Ich habe Web-Programmierung gelernt. Ich habe meine erste Website gebaut, hieupc.com, daran erinnere ich mich.
JACK: Schon in der High School hatte er viel über Betriebssysteme, Netzwerke und Cybersicherheit gelernt. Computer faszinierten ihn und er war geradezu süchtig danach, mehr zu lernen.
HIEU: Ich ging ins Internetcafé, um das Internet zu nutzen, weil das Internet bei mir zu Hause sehr langsam war. Dort lief ich an einem der Computerbildschirme vorbei und sah, dass dieser Bildschirm irgendwie sehr dunkel war, mit einer Art dunklem Hintergrund, und die Schriftgröße war sehr seltsam und auch die Farbe des Textes – es sah cool aus, grüne Farbe und so. Ich fragte den Typen, worum es in diesem Forum ginge. Er sagte mir, es ginge um das Darknet in Vietnam.
JACK: Ooh, Vietnams Darknet? Klingt interessant, schauen wir uns an. Hieu war sofort begeistert und lernte schnell, wie man darauf zugreift und wo man hin musste, um all die geheimen Orte zu finden, die ganzen Hackerforen und die diversen Marktplätze für verbotene Gegenstände. Ihm wurde bewusst, was für eine Macht das Internet hier hatte. Total unreguliert alles. Die Polizei, die Regierung, keiner hatte die Kontrolle darüber, was da passiert. Ein Bereich im Internet, in dem alles erlaubt ist. Wow, Hieu war hin und weg.
HIEU: Sie redeten über Hacking, über das Teilen sensibler Informationen, auch über Bankkonten und einige Hacking-Techniken – und ich fragte mich, wie sie das machten.
JACK: Ja, aber ist es nicht so, dass man natürlicherweise so reagieren würde, dass man sagt: Äh, das sind ja lauter geklaute und illegale Sachen hier …
HIEU: Richtig.
JACK: Vielleicht ist das nichts für mich, könnte man denken, besser zurück ins normale Netz.
HIEU: Ja, das stimmt.
JACK: Echt?
HIEU: Weißt du warum? Weil damals die Untergrundforen sehr viel Spaß machten. Die Leute teilten immer alles und kümmerten sich nicht um Geld. Manchmal hackten sie etwas und posteten es einfach kostenlos für alle, nicht wirklich, um Geschäfte zu machen oder zu handeln. Sie haben einfach gerne ihre Techniken geteilt, weißt du? Aber als ich da reinkam, dachte ich: Mann, das ist etwas, das mich wirklich interessiert. Ich habe in Filmen und im Fernsehen Hacker gesehen. Total cool. Deshalb dachte ich mir, das will ich lernen. Ich will Mitglied in diesen Hacking-Foren sein, diesen Untergrund-Hacking-Foren.
JACK: Es wurde zu seiner Besessenheit: Wie hackt man? Was für Techniken gibt es? Er erfuhr von einer bestimmten Schwachstelle und nutzte dann Google-Suchanfragen, um Webseiten mit solchen Schwachstellen zu finden. Das Internet öffnete sich ihm so auf ganz neue Weise. Tausende von Websites, merkte er, waren für eine Vielzahl verschiedener Angriffe anfällig. Mit einfachen Techniken wie Standardpasswörtern und SQL-Injection konnte er in eine nach der anderen einsteigen. Hieu richtete keinen echten Schaden an, er beschränkte sich jeweils darauf, dass er sich in die Seite hackte und eine Art Tag auf der Website platzierte, der besagte: „Pwned by Hieu.pc“, „Pwnd“ ist ein Ausdruck, der in den 90ern häufig von Hackern genutzt wurde, wenn sie Zugriff und Kontrolle auf einen fremden Computer oder ein Netzwerk hatten.
Hieu, kann man sagen, war hauptsächlich neugierig und abenteuerlustig, er nutzte seinen Zugang ja nicht, um Geld zu verdienen oder irgendwas zu stehlen. Er fand's super, sich Wissen anzueignen und vor allem mochte er dieses Kribbeln, an Orte zu gelangen, die man eigentlich nicht betreten durfte.
JACK: Er fühlte sich dadurch clever und mächtig. Er brachte dann auch anderen bei, wie das alles funktioniert. Tja, dabei war er eigentlich selbst Schüler und besuchte die High School.
HIEU: Ich habe viele Hacking-Techniken und auch Social-Engineering-Techniken geteilt. Aber je mehr ich teilte, desto mehr Leute kannten mich in diesen Untergrund-Hacking-Foren, und schließlich wählten sie mich zum Administrator in einem dieser sehr beliebten Foren in Vietnam. Danach trat ich auch einigen Foren in Russland und sogar in Osteuropa bei. Ich lernte also weiter, verdiente damit aber selten Geld, weißt du? Damals ging es nur darum, kostenlos zu teilen, das Wissen zu teilen, die Techniken zu teilen.
JACK: Durch seine Foren-Beiträge und seine Rolle als Admin wurde er immer bekannter. Dann lernte er einen Typen kennen, einen der Forennutzer, der meinte zu ihm: „Hey, Hieu, deine Fähigkeit, Websites zu hacken, ist eigentlich ne Menge Geld wert. Lass uns zusammenarbeiten. Du kannst Websites hacken, mir geben, was du findest, und ich bezahl dich dafür.“ Der Typ erklärte ihm also, wie sie zusammen Geld verdienen könnten, und Hieu, der zu der Zeit überhaupt nicht viel Geld hatte, war interessiert.
HIEU: Weißt du, wenn es um Geld ging, als ich sehr jung war, dachte ich: Mann – ich sehe Leute, die viel Geld machten, indem sie gestohlene Identitäten und Kreditkarten benutzten. Weißt du, etwas Geld zu verdienen und sich coole Sachen kaufen zu können, das ist doch sehr cool, oder? Zum Beispiel Technik oder neue Geräte, etwas Cooles für mich, ohne meine Eltern fragen zu müssen. Darum sagte ich: „Ja, okay, ich mach mit.“ Dann zog der Typ in meine Wohnung, lebte bei mir, und ich begann nachts, nach der Schule, jede Menge Online-Shops zu hacken.
JACK: Websites, wo man Kleidung, Computer, Küchenartikel oder Reisetickets kauft. Viele der Seiten liefen damals auf WordPress, PHP oder ASP und waren nicht besonders gut abgesichert.
Es ist ja ne Art Glückspiel: Wenn es eine Million Online-Shops im Internet gibt und sagen wie ein Prozent davon schlecht gesichert sind, sind das immerhin zehntausend Websites, die anfällig sind – mehr als genug für jemanden wie Hieu, um sie zu finden. Die Aufgabe bestand dann darin, sich Zugang zu den Websites zu verschaffen und einen Listener zu installieren, ein Software-Tool, das aufzeichnet, wenn jemand seine Kreditkartendaten eingibt, um dort etwas zu kaufen. Anschließend sollte Hieu die Kreditkartendaten an seinen Komplizen weitergeben, der daraus dann wiederum irgendwie Geld für sie beide macht. Hieu war damals siebzehn im Abschlussjahrgang auf der High School. An den Nachmittagen und Wochenenden waren sie damit beschäftigt, das Internet nach anfälligen Seiten für einen Angriff abzusuchen.
HIEU: Damals benutzten viele Websites die Programmiersprache PHP oder das Framework ASP. Die enthielten viele Schwachstellen. Ich suchte dann bei Google mit diesen Schlüsselwörtern, mit Google Dorks, um eine Liste aller Websites zu finden. Ich gab die Liste in ein benutzerdefiniertes Tool ein, das ich programmiert hatte. Ich klickte einfach auf „Scannen“, und es scannte automatisch nach Schwachstellen. Es gab mir dann die Liste der anfälligen Websites aus, und konnte ich nutzeh, um an die Kreditkarteninformationen zu kommen. Und…
JACK: Okay, was war die erste Seite, mit der du Geld gemacht hast?
HIEU: Die erste Website war – ich erinnere mich, sie befand sich in Großbritannien, ja genau. Diese Website ist heute in Großbritannien immer noch sehr beliebt, aber ich möchte sie nicht nennen.
JACK: Aha, witzig, was für ne Art Seite war das, ne Bank oder …?
HIEU: Nein, diese Website ist eine E-Commerce-Website, die Elektronikartikel verkauft, und diese Website hatte eine SQL-Injection-Schwachstelle.
JACK: Ich nehme an, du hast sie per Google-Dorking gefunden, oder, also mit speziellen Suchwörtern, die dir versteckte Informationen auf der Website offengelegt haben.