Was ist, wenn die Europäer herausfinden, wie arm sie sind? Diese provokante Frage eines „Wall Street Journal“-Kolumnisten hat eine transatlantische Ökonomendebatte ausgelöst. Paul Krugman verteidigt Europa. Andere halten dagegen. Im Kern geht es um folgende Frage: Wie groß ist das Wohlstandsgefälle zwischen den USA und Europa wirklich? Die Debatte kommt nicht aus dem Nichts. Monate zuvor war ausgerechnet Mississippi in die Schlagzeilen gekommen. Das ist ein Bundesstaat, der in den USA den Ruf als Armenhaus genießt. Der flapsige Ausdruck „Dort möchte man noch nicht mal tot über dem Zaun hängen“ beschreibt das Vorurteil vieler Amerikaner in Bezug auf den südlichen Bundesstaat präzise. Das Armenhaus Mississippi hält mit Deutschland mit Mississippi kam im vergangenen Jahr auf eine Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung von knapp 55.000 Dollar. Das war weniger als in jedem anderen amerikanischen Bundesstaat. Doch Mississippi lag damit vor Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich – und fast gleichauf mit Deutschland. Die Idee, dass Mississippi so reich sein könnte wie Deutschland, wirkt für sich schon provozierend. Wäre Deutschland ein amerikanischer Bundesstaat, würde es sich nach den Kriterien dieser Wohlstandsmessung, dem BIP pro Kopf, auf Rang 49 wiederfinden. Diese Analyse spießte Krugman jetzt auf: „Europa ist schlicht nicht arm in dem Sinne, wie Mississippi arm ist. Mehr noch: Nach vielen Maßstäben – womöglich den wichtigsten – hält Europa mit den Vereinigten Staaten durchaus Schritt.“ Das ist die zentrale Aussage einer Reihe von Kolumnen Krugmans zu diesem Thema. Man möchte es glauben. Viele Europäer fühlen sich bestätigt, wenn sie die kargen, gelegentlich kaum fassbaren Stadtzentren amerikanischer Städte sehen, während sich in Europas alten Städten die Prachtbauten ballen. Reisende übersehen dabei die suburbanen Bezirke, wo sich der Reichtum in Luxusvillen mit 700 Quadratmeter Wohnfläche zeigt. Loudon County, Falls Church und Fairfax County am Rande von Washington, wo sich diese Villen häufen, weisen ein Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 150.000 Dollar auf. Das transatlantische Gefälle mildert sich etwas, wenn man das BIP nicht in aktuellen Dollar misst, sondern in Kaufkraftparitäten. Damit versuchen Statistiker, Währungsschwankungen zu eliminieren und die wahren Lebenshaltungskosten im jeweiligen Land zu berücksichtigen. Weil in Europa vieles billiger ist als in den USA, fällt der Vergleich aus europäischer Perspektive günstiger aus. Die Kluft zwischen den USA und Deutschland beim BIP pro Kopf beträgt dann nicht mehr rund 30.000, sondern 20.000 Dollar. Deutschland wäre damit reicher als Florida und nicht mehr in der Gruppe armer Südstaaten. Es gibt also zwei Brillen: Wer heutige Lebenshaltungskosten vergleicht, sieht Europa besser dastehen. Wer reales Produktionswachstum über die Zeit misst, sieht Amerika davonziehen. Die Produktivität des amerikanischen Tech-Sektors Solche aktuellen Preisvergleiche haben ihre eigenen Schwächen. Sie übersehen laut Luis Garicano, Ökonom an der London School of Economics, Produktivitätsgewinne in Branchen, in denen die Preise fallen. Das ist problematisch, weil Produktivitätsgewinne speziell unter scharfen Konkurrenzbedingungen genau dazu führen. Garicano erläutert: Wenn Amerika doppelt so viel Software produziert, während der Preis jeder Einheit um die Hälfte sinkt, wirkt der Wert der amerikanischen Softwareproduktion unverändert – obwohl sich die Menge verdoppelt hat. Die meisten Ökonomen verwenden deshalb konstante Preise: Sie fixieren das Kaufkraftparitäts-Niveau eines Basisjahres und rechnen das reale Produktionswachstum jedes Landes darauf. Das amerikanische Produktionswachstum konzentrierte sich auf die Technologiebranche, wo die Preise mit steigender Produktivität stark gefallen sind. Gemessen am Volumen der produzierten Güter und Dienstleistungen hat Amerika Europa abgehängt. Im Kern geht es um Fortschritte bei der Produktivität. Krugman schreibt selbst: „Produktivität ist nicht alles, aber auf lange Sicht ist sie fast alles. Nationen werden reich, indem sie die Arbeitsproduktivität steigern – also das reale Bruttoinlandsprodukt je geleisteter Arbeitsstunde.