FAZ 05.10.2026
14:00 Uhr

Verleger Sebastian Guggolz: Wo wohnen Sie während der Buchmesse?


Wenn ich an all meine Buchmessen zurückdenke, kommen mir zuallererst die Unterkünfte über die Jahre in den Kopf: vom christlichen Stift in Kronberg über das Tiny House in Bad Homburg bis hin zu diversen Ferienwohnungen.

Verleger Sebastian Guggolz: Wo wohnen Sie während der Buchmesse?

Die diesjährige Frankfurter Buchmesse wird für mich eine ganz besondere. Denn erstmals werde ich als Vorsteher des Börsenvereins am Montag vor der Messe den Deutschen Buchpreis verleihen, außerdem habe ich das Privileg, die Messe mit einer Rede und dem Hammerschlag eröffnen zu dürfen, ich werde diverse Preisverleihungen, Podien, Moderationen, Veranstaltungen begleiten und schließlich, beim Hochamt der Buchbranche, den Friedenspreis am Sonntag in der Paulskirche überreichen dürfen. Die vorfreudige Anspannung wächst und wächst – von mir aus kann es schon gleich losgehen! Wenn ich an all meine Buchmessen zurückdenke, kommen mir zuallererst die Unterkünfte über die Jahre in den Kopf: vom christlichen Stift in Kronberg über das Tiny House in Bad Homburg bis zur historischen Hofreite in Friedrichsdorf, zudem diverse andere Ferienwohnungen an der Frankfurter Peripherie. Die jeweiligen Buchmessen waren geprägt von der morgendlichen An- und der abendlichen Abfahrt. Für den Weg zur Messe morgens waren Friedrichsdorf und Bad Homburg oder auch Offenbach ideal, weil ich dort früher in die S-Bahn einsteigen und mir einen Sitzplatz bis zur Messe sichern konnte. Beim Nachhauseweg abends oder nachts lief es oft auf das Taxi hinaus, damit wenigstens noch ein bisschen Schlaf übrig blieb. Das wird künftig anders sein, denn als Vorsteher des Börsenvereins steht mir zu Messezeiten ein Zimmer im Frankfurter Hof zur Verfügung. Das wird die Wege zum Messegelände und in der Stadt gravierend verändern. Auf der Kanzel der Paulskirche Die Buchmesse, die mir heute noch am deutlichsten vor Augen steht, ist diejenige im Jahr 2014 gewesen. Zuvor war ich einige Jahre für Matthes & Seitz Berlin nach Frankfurt gefahren, hatte als junger Lektor den Stand gehütet, gleich gegenüber der Friedenauer Presse mit der unvergesslichen Katharina Wagenbach-Wolff. Sie bewunderten wir verschämt, ihre Bücher – Babel!, Charms!, Čechov!, Dobyčin!, Gogol!, Gončarov!, Puschkin! (alle von Peter Urban übersetzt und meist von Horst Hussel hinreißend illustriert) – liebten wir, ihre oft prominenten älteren Standbesucher versuchten wir tuschelnd zu identifizieren. Nun stand also die erste Messe mit dem eigenen Verlag an, dem Guggolz Verlag, den ich kurz zuvor gegründet hatte; hier in Frankfurt wollte ich ihn der Öffentlichkeit präsentieren und hatte dafür den kleinstmöglichen Messestand gemietet. Ein Kabuff, zwei auf zwei Meter. Mehr brauchte ich gar nicht, denn ich hatte bei dieser ersten eigenen Buchmesse nur exakt zwei Bücher zu präsentieren, einen Belarussen, Maxim Harezki, mit seinem wichtigsten Roman aus den 1920er-Jahren, sowie Frans Eemil Sillanpää, den bis heute einzigen finnischen Literaturnobelpreisträger von 1939. Seinen Roman „Frommes Elend“ hatte ich zur Buchmesse neu übersetzen lassen. Mein Stand war zweigeteilt: Auf der linken Seite in den Regalen das eine Buch, rechts das andere Buch. Ich platzte fast vor Stolz, denn Finnland war in diesem Jahr Gastland, und ich hatte in meinem allerersten Programm den entsprechenden Nobelpreisträger. So erlebte ich diese Messe im Schwebezustand, freute mich über jeden Zuspruch, war entzückt über die Besucherinnen und Besucher, die mich und meinen Verlag entdeckten, genoss den Austausch mit den Kollegen. Ich saß selig in meiner kleinen Koje – als ein vorbeieilender Mann abrupt stehen blieb und laut „Sillanpää!“ ausrief. Es war ein finnischer Fernsehjournalist, der hellauf davon begeistert war, dass ein junger deutscher Verleger seinen Verlag eröffnet hatte mit einem alten Buch von „Taata Sillanpää“ (Opa Sillanpää): So lautet der Spitzname in Finnland bis heute, denn nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb der alte und vollbärtige Frans Eemil Sillanpää so