FAZ 21.03.2026
13:39 Uhr

bester Stabhochspringer: Duplantis’ Größe duldet keinen Stillstand


Die Konkurrenz rückt näher, Armand Duplantis reagiert mit einer Umstellung. Vor der Hallen-Weltmeisterschaft erklärt der Rekordhalter, warum Selbstsicherheit im Stabhochsprung gefährlich ist.

bester Stabhochspringer: Duplantis’ Größe duldet keinen Stillstand

Neulich wurde der Stabhochspringer Armand Duplantis gefragt, ob er eigentlich Angst vor dem Scheitern habe. Und ob er sich schon einmal überlegt habe, wie er mit einem Wettbewerb umgehen würde, den er nicht gewinnt. Mancher hätte dies für eine unverschämte Frage halten können – gestellt an jemanden, der seit seinem ersten Sprung über 6,00 Meter diese Höhe mehr als 100 weitere Male überquert hat, dessen letzte Meisterschaftsniederlage fast sieben Jahre zurückliegt und der oft erst in einen Wettbewerb einsteigt, wenn die meisten Konkurrenten schon ausgeschieden sind. Doch es war ausgerechnet Duplantis selbst, der die Illusion zerstörte, unschlagbar zu sein. Der zweimalige Olympiasieger und dreimalige Weltmeister spricht nicht wie jemand, der die Niederlage nur für eine theoretische Möglichkeit hält. Die Sorge, nicht gut genug zu sein, würde niemals so ganz verschwinden, sagte Duplantis wenige Tage vor Beginn der Hallen-WM in einer Medienrunde. Er bestreite Wettkämpfe in dem ständigen Bewusstsein dafür, was alles schiefgehen könne: „Man darf im Sport niemals überheblich oder zu selbstsicher sein“, warnte Duplantis, und dürfe weder seine Gegner unterschätzen noch das, was man tue. Wenn der 26-Jährige durch die Luft fliegt, wirkt es so, als würde die Schwerkraft für ihn nicht gelten. Aber selbst wenn es bei ihm elegant und fast schon mühelos aussehe, wie er in schwindiger Höhe die Latte überquert, stecke viel Anstrengung dahinter, betonte Duplantis: „Ich habe nie das Gefühl, dass mir der Erfolg einfach so geschenkt wird.“ Er habe zwar großes Vertrauen in sich, aber könne sich auch keine Nachlässigkeiten erlauben. „Es ist ein so schwieriger Sport, und besonders auf diesem Niveau muss ich immer meine beste Leistung bringen.“ Die Hallen-WM im polnischen Torún von Freitag bis Sonntag ist für Duplantis auch eine Rückkehr an den Ort, an dem seine Ausnahmestellung offensichtlich wurde. Im Februar 2020 sprang Duplantis dort mit 6,17 Metern zu seinem ersten Weltrekord, er übertraf damit die Bestmarke von Renaud Lavillenie um einen Zentimeter. Seitdem hat er 14-mal nachgelegt, aber der erste Weltrekord, sagte Duplantis, sei ein Moment, der das Leben grundlegend verändere. In einem einzigen Augenblick werde man vom Nicht-Weltrekordhalter zum Weltrekordhalter. „Das war einer meiner größten Kindheitsträume.“ Duplantis’ Karriere erzählt auch von dem ständigen Versuch, sich nicht mit dem eigenen Niveau zufriedenzugeben. Erst in der vergangenen Woche beim Hallen-Meeting in Uppsala steigerte er seine Bestmarke auf 6,31 Meter. Und eigentlich zweifelt niemand daran, dass auch dieser Rekord nur eine Zwischenstation ist. Duplantis hat selbst schon anklingen lassen, dass er sogar 6,40 Meter für möglich hält. Dafür muss ein Athlet jedoch bereit sein, Gewohnheiten zu brechen und Risiken einzugehen. Mehr Kraft beim Einstich erforderlich Bei seinem jüngsten Weltrekord verwendete Duplantis einen steiferen Stab, der sich weniger stark biegen lässt und deshalb mehr Kraft beim Einstich erfordert, aber auch einen explosiveren Absprung und dadurch mehr Höhe ermöglicht. Lange habe er diesen