FAZ 06.10.2026
12:36 Uhr

Wegen Spionageverdachts: Ehemaliger BND-Präsident August Hanning festgenommen


Der frühere Geheimdienstchef soll unter anderem für einen fremden Nachrichtendienst eine Analyse erstellt haben. Es handelt sich nach F.A.Z.-Informationen nicht um einen russischen Dienst.

Wegen Spionageverdachts: Ehemaliger BND-Präsident August Hanning festgenommen

Der ehemalige BND-Präsident August Hanning ist am Morgen nach Informationen der F.A.Z. unter anderem wegen Spionageverdachts vorläufig festgenommen worden. Außer Hanning wurde demnach ein ehemaliger enger Mitarbeiter von ihm verhaftet. Hanning leitete den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005. Auch danach gehörte er zu den wichtigsten Beamten im deutschen Sicherheitsapparat; er war bis Ende 2009 Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Der Generalbundesanwalt ermittelt wegen des dringenden Tatverdachts der landesverräterischen Ausspähung und des Auskundschaften von Staatsgeheimnissen. Auch werden Hanning versuchter Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen. Hanning soll sich nach dem Ende seiner Beamtenzeit vermutlich über Jahre illegal als geheim eingestufte Informationen des BND beschafft und weitergegeben haben. Hanning soll morgen dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt werden. Informationen waren für das Kanzleramt gedacht Mit Informationen versorgt haben soll den 80 Jahre alten Hanning ein früherer Mitarbeiter des BND, Manfred D., der Hannings früherer Büroleiter war. Ihm werfen die Ermittler Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung vor. Schon im Frühjahr 2010 sollen die beiden vereinbart haben, dass Manfred D. gegen Geld Hanning fortlaufend mit Informationen versorgt. Manfred D. diente auch späteren BND-Präsidenten als Büroleiter, in dieser Funktion hatte er Zugriff auf etliche geheime Informationen. Unklar ist bislang, welche Summen im Gegenzug für die Informationen geflossen sind. Manfred D. ist seit März 2026 pensioniert. Hanning nahm nach seinem Ausscheiden aus der Politik eine private Beratertätigkeit auf, und er wollte laut Generalbundesanwalt die ihm besorgten Informationen aus dem BND gewinnbringend verwerten. Im Laufe der Jahre – nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen bis Juni 2022 – stellte Manfred D. Hanning annähernd 2000 Dokumente zur Verfügung, darunter vielfach als Verschlusssache eingestufte Informationen. Es waren Informationen, die für die „nachrichtendienstliche Lage“ im Kanzleramt verwendet wurden. In einem Fall nutzte Hanning von Manfred D. übermittelte, als Verschlusssache eingestufte Erkenntnisse, um für den Mitarbeiter eines „fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates“ eine Analyse zu erstellen, teilt der Generalbundesanwalt mit. Ob diese Analyse auch wirklich bei dem Besteller ankam, ist bislang unklar. Hanning stand außerdem „in einem intensiven Austausch mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes“. Diesen versorgte er über mehrere Jahre hinweg mit politischen Informationen, zum Teil auch basierend auf Material, das er von Manfred D. erhalten hatte. Nach Informationen der F.A.Z. soll es sich bei Hannings Kontakten nicht um russische Dienste handeln. Bundesanwalt kam durch Block-Ermittlungen auf die Spur Auf Hanning kam der Generalbundesanwalt über Funde im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Christina Block. Die Tochter des Steakhausgründers Eugen Block soll in Auftrag gegeben haben, zwei ihrer Kinder in der Silvesternacht 2023 aus Dänemark zu entführen, dort lebten sie bei ihrem Vater. Block bestreitet die Vorwürfe in dem seit Juli 2025 laufenden Prozess. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt in diesem Zusammenhang schon seit Monaten gegen Hanning. Der Entführung vorausgegangen war ein jahrelanger Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder, bei dem Hanning eine Rolle gespielt haben soll. Die Hamburger Ermittler durchsuchten im September 2025 mehrere Privat- und Geschäftsräume von Hanning und stellten zahlreiche Akten und Geräte sicher. Hintergrund war ein aus Sicht der Staatsanwaltschaft früherer Entführungsversuch der Kinder im November 2022. Als Verantwortliche für die Sicherheitsfirma System 360 sollen Hanning und ein ehemaliger führender Mitarbeiter des Hamburger Landeskriminalamts einen Auftrag für diese Entführung gegen Zahlung von mehr als 100.000 Euro angenommen haben. Mehrere Monate lang setzten die Hamburger Ermittler sogar einen verdeckten Ermittler in der Firma ein. Hanning hatte die Vorwürfe gegen ihn im Zusammenhang mit der Entführung der Block-Kinder wiederholt bestritten und die Durchsuchung im vergangenen Herbst als „völlig überzogen“ bezeichnet. Grüne fordern stärkere Kontrolle ehemaliger Spitzenbeamter Derweil fordern die Grünen nach der Festnahme Hannings, Lobby-Tätigkeiten ehemaliger Spitzenbeamter und Geheimnisträger ⁠stärker in den Blick zu nehmen. „Diese sind offenkundig auch ein Einfallstor für gegnerische Geheimdienste“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende und stellvertretende Vorsitzende des Parlamentarischen ‌Kontrollgremiums (PKGr) des Bundestages, Konstantin von Notz, am Dienstag in Berlin. Für den CDU-Geheimdienstfachmann Marc Henrichmann zeigt die Festnahme des früheren BND-Chefs August Hanning dagegen die „Handlungsfähigkeit“ des Rechtsstaats. „Der Staat sendet ein wichtiges Signal nach außen, sowie nach innen: Die Arbeit mit geheimen Informationen ist eine Frage der nationalen Sicherheit und kein Bagatelldelikt“, sagte der CDU-Abgeordnete am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP.  Eine umfassende Aufklärung fordert sein Parteikollege Günter Krings. Die Vorwürfe müssten lückenlos aufgeklärt werden, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion der „Rheinischen Post“. „Ich gehe natürlich auch davon aus, dass sich das Parlamentarische Kontrollgremium zeitnah mit dem Fall befasst.“ „Die Ermittlungen gegen den Ex-BND-Chef Hanning zeigen erneut: Die Geheimdienste sind selbst ein Sicherheitsrisiko“, sagte die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger. „Das wissen wir nicht erst seit den Verstrickungen des Verfassungsschutzes in die Mordserie der Neonazi-Terroristen vom NSU.“ Dass ein Mann wie Hans-Georg Maaßen bis vor wenigen Jahren den Verfassungsschutz geleitet habe, spreche ebenfalls Bände.