FAZ 13.08.2026
06:54 Uhr

Wahl in Sambia: Wenig „Salz“ für die Demokratie


Sambia wurde als demokratisches Vorzeigeland gefeiert. Doch vor der Wahl am Donnerstag setzt der einstige Hoffnungsträger und jetzige Präsident Hichilema selbst Mittel ein, gegen die er als Oppositionspolitiker protestiert hatte.

Wahl in Sambia: Wenig „Salz“ für die Demokratie

Fast einen Tag lang haben die Anhänger von Hakainde Hichilema in der Bergbaustadt Kitwe ausgeharrt. Erst am späten Abend landete der sambische Präsident in einem Hubschrauber in der Stadt mitten im „Kupfergürtel“, der Bergbauregion, wo er von der geduldig wartenden Menschenmenge jubelnd empfangen wurde. Die meisten trugen rote Kappen und T-Shirts in der Farbe seiner Partei, schwenkten Fahnen mit dem Porträt des Präsidenten. „Salt sana“ oder übersetzt „mehr Salz“ lautet einer der Wahlkampfslogans, mit denen Hichilema für eine zweite Amtszeit wirbt. Doch Wahlkampfstimmung ist in Sambia, dem zweitgrößten Kupferproduzenten in Afrika, in dem Endspurt vor der Abstimmung an diesem Donnerstag nur wenig zu spüren. Man würde kaum merken, dass demnächst eine wichtige Wahl stattfinde, sagen Bewohner in Kitwe. Es herrsche eine gedrückte und angespannte Atmosphäre. Das Porträt von „HH“, so wird Hichilema genannt, ist zwar überall in der Stadt zu sehen, teils auf riesigen Wahlplakaten. Doch das Porträt seines aussichtsreichsten Herausforderers, Brian Mundubile, muss man suchen. Hier und da hängen im Zentrum kleine Poster. Joan Chirwa, Gründerin einer Initiative für die freie Presse, spricht von einer systematischen Unterdrückung der Opposition, die schon lange vor dem Wahltermin begonnen habe. Im staatlichen Fernsehen und im Rundfunk werde der Opposition wenig Sendezeit zugestanden. In dieser Woche dann gab es weitere Berichte über Festnahmen und Entführungen wichtiger Oppositionspolitiker. Wenn sich diese Vorwürfe bestätigten, handle es sich um eine äußerst besorgniserregende Entwicklung, sagte Chirwa. Vor fünf Jahren wurde die sambische Demokratie noch gefeiert Vor fünf Jahren gingen nach der Wahl noch andere Berichte aus Sambia um die Welt. Nach fünf vergeblichen Versuchen hatte Hichilema überraschend mit 59 Prozent den Amtsinhaber Edgar Lungu besiegt. Überschwänglich wurde der friedliche, demokratische Machtwechsel gefeiert. Zeitungen berichteten, dass manche Anhänger Hichilemas Hunderte Kilometer mit dem Fahrrad fuhren, um bei seiner Vereidigung in Lusaka dabei zu sein. Beobachter beschrieben eine Stimmung wie nach Erlangen der Unabhängigkeit. Zur Vereidigung erschienen neben Staatsoberhäuptern auch einige prominente Oppositionsführer aus anderen afrikanischen Staaten. Der Wahlsieg des Ökonomen und Geschäftsmanns verbreitete darüber hinaus wirtschaftliche Aufbruchstimmung. „Kein Sambier soll mehr hungrig ins Bett gehen“, sagte Hichilema in seiner Antrittsrede. Unter Lungu war Sambia vor allem unter westlichen Investoren in Verruf geraten. Die Staatsverschuldung schoss in die Höhe. Lungu, der mit China enge Beziehungen pflegte, trieb Infrastrukturprojekte voran, ließ dabei aber auch überdimensionierte Bauten wie Stadien und Flughäfen errichten – mithilfe chinesischer Kredite und chinesischer Unternehmen, die meist ihre eigenen Arbeitskräfte mitbrachten. Nach der Fertigstellung spülten solche Projekte allerdings wenig Geld in die Staatskasse. Während der Corona-Pandemie konnte Sambia dann seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber internationalen Gläubigern nicht mehr erfüllen. Die Inflation stieg zeitweise auf mehr als 20 Prozent, die Arbeitslosigkeit nahm zu. Als Amtsinhaber zieht Hichilema nun mit einer gemischten Erfolgsbilanz in die Wahl. Die wirtschaftliche Lage habe sich verbessert, sagt Lee Habasonda, Politikwissenschaftler an der Universität von Sambia. Nach langen Verhandlungen mit den Gläubigern sei es gelungen, Umschuldungen zu erreichen, die Devisenreserven wieder aufzubauen und die Inflation zu drücken. Ausländische Investoren interessierten sich wieder für den Bergbau, nicht zuletzt ermuntert von Hichilemas prowestlicher und wirtschaftsliberaler Politik. Das macht sich vor allem im Kupfergürtel bemerkbar, wo sich private Konzerne während der Lungu-Präsidentschaft gegen einzelne staatliche Übernahmen und Beteiligungen an Bergwerken wehrten. Weithin positiv würden auch Reformen wie die Abschaffung der Schulgebühren bewertet, sagt Habasonda. Gut die Hälfte der Bevölkerung in Sambia ist jünger als 19 Jahre alt, und fast zwei Drittel lebten 2022 von weniger als 2,15 Dollar am Tag. Schafft eine Verfassungsänderung Vorteile für den Amtsinhaber? Hört man sich in Kitwe um, beklagen viele Bewohner aber die weiterhin hohen Lebenshaltungskosten, die Stromausfälle und die weitverbreitete Armut. In ihrem eigenen Leben habe sich nicht viel verändert, so der Tenor. Auch im Straßenbild ist die erhoffte Besserung nicht zu erkennen. Wenige Tage vor dem Wahltag rumpeln mit Kupferplatten beladene Schwerlastwagen über die mit Schlaglöchern gespickten Straßen und wirbeln so viel Staub auf, dass die Sonne kaum durchdringt. An den Straßenrändern verkaufen Händler an Holzständen Gemüse und Bündel mit Holzkohle. Ein großer Teil der Bevölkerung nutzt die Kohle weiterhin zum Heizen und Kochen. „Schau dich doch um, viele Straßen sind immer noch nicht geteert, selbst Häuser in den besseren Vierteln haben kein fließendes Wasser, die Müllabfuhr funktioniert nicht“, sagt Mwewa Fisonga, die für die neue Partei des aussichtsreichen Herausforderers Mundubile, die National Reconciliation Party for Unity and Prosperity (NRPUP), in den gleichzeitig stattfindenden Gemeinderatswahlen antritt. In einer Umfrage Ende vergangenen Jahres sagten trotzdem 55 Prozent der Befragten, sie würden dem 64 Jahre alten Hichilema ihre Stimme geben. Zusätzlich veranlasste er eine umstrittene Verfassungsänderung, die der Regierungspartei aus Sicht einiger zivilgesellschaftlicher Gruppen Vorteile verschafft. Die Opposition wiederum ist nach dem überraschenden Tod von Edgar Lungu im Juni vergangenen Jahres zunächst führungslos und zersplittert gewesen. Mundubile, ein Jurist und früherer Politiker in Lungus Partei, stieg erst spät als Kandidat einer Allianz mehrerer Oppositionsparteien in den Wahlkampf ein. Trotzdem versammelten sich bei seinen Auftritten viele Menschen. Eingeschworene Lungu-Anhänger betrachten ihn nun als Stellvertreter des verstorbenen früheren Präsidenten in dieser Wahl. Streit um Lungus Beisetzung Mary Chanda, eine weitere Kandidatin der NRPUP in Kitwe, ist eine von ihnen. Sie denke wehmütig an Lungus Amtszeit zurück, sagt sie während der Vorbereitungen für den Wahltag. Er sei ein „Mann des Volkes“ gewesen, habe allerdings die falschen Berater gehabt. Die hohe Verschuldung in seiner Amtszeit sei ein Problem gewesen, gesteht sie ein. „Aber wenigstens haben wir gesehen, wofür das Geld ausgegeben wurde.“ Es erfülle sie immer noch mit Stolz, wenn sie die großen Stadien oder Flughäfen sehe, die während seiner Präsidentschaft entstanden. Aufnahmen aus dieser Zeit blitzen nun in einigen von Mundubiles Wahlkampfvideos auf. Die Opposition versuchte anfangs auch, einen erbitterten Streit zwischen der Regierung und der Lungu-Familie um die Beisetzung des ehemaligen Präsidenten zu nutzen, um die Regierung schlecht darzustellen. Die Familie hatte alles darangesetzt, dass Lungu, der im Alter von 68 Jahren in einem Krankenhaus in Südafrika starb, nicht in sein Heimatland überführt und dort im Beisein seines Erzrivalen Hichilema bestattet wird. Nach einem langen Rechtsstreit entschied das Berufungsgericht in Südafrika im Juni schließlich zugunsten der Familie. Die sambische Regierung teilte danach mit, sie sei zwar anderer Meinung als das Gericht, werde die Angelegenheit aber nicht weiterverfolgen. Hichilema müsse sich auf eine stärkere Konkurrenz gefasst machen als zunächst erwartet, sagt der Politikwissenschaftler Habasonda. Vor allem für junge Sambier sei Hichilema ein großer Hoffnungsträger gewesen. Vor seinem Sieg 2021 war es seine Partei, die von der Regierung unterdrückt wurde. Er wurde mehrfach festgenommen und 2017 sogar wegen Hochverrats angeklagt, weil sein Fahrzeugkonvoi angeblich den Konvoi des damaligen Präsidenten blockiert hatte. „Die Sorge ist nun groß, dass sich die Geschichte wiederholt und sich Sambia womöglich nicht als demokratisches Musterland präsentiert.“