“ BIP ist nicht alles, sagt Paul Krugman Allerdings ist das laut Krugman nicht das einzige Kriterium für das generelle Wohlstandsniveau, und es kann in die Irre führen. Krugman bedient damit eine europäische Intuition: Was nützt ein höheres BIP, wenn das Leben kürzer, unsicherer und sozial härter ist? Mississippi liefert dafür Munition. Die Lebenserwartung liegt dort bei knapp 73 Jahren, in Deutschland bei rund 81 Jahren. Die Kindersterblichkeit ist höher, die Gewaltkriminalität ebenfalls. Deutsche können überdies besser lesen und werden seltener Mord- oder Totschlagopfer. Ob diese Erzählung von der einen Welt, in der man besser lebt, und der anderen Welt, in der man besser produziert, trägt, wird allerdings zunehmend bezweifelt – unter anderem vom Ökonomen Tyler Cowen: Er verweist auf eine irritierende Gegenrechnung: In Europa sterben demnach absolut mehr Menschen an Hitze, als in den USA durch Schusswaffen ums Leben kommen. Der Vergleich ist nicht eins zu eins sauber: Europa ist älter, größer (je nach Abgrenzung anders definiert), und pro Kopf bleibt das amerikanische Schusswaffenrisiko höher. Aber der Einwand trifft einen Punkt: Lebensqualität hat viele Dimensionen. Ein weiteres Pro-Europa-Argument Krugmans lautet: Der amerikanische Wohlstand ist ungleicher verteilt. Ein größerer Teil der Gewinne landet bei Spitzenverdienern und Vermögenden. Viele Amerikaner hätten nichts davon, dass Superreiche wirtschaftlich erfolgreich sind. Krugman vernachlässigt dabei aber, dass das amerikanische Steuersystem ziemlich progressiv ist: Es wird kräftig umverteilt. Und trotzdem ist nach Steuern und staatlichen Transferzahlungen das Medianeinkommen der Amerikaner rund 30 Prozent höher als das der Deutschen, besagt eine OECD-Statistik von 2021. So schlecht geht es dem Durchschnittsamerikaner demzufolge nicht. Europa macht Bildung, Kinderbetreuung und Busfahrten erschwinglich Allerdings: Europa subventioniert zum Beispiel Bildung, Kinderbetreuung und öffentlichen Nahverkehr deutlich stärker als die USA und sichert damit den Lebensstandard von Leuten, die weniger verdienen. Nur: Das soziale Niveau muss auch finanziert werden. In den großen europäischen Ländern, die ihren Bürgern und Unternehmen jetzt schon die höchste Steuerlast zumuten, gibt es aktuell Debatten über Steuererhöhungen – auch in Deutschland, wo die Regierung nach der Kraftanstrengung der kleinen Unternehmensteuersenkung nun mit Einkommensteuererhöhungen flirtet. Noch können Europas Wohlfahrtsstaaten das wahre Ausmaß des europäischen Wohlstandsgefälles verschleiern, indem sie den Wählern ein vergleichsweise komfortables Leben ermöglichen, wie der „Wall Street Journal“-Kolumnist Joseph Sternberg ausführt. Sie machen damit den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Erfolg und persönlichem Wohlstand unsichtbar und mildern den politischen Handlungsdruck. Krugmans wichtigstes Argument lässt sich destillieren auf: „Alles halb so schlimm.“ Der wachsende Abstand zwischen den USA und Europa geht vor allem auf die amerikanische Technologiebranche und auf wenige besonders produktive Kerne zurück. Amerika wirke nur reicher, weil in der Statistik mehr Tech-Produkte auftauchten. Europäer könnten dieselben iPhones kaufen, also sei der Tech-Vorsprung für den Wohlstand nicht so entscheidend. Das verzerre die BIP-Zahlen, ohne tatsächlich zu einem höheren Lebensstandard zu führen. Der mittlere Lohn bei Meta beträgt 388.000 Dollar Wirklich? Garicano widerspricht vehement. Amerikas Tech-Firmen treiben auch die Löhne in anderen Sektoren nach oben. Das mittlere Einkommen eines Meta-Beschäftigten betrug 388.000 Dollar. Diese Leute können sich teure Kinderbetreuung, Fitnesstrainer und Restaurants leisten. Überdies profitieren Amerikaner stärker von Börsengewinnen, die Tech-Unternehmen in den vergangenen Jahren geliefert haben. Die Nvidia-Aktie ist in den vergangenen fünf Jahren um 1370 Prozent gestiegen, der S&P-500-Index kletterte im gleichen Zeitraum um immerhin 80 Prozent. Laut Gallup besitzen 63 Prozent der erwachsenen Amerikaner Aktien oder Indexfonds, in Deutschland sind es rund 20 Prozent. Der Tech-Vorsprung ist also nicht nur ein statistischer Effekt. Er schafft hohe Einkommen, Vermögen, Steuereinnahmen und neue Investitionsmöglichkeiten. Er strahlt in andere Branchen aus. Microsoft, Apple und die übrigen „Magnificent Seven“ verdienen so viel und so profitabel, dass sie ihre eigene Erneuerung finanzieren können: Künstliche Intelligenz, Chips, Cloud, Plattformen. Gerade diese Fähigkeit unterscheidet sie von alten Industriegiganten. Größe ist für sie kein Fluch mehr, sondern ein Hebel. Abstimmung mit den Füßen Am Ende hat ein echter Markttest mehr Deutungskraft als die Statistik. Wohin gehen die Unternehmen, die wachsen wollen? LSE-Ökonom Ricardo Reis hat untersucht, wohin Start-ups wandern: von Europa in die USA oder umgekehrt. Das Ergebnis ist eindeutig. Der Zug geht nach Amerika – und zwar umso stärker, je besser die Start-ups finanziert sind. Das ist keine Randnotiz. Es ist ein Urteil derer, die Produktivität, Kapital, Talente, Regulierung, Märkte und Wachstumsaussichten gegeneinander abwägen müssen. Europa kann das bessere Leben bieten. Amerika bietet offenbar mehr Chancen. Alex Tabarrok, Ökonom an der George-Mason-Universität, fasst den Unterschied nüchtern zusammen: „Amerika ist der bessere Ort, um Geld zu verdienen. Europa ist der bessere Ort, um Geld auszugeben.“
