FAZ 08.05.2026
21:26 Uhr

Zukunft der Kirche: Ein Missionar im Osten Deutschlands


Pfarrer Justus Geilhufe will sich nicht damit abfinden, dass die Kirche in Ostdeutschland stirbt. Mit Social Media und Glaubenskursen kämpft er für ihr Überleben – und gegen die AfD.

Zukunft der Kirche: Ein Missionar im Osten Deutschlands

Es ist ein sonniger Tag, Pfarrer Justus Geilhufe hat gerade die Hühner gefüttert. Auf der großen Streuobstwiese, die er im Pfarrgarten wieder angelegt hat, sitzt man auf Holzmöbeln, ein weißes Huhn landet auf dem Tisch und lässt sich streicheln. Über die Landidylle rund um das 500 Jahre alte Pfarrhaus im sächsischen Großschirma nahe Freiberg könnte leicht vergessen werden, wo der Pfarrer tätig ist: Es ist der Teil Deutschlands, in dem die Kirche nur eine Randexistenz führt und der vom Atheismus geprägt ist. Der 35 Jahre alte und gut zwei Meter große Pfarrer will sich damit nicht abfinden. Obwohl er nur in einer kleinen evangelischen Landgemeinde bei Freiberg tätig ist, hat es Geilhufe zu einiger Bekanntheit gebracht. Denn er setzt auf Öffentlichkeit, macht einen Podcast, schreibt Artikel in Zeitungen, sitzt auf Podien in Dresden und anderswo und wirbt mit Videos in den sozialen Medien für den Glauben. Auf Instagram folgen ihm rund 16.000 Menschen. Geilhufe hat ein großes Ziel: Er will die Kirche im Osten zu neuem Leben erwecken, ihren Untergang stoppen. „Entweder wir sterben jetzt als Kirche, oder wir missionieren dieses Land neu“, sagt er. Deswegen bleibe der Kirche gar nichts anderes übrig, als in die Offensive zu gehen. „Es gibt keine Alternative zur Mission.“ Mission? Das klingt altmodisch, übergriffig und geradezu verwegen. Denn gerade noch zehn Prozent der Leute in Geilhufes Gemeinde gehören noch der evangelischen Kirche an, in ganz Sachsen sind es weniger als 20 Prozent, bundesweit sind noch rund 44 Prozent der Deutschen Mitglieder der evangelischen oder katholischen Kirche. Die DDR schuf eine fast vollkommen atheistische Gesellschaft Der sozialistische Staat der DDR hatte die Religion in Ostdeutschland systematisch bekämpft. Wer etwas werden wollte, musste sich fernhalten von der Kirche, zur Jugendweihe statt zur Konfirmation gehen. „Durch den Traditionsabbruch, den die DDR erzwungen hat, sind zwei komplette Generationen von der kirchlichen Wirklichkeit getrennt worden“, sagt Geilhufe. Das habe zu einer fast vollkommen atheistischen Gesellschaft geführt. Und die habe sich auch nach der Wende nicht erholt, sondern sei weitgehend so geblieben. Nach der Wende schlug die evangelische Kirche lieber die leiseren Töne an, wollte nicht zu selbstbewusst auftreten. Sein Vater Wolfgang Geilhufe, Pfarrer in Dresden, habe sich geweigert, unmittelbar nach der Wende in der Schule wieder Religion zu unterrichten. Nach 40 Jahren, in denen nur Marxismus-Leninismus gelehrt worden sei, habe er es als anmaßend empfunden, sogleich die christliche Religion als neue Wahrheit in der Schule zu verkünden. Geilhufe findet diese Zurückhaltung im Grunde verständlich, aber er bezweifelt, dass es die richtige Strategie war. „Vielleicht hätten wir als Kirche besser sagen sollen: Wir wollen diesen Osten wieder missionieren.