FAZ 18.09.2026
09:28 Uhr

Wandertipp im Odenwald: An der Startrampe für das Geisterheer


Er kündigt Krieg und Frieden an, der Totenzug des Ritters Hans von Rodenstein. Unter ­lautem Getöse zog er zur Burg Schnellerts. Heute liegt sie einsam im Wald oberhalb eines bedeutenden Bergbaugebiets.

Wandertipp im Odenwald: An der Startrampe für das Geisterheer

Kommt er, oder kommt er nicht? Geht es nach den Gesetzen der bekanntesten Odenwälder Sage, könnten auch in absehbarer Zukunft die Waffen schweigen. Schließlich ließ der Roden­stein’sche Geisterzug trotz Krisenzeiten lange nichts mehr von sich hören. Dazu verdammt, muss Ritter Hans von Roden­stein von Krieg und Frieden künden, nachdem er, geplagt von Gewissensnöten, vergebens gen Rom gepilgert war. Wahrscheinlich starb der Hochbetagte, bevor ihm im „Ablassjubeljahr“ 1500 päpstlicher Dispens zuteilwurde. Seine Missetaten vom Straßenraub bis zum Verstoßen der schwangeren Gemahlin blieben demnach ungesühnt. Deshalb, weiß die im Raum von Fränkisch-Crumbach und Brensbach angesiedelte Legende, muss der Unerlöste mit einer apokalyptischen Heerschar mit Getöse durch die Lüfte ziehen. Dann seien Pferdegetrappel, Waffenklirren, Schreie, Flüche und Hundegebell zu vernehmen, bezeugten vielfach untadelige Bürger. Ihre Eingaben galten als so glaubhaft, dass sich die erleuchtete Gräflich Erbachsche Regierung 1742 veranlasst sah, die Vorgänge um einen „in der Grafschaft befindlichen Landgeist“ (ergebnislos) zu untersuchen. Die Region pflegt den Mythos als „Rodensteiner Land“ Auch über den Luftkorridor herrscht Einigkeit: Bei Ausbruch militärischer Auseinandersetzungen jagt das Wilde Heer vom Rodenstein’schen Stammsitz – heute eine am Waldrand liegende Ruine – durch zwei Scheunen und weiter über die Gersprenz zur Burg Schnellerts, um erst beim Friedensschluss zurückzukehren. Für beide Weltkriege liegen – leidlich pünktlich – entsprechende Aussagen vor. Seither schweigt Ritter Hans. Sein Fernbleiben vermögen nur Skeptiker dem nüchternen Zeitgeist zuzuschreiben. Die Region pflegt den Mythos als „Rodensteiner Land“ mehr denn je. Gasthäuser erinnern im Namen daran, die Reichelsheimer Märchen- und Sagentage sind davon inspiriert, und wer weiß, ob ohne diese Geschichte die Burgruinen umfassend erforscht und teilrekonstruiert wären. Unglücklicherweise fand auf der Schnellerts ein seit 1976 ehrenamtlich wirkender Verein keinerlei Hinweis auf geheimnisumwitterte Geschehen, ja man kennt nicht einmal Erbauer und Besatzung der im frühen 13. Jahrhundert als Sechseck angelegten und 100 Jahre später zerstörten Feste. Einer der wenigen Funde, ein vergoldeter Steigbügelhalter, könnte jedoch vom Pferd eines Ritters stammen. Und selbst der äußerst steile, zur Rodenstein ausgerichtete Burgzugang dürfte die Phantasie angeregt haben. Eignet er sich nicht hervorragend als Startrampe für das Geisterheer? Mehr noch aber trug die reale Figur von Ritter Hans zur Legendenbildung bei – ein knorriger Hagestolz, dessen nach der Totenmaske gearbeitete Physiognomie seines Grabmals in der Pfarrkirche von Fränkisch-Crumbach von Leben und Leid gezeichnete Charakterzüge vermuten lässt. Und Hans lebt, mag er auch schweigen. Offen einsehbar, „reitet“ er neben der Kirche mit wehendem Mantel in der Mitte eines 16 Quadratmeter großen Terrakotta-Reliefs szenischer Darstellungen früheren Brauchtums. Die dem Jahreszyklus folgenden Abbildungen zeigen, wie man in einer unentwirrbaren Mischung aus christlichem und Aberglauben den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, Fruchtbarkeit und Ernte, Leben und Tod zu beeinflussen suchte. Wegbeschreibung Durch das Gersprenztal verkehrt keine Bahn, aber ein Bus. Ihm entsteigt man an der Haltestelle Friedhof des Brensbacher Ortsteils Nieder-Kainsbach am Abzweig von der B 38. Die Erbacher Straße weist hinein. Innerörtlich sind dort und an der Affhöllerbacher Straße kleinere Parkplätze angelegt. Die Markierung blaues Quadrat quert die Gemeinde, um durch Bachgasse, übergehend in den Mühlweg, herauszufinden. In offener Flur setzt leichtes Steigen ein, fortgesetzt nach Rechts-links-rechts-Wechseln auf den Bergrücken zu. Vor Waldeintritt an einer Walnuss-Plantage eröffnet sich über die Gersprenz und Fränkisch-Crumbach ein Blickfeld, das dem bezeugten Luftkorridor von Roden­steins Geisterheer entsprechen könnte. Nur sein Stammsitz auf der anderen Talseite bleibt hinter Bäumen verborgen. Beim weiteren Anstieg gesellt sich das Zeichen gelbes L eines Geopfads hinzu. Der kristalline Odenwald hält wertvolle, schon im Mittelalter ausgebeutete Mineralien vor. Zu einem regelrechten Boom kam es seit der Industrialisierung, als die Region mit jetzt geforderten Rohstoffen aufwarten konnte. Hier wird auf den Abbau von Hämatit (Eisenoxid) verwiesen, das als Zusatz von Rostschutzmitteln diente. Bald danach hat man den Bergzenit überschritten, und unter Kiefern und Buchen geht es munter fallend wieder hinab. Am Waldausgang fällt ein frei stehendes Kirchlein auf. Erst beim Näherkommen ist seine Aufgabe als Kapelle eines Friedhofs erkennbar. Seit mehr als 400 Jahren, wie an der 1618 geweihten, zum Barock erweiterten „Totenkirche“ geschrieben steht, bringen die Bewohner des tief eingeschnittenen Kainsbachtals ihre Verstorbenen herauf. Der umgekehrte Weg ist naturgemäß weniger mühsam. Zunächst läuft man 300 Meter eben bis zu einer Kreuzung und dort – fortan allein mit dem L – links abwärts nach Ober-Kainsbach. Der Buchstabe weist geradeaus hinein und nach 100 Metern links ansteigend auf dem Hembacher Weg hinaus. Am Waldrand liegt rechts leicht versetzt ein offener Stollenzugang. Er erinnert an den bis 1949 gewonnenen Pegmatit. Der Glimmer fand unter anderem bei Isolatoren Verwendung. Erfolgreicher verlief der Abbau von Schwerspat oder Baryt seit dem 19. Jahrhundert. Das L verharrt links davon und führt zwischen Wald und Wiesen hoch über der Talung entlang, dabei weitere, halb eingewachsene Stollen berührend. Dann, etwas tiefer, verändert sich die Blickrichtung: Nun begrenzen im Nordwesten die höchsten Taunusgipfel das Sichtfeld. Anschließend geht es mit dem L in einigen Kurven durch Felder abwärts. Man kreuzt ein Bächlein und setzt zum Sturm auf die Ruine Schnellerts an. Die 100 Höhenmeter geben eine Ahnung, wie exponiert die Burg über dem Gersprenztal lag. Nach drei Seiten fällt das Gelände steil ab, gesichert von einer an der Ostflanke gut erkennbaren Geländestufe (Berme). Allzu groß wirkt das Sechseck allerdings nicht. Denkt man sich zum wieder aufgemauerten Turmfundament weitere Bauten hinzu, bleibt kaum Platz für den Aufmarsch eines Totenheeres. Beflügelnd ist dann der steile Abstieg bis zum Waldrand, wo man das L gegen den zuvor schon mitgelaufenen grünen Strich tauscht. Der umkurvt eine Ferienhaussiedlung und gelangt über dessen Zufahrt in den Weiler Stierbach. Hier quert man die Straße und ein Bächlein, das die Richtung vorgibt bis zum blauen Quadrat für die restlichen Meter. Anfahrt Von der A 5, Ausfahrt Darmstadt-Eberstadt, via B 426 bis Reinheim und weiter auf der B 38 nach Brensbach, Ortsteil Nieder-Kainsbach. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zweistündig über Reinheim (Bus 693) oder via Darmstadt, ­Hauptbahnhof und Ost. Sehenswert Mit Burg Schnellerts verbindet sich die bekannte Sage um den Raubritter Hans von Rodenstein. Als „Unerlöster“ war er dazu ­verdammt, mit einem Geisterheer von Krieg und Frieden zu künden. Vom Rodensteiner Stammsitz flog es über das Gersprenztal zur Burg Schnellerts, um erst zum ­Waffenstillstand zurückzukehren. Allerdings war beim Tod von Hans um 1500 diese Burg schon rund 200 Jahre zerstört. Warum und wer in dem Sechseck residierte, bleibt ein Rätsel. In Grundzügen samt rundem Bergfried wurde es wieder ­aufgemauert. Nicht am Wegesrand liegend, aber einen Abstecher wert ist die romanisch-gotische ­Pfarrkirche im nahen Fränkisch-Crumbach. Offen einsehbar, „reitet“ davor der Rodensteiner in einem 1937 von Adam Winter geschaffenen, 16 Quadratmeter großen ­Terrakotta-Relief; ihn umgeben 30 Szenen früheren Brauchtums. Im Kircheninneren ist er, realistisch nach der Totenmaske gearbeitet, auf seinem Grabmal dargestellt. Öffnungszeiten Die Burgruine Schnellerts ist frei ­zugänglich, ebenso das Rodenstein-Relief in Fränkisch-Crumbach, nicht jedoch die Pfarrkirche.