Jeanuël Belocian kümmerte sich am Samstag um den Rasen vor dem Tor. Eigentlich ist das nicht die Aufgabe des Profis vom VfL Wolfsburg. Der beschäftigt einen Greenkeeper. Vermutlich sorgt sich eine Gruppe um das Wohl des Grases, Wurzeltiefe, Feuchtigkeit und – wichtig – die Halmlänge auf den Millimeter. Und dann kommt so ein Teilzeitmitarbeiter wie Belocian und macht sich im eigenen Strafraum rund um den Elfmeterpunkt zu schaffen. Mit dem Stollenschuh. Ein Sakrileg unter Naturfreunden. Aber der Zweck heiligt ja die Mittel, sagen sie auch im Fußball. Und siehe da, der sicherste Elfmeterschütze der Bundesliga, Harry Kane, rutscht an der malträtierten Stelle mit dem Standbein leicht weg: erster Fehlschuss des Engländers. Belocian triumphiert. Verloren hat er trotzdem, zunächst das Spiel. Andere behaupten, beim Kampf gegen den Abstieg sei dem Hobbygärnter noch mehr verloren gegangen. Warum denn das? 122,92 Euro wegen Sachbeschädigung Weil die Szene nun heftig diskutiert wird. Dabei hielt sich der 21 Jahre alte Profi aus Guadeloupe doch an Vorbilder. Nehmen wir Marwin Hitz, vor elf Jahren reaktionsschnell zwischen den Pfosten des FC Augsburg. Nur nicht gerade ein Elfmeterkiller. Und so wählte er, der geneigte Fußballfan liebt es, Hacke und Spitze seines Fußes. Allerdings nicht für herzerwärmende Tricks am Ball, sondern für leichte Grabenarbeiten am Strafstoßpunkt. Übrigens vor der Nase des desinteressierten Schiedsrichters. Dass der Kölner Stürmer Anthony Modeste keinen Halt fand, brachte Hitz endlich die ersehnte Elfmeterparade. Und ja, irgendwann dann auch eine Rechnung der Stadionverwaltung wegen Sachbeschädigung: So ein Quadratmeter Rasen kostete damals 122,92 Euro. Vermutlich war Hitz nicht zahlungsunfähig. Aber das Spielchen hat dann doch mehr gekostet. Einige Anmerkungen in den Sozialen Medien zum Beispiel, längst Shitstorm genannt. Doch, es gibt sie, die Fälle, in denen aus der Tiefe des Internets wenigstens im Nukleus übelster Beschimpfungen sachdienliche Hinweise auf einen Verfall guter Sitten hinzuweisen scheinen. Weil solche Spielfeldmanipulationen bei etwa 120 Elfmetern pro Saison nicht häufig zu sehen sind, könnte man – verwegen – sogar an ein Korrektiv denken. Tiraden-Experten als Tugendwächter? Fair Play kostet etwas Denken Sie nur an den Mehrkampf beim Afrikacup-Finale. Als sich marokkanische Ersatzspieler auf den Ersatztorhüter des Senegal stürzten, weil der im Regen das zuvor mehrmals entwendete Handtuch seines Stammkeepers neben dem Tor zu verteidigen versuchte. Es mag keine Regel geben für Handtuchklau im Profifußball, aber es gibt ein Verhalten, das überall und zu jedem Zeitpunkt gelten muss im Sport, wenn er so bleiben oder wieder werden soll, wie sich die Menschen das wünschen: Fairness. Im Fußball, im Sport sind sie schnell dabei, Fair Play zu mimen – wenn es nichts kostet. Für die Anerkennung eines Gegners nach seinem Sieg und dergleichen Selbstverständliches sind schon Fair-Play-Preise überreicht worden. Wertvoll wird Fair Play aber erst, wenn es etwas Substantielles zu verlieren gibt. Umso erstaunlicher, dass selbst Bayerns souveräner Coach Vincent Kompany das Spiel des Wolfsburgers als nötig im Kampf gegen den Abstieg einordnete, sogar dazu aufforderte, alles zu versuchen. Dieter Hecking, sein Kollege im Dienst der Wolfsburger, wich einer Frage zum Thema aus. Er weiß zu genau, dass die Szene am Elfmeterpunkt den Weg in die Zweitklassigkeit vermeiden sollte, aber nichts anderes als einen Abstieg demonstrierte.