bei dem Gewicht, mit dem er gerne springe, nicht effektiv nutzen können, und daher von 6,00 bis 6,30 Meter Höhe denselben Härtegrad verwendet. Indem er seinen Anlauf von 20 auf 22 Schritte verlängerte, sei es ihm jedoch gelungen, zusätzliche Energie aufzubringen. „Das klingt vielleicht nicht nach einem so großen Unterschied, aber für mich fühlt es sich ganz neu und sogar ein bisschen fremd an“, sagte Duplantis. Denn die zwei zusätzlichen Schritte bedeuten auch: mehr Geschwindigkeit – und mehr Fehleranfälligkeit. Er freue sich darauf, mit den verschiedenen Komponenten zu spielen und zu sehen, wohin ihn dies führen könnte, so Duplantis: „Ich kann wahrscheinlich noch ein paar weitere Rekorde herausholen.“ Wenn der in den USA aufgewachsene, aber für Schweden startende Duplantis von dem „nächsten Schritt“ spricht, denkt manch einer sofort an Zahlen. Doch sobald das Gespräch in diese Richtung geht, versucht Duplantis auszuweichen. Ob er sich wie die ukrainische Stabhochsprung-Legende Sergej Bubka ein Ziel setze, wurde Duplantis von einer Reporterin gefragt. Bubka war es als Erstem gelungen, die damals als unmöglich geltende Sechs-Meter-Marke zu überspringen. Insgesamt hat er in seiner Karriere 35 Weltrekorde (17 im Freien, 18 in der Halle) aufgestellt. „Ich denke viel weniger darüber nach, als Sie vielleicht vermuten“, sagte Duplantis und erklärte: „Ich war noch nie ein Zahlenmensch.“ Er hänge nicht an ihnen und sei auch nicht besonders analytisch. Das ist bemerkenswert in einer Disziplin, deren Helden normalerweise über Zentimeter definiert werden. „Ich liebe es einfach, an Wettkämpfen teilzunehmen“, sich selbst herauszufordern und die beste Version seiner selbst zu sein. Jedes Mal, wenn er auf die Bahn trete, wolle er an seine Grenzen gehen und schauen, wo diese liegen. Zahlen, betonte Duplantis, sind „nichts, was mir sonderlich wichtig ist“. Größe besteht für ihn darin, dann zu liefern, wenn es darauf ankommt – zum Beispiel bei einer Weltmeisterschaft. „Wenn man auf dem Podium steht, gilt man damit als großartig.“ Das sei sein Maßstab, sagte Duplantis, auch wenn jeder seinen eigenen haben könne. Trotzdem registriert er genau, was um ihn herum passiert. Im Februar war Emmanouil Karalis mit 6,17 Metern zum zweitbesten Stabhochspringer hinter Duplantis aufgestiegen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht ein bisschen angespornt hat“, sagte Duplantis. Es sei wahrscheinlich sogar ein entscheidender Faktor gewesen, dass er seinen Anlauf verändert habe. Er habe das Gefühl gehabt, dass seine Konkurrenten Fortschritte machten und ein neues Niveau erreichten. „Ich wollte sichergehen, dass ich mithalten kann und immer noch der Platzhirsch bin.“ „Dieser Sprung ist mir mehr im Gedächtnis geblieben\" Schon am Samstag in Torún, an jenem Ort also, der für ihn so besonders ist, könnte Armand Duplantis die 6,32 Meter anpeilen. Ob es einen Sprung gibt, der für ihn noch mehr zählt als jeder Weltrekord, wollte die F.A.Z. von ihm wissen. Duplantis zögerte nicht lange: sein Sieg bei der EM 2018 in Berlin, als er noch nicht einmal 19 Jahre alt war und erstmals die sechs Meter überquert hatte. Selbst die späteren Triumphe – Duplantis erwähnt sogar seine Olympiasiege – hätten nicht dieselbe Qualität gehabt. In jenem einen Moment sei alles zusammengekommen. Es sei ein Gefühl gewesen, das er so nie wieder erlebt habe. „Dieser Sprung ist mir mehr im Gedächtnis geblieben als viele der Weltrekorde, die ich aufgestellt habe.“