“ Stattdessen habe sich die Kirche damit abgefunden, eine marginale Gruppe am Rand der atheistischen Gesellschaft zu bleiben. „Heute bin ich einer der wenigen, die sagen: Wir wollen doch mal sehen, ob diese Messe wirklich schon gesungen ist“, sagt Geilhufe selbstbewusst. „Meine Aufgabe ist es, an die Tür zu klopfen“ Dass seine kleine Kirchengemeinde in Großschirma wächst, wie mitunter behauptet wird, bestätigt Geilhufe nicht. Sie schrumpft aber auch nicht drastisch, und das sei schon ein Erfolg. Rund 600 Kirchenmitglieder gibt es in seiner Gemeinde, zum Sonntagsgottesdienst in der Kirche neben dem Pfarrhaus kommen rund 50. Etwa sechs Gemeindemitglieder beerdigt er im Jahr, aber genauso viele könne er taufen. Wie gelingt ihm das? Manche in der Gemeinde, die nicht zur Kirche gehörten, zeigten Interesse an kirchlichen Aktivitäten, kämen etwa dazu, wenn der Adventskalender gebaut werde, oder schickten ein Kind in die Gemeindestunden. Dann gehe er als Pfarrer irgendwann zu diesen Leuten. Geilhufe beruft sich auf Berichte in der Bibel, in denen Jesus sich auch gegen den Widerstand seiner Jünger an Leute gewandt hat, die nicht zu seinen Anhängern gehörten. „Meine Aufgabe ist es, an die Tür zu klopfen und zu sagen: Es gibt eine Möglichkeit, unseren Glauben kennenzulernen. Und ich lade Sie dazu ein.“ Manche lehnten das ab, aber ebenso viele kämen zu den Glaubenskursen. Die Teilnehmer, im Idealfall fünf bis acht Personen, treffen sich mit Geilhufe an einem Abend in der Woche jeweils für eine Stunde. Vor jeder Zusammenkunft im Pfarrhaus schauen sie sich zur Vorbereitung auf einer App ein 15 Minuten langes Video an. Geilhufe erzählt da in der Regel eine Bibelgeschichte, zum Beispiel vom verlorenen Sohn oder vom brennenden Dornbusch. Darüber sollen die Teilnehmer nachdenken und auch etwas Praktisches ausprobieren, etwa eine Kerze für jemanden anzuzünden. Beim nächsten Treffen tauschen sie sich über das Erlebte aus. Am Ende des Kurses, nach neun gemeinsamen Abenden, gibt es ein großes Abschlussessen. Dabei würden meist die ersten Taufen geplant, berichtet der Pfarrer. Willkommen in der Gemeinde seien auch Teilnehmer des Kurses, die mit der Taufe noch warten, erst einmal eine Weile den Gottesdienst besuchen oder im Chor mitsingen wollten. Mit Instagram für die frohe Botschaft werben Geilhufe sieht sich selbst als konservativen Pfarrer. Von den modernen Formen, mit denen eher linksliberale Kollegen Kirchenferne an den Glauben heranführen wolle, hält er nicht viel. Das brauche es nicht, ein Gottesdienst solle ja keinem Kneipenbesuch gleichen. „Wir sind eine stinknormale evangelische Landgemeinde mit Posaunenchor, Kirchenchor, Kinder- und Seniorenarbeit. Und in der Kirche machen wir das, was im Gottesdienstbuch steht“, sagt er. Das hindere aber Interessierte von außen nicht, den Weg in die Kirche zu finden. Zwar würden viele von ihnen den Gottesdienst erst einmal als fremd erleben, „aber viele finden das Fremde faszinierend“. Die sozialen Medien wie Instagram sind für Geilhufe ein Fenster in die Welt, um Tausende Menschen außerhalb der Gemeinde anzusprechen. Sie für die frohe Botschaft zu nutzen, sieht er als seine Aufgabe an. Denn er ist auf einer halben Stelle Gemeindepfarrer für Großschirma, auf seiner anderen halben Stelle ist er „mit missionarischem Auftrag“ für die Kirche unterwegs. Seine kleinen Videos im Netz sind eigentlich wenig spektakulär, sie zeigen oft Szenen aus dem Alltag der Gemeinde, etwa vom Kaffeetrinken der Frauen im Seniorenkreis, dem Treffen der Konfirmanden oder einem Gemeindefest. Geilhufe baut aber gern unerwartete Brüche in die Filmchen ein, etwa durch die Musik. So unterlegt er das Video von einer kleinen Prozession am Palmsonntag um die Dorfkirche mit dem kraftvollen Choral „Jerusalem“, der inoffiziellen britischen Hymne, oder verbindet das Foto einer Kindstaufe mit einem fröhlichen Popsong. Oft tritt der Pfarrer mit Selbstdarstellerqualitäten auch selbst als Model auf, wirbt für Gottesdienste, Wallfahrten und Konfirmationsfeiern und für einen fröhlichen Lebensstil, den er in Ostdeutschland oft vermisst und den er als „Ostdolce Vita“ bezeichnet. Sein Vater war in der DDR von Kindheit an geächtet Geilhufe stammt zwar selbst aus einem Pfarrhaus, doch nicht etwa aus einer Familie, in der es über Generationen Theologen gab. Vielmehr hat erst das DDR-Regime seine Eltern ins Pfarrhaus gebracht. Denn sein Großvater war ein sächsischer Möbelfabrikant, als Großunternehmer und NSDAP-Mitglied wurde er zu Kriegsende vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und starb im Gulag, sein Unternehmen wurde enteignet. Geilhufes Vater war aufgrund dieser Herkunft in der DDR von Kindheit an geächtet, er beschloss, nach einer Tischlerlehre Theologie zu studieren, und wurde später Pfarrer in Dresden. Seine Mutter, die aus einer Gärtnerei stammte und eigentlich Lehrerin für Deutsch und Musik hätte werden wollen, war nach der Heirat ein solcher Weg ebenfalls versperrt; sie wurde schließlich Bibliothekarin und später Dozentin an einer Kirchenmusikhochschule. Justus Geilhufe ist im Wendejahr 1990 geboren, am 17. Juni, als der damalige westdeutsche Tag der Deutschen Einheit zum letzten Mal Feiertag war. Das Leben im Dresdner Pfarrhaus, wo die Großstadtpfarrer, die die DDR überlebt hatten, ein und aus gingen, hat er als frei und kulturell reich empfunden, anders als die von Desorientierung und auch Hass geprägten Nachwendejahre in der ehemaligen DDR. Sein Wunsch, selbst Pfarrer zu werden, habe auch damit zu tun gehabt, diese Welt des „bürgerlichen Protestantismus“ zu erhalten und weiterzutragen, sagt Geilhufe. Er studierte Theologie und Philosophie in Jena, Princeton, München, Leipzig und an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Vor vier Jahren trat er nach dem Vikariat die Pfarrstelle in Großschirma an. Seine Frau Anne, eine Ärztin, ist Katholikin aus dem Allgäu. Sie ist hochschwanger mit einem Mädchen; zwei Jungen gibt es schon, bald werden die Geilhufes zu fünft sein. „Die AfD steht hier vor einer absoluten Hegemonie“ Der Pfarrer in Großschirma lebt nicht nur in einer weitgehend atheistischen Umgebung, sondern auch in einem politischen Umfeld, das von der AfD beherrscht wird. Alle wichtigen Ämter in Stadt und Kreis sind von Funktionären der Partei besetzt. „Die AfD steht hier kurz vor einer absoluten Hegemonie“, sagt Geilhufe. Er habe den Eindruck, die AfD hasse die Kirche. „Es stört sie, dass wir noch da sind, dass im Pfarrhaus in den Dörfern noch Licht brennt. Wenn ich ihre Beschlüsse lese, denke ich: Die wollen uns weg haben.“ Geilhufe sieht im Erfolg der Rechtsaußenpartei in Ostdeutschland auch einen Zusammenhang mit der Religionsverfolgung im kommunistischen Staat. „Die DDR hat hier den atheistischen Homo sovieticus, den sowjetischen Menschen, erschaffen.“ Der teile die Welt ein in Starke und Schwache, das Starke sei gut und das Schwache schlecht. „Es ist ein Mensch, der an Gewalt gewöhnt ist, und nicht davon ausgeht, dass es einen Sinn in seinem Leben gibt, und eine Wahrheit, die uns alle verbindet“, sagt der Pfarrer. Und dieser Mensch sei empfänglich für die Botschaften der AfD. Doch Geilhufe will sich davon nicht in seiner Mission abhalten lassen, und er spricht auch mit den Wählern der AfD. „Dass die AfD uns als Kirche angreift, treibt mich auch an. Ich sage denen: Wir sind auch da, und in Zukunft wird das noch mehr der Fall sein.“ Kürzlich hat er auf Instagram ein Video von einer AfD-Demo veröffentlicht, dagegen hat er einen Gottesdienst seiner Gemeinde unter freiem Himmel gestellt. Als Text hat er dazu geschrieben: „Reconquista Deutschland“. Rückeroberung Deutschland.