FAZ 08.05.2026
17:47 Uhr

Wahlen in Großbritannien: Starmer wehrt sich gegen Rücktrittsforderungen


Nigel Farages Reform UK gewinnt die Kommunalwahlen in England. Verlierer Keir Starmer spricht von „harten Ergebnissen“ – und gerät in seiner Partei unter Druck.

Wahlen in Großbritannien: Starmer wehrt sich gegen Rücktrittsforderungen

Die Partei des Brexit-Populisten Nigel Farage hat die Kommunalwahlen in England gewonnen und in vielen Gemeinden sowohl der Labour-Partei als auch den Konservativen schwere Verluste zugefügt. Reform UK gewann mehr als 350 der bis zum Freitagvormittag ausgezählten Sitze; Labour verlor 250, die Konservativen verloren 140 Mandate. Auch die Liberaldemokraten und die Grünen gewannen in kleinerem Umfang neue Kommunalmandate. In der Labour-Partei wurden Stimmen laut, die als Konsequenz der Niederlage den Rücktritt des Parteichefs und Premierministers Keir Starmer verlangten. Besonders schmerzlich nahm Labour die Niederlage in Wales wahr, wo die Mehrheit der Sitze im Regionalparlament verloren ging und die Partei nur noch drittstärkste Kraft wurde – hinter Reform UK und den walisischen Separatisten von Plaid Cymru, die dicht beieinander lagen. Wales galt bislang neben dem nordenglischen Industriegürtel als die angestammte politische Heimat von Labour; dort hatte die Partei seit der Einrichtung der regionalen Autonomie mehr als ein Vierteljahrhundert lang ununterbrochen regiert. Die große Mehrheit der insgesamt 5000 zur Wahl stehenden kommunalen Wahlkreise wird erst im Laufe des Freitags ausgezählt; Gleiches gilt für die Ergebnisse der Wahlen zum schottischen Parlament in Edinburgh und zum walisischen Regionalparlament in Cardiff. Die Konservativen erlitten Niederlagen in den südenglischen Grafschaften, die bislang ihre politische Kraftquelle waren. So verloren sie etwa die Mehrheit im Kommunalparlament in Hampshire. Farages Reformpartei, die im Mai vergangenen Jahres erstmals zu Kommunalwahlen angetreten war, gewann bei den ausgezählten Wahlkreisen aber vor allem Mandate in den ärmeren nordenglischen Gebieten, die einst das industrielle Herz des Landes bildeten. In Wigan verlor Labour sämtliche der bisher gehaltenen Kommunalmandate an Reform UK; in acht von zehn bislang von Labour gehaltenen Gemeinderäten ging die Mehrheit der Partei verloren, darunter in einem äußeren Londoner Stadtbezirk, wo Reform UK nun mehr als die Hälfte der Sitze hält. Abgeordneter spricht von einer „schrecklichen Wahlnacht“ Wie anderswo im Norden nahm auch in Hartlepool an der Nordseeküste Reform der Labour-Partei sämtliche zur Wahl stehenden Sitze ab. Der Labour-Unterhausabgeordnete Jonathan Brash, der dort seinen Wahlkreis hat, gehörte am Freitagmorgen zu den Ersten, die den Rücktritt des Labour-Parteichefs forderten. Starmer müsse nach dieser „schrecklichen Wahlnacht“ einen Zeitplan für seinen Rücktritt vorlegen und einen geordneten Übergang zu einem Nachfolger einleiten. Ähnlich äußerten sich andere bekannte innerparteiliche Gegner Starmers. Auch der Labour-Kreisvorsitzende der Hafenstadt Hull sagte, es sei Zeit für einen Führungswechsel an der Parteispitze. Er wünsche Starmer nichts Schlechtes, aber „am Ende ist er nicht der richtige Mann für den Job“. Der Parteichef gab sich am Morgen unbeirrt. Starmer sagte zwar, die Wahlergebnisse seien „sehr, sehr hart“ und nicht zu beschönigen. Labour habe glänzende Repräsentanten in den Kommunen verloren: „Das tut weh, das muss auch wehtun, und ich übernehme die Verantwortung dafür.“ Tage wie dieser, fuhr Starmer fort, „schwächen meine Entschlossenheit nicht, den Wandel zu bewirken, den ich den Wählern versprochen habe“. Nach einem solchen Wahlergebnis gelte es, die Botschaft der Wähler zu respektieren und zu beantworten. Er führte auch „eine Serie wirtschaftlicher Schocks“ und „die schwierige internationale Lage“ als Begründung dafür an, dass es seiner Regierung schwerer falle, erfolgreich zu sein. Nigel Farage leitete am Freitagmorgen aus den bisherigen Ergebnissen ab, dass seine Partei nun eine „stabile Führung“ vor Labour und Konservativen etabliert habe. Reform UK verfüge konstant über einen ungefähr zehn Prozentpunkte höheren Stimmenanteil – in nationalen Umfragen liegt die Partei bei knapp 30 Prozent, die beiden anderen Parteien je bei etwa 20 Prozent. Farage beteuerte zudem, die Wähler seiner Partei handelten keineswegs aus Protest, sondern seien mittlerweile „Reformer in jeder Hinsicht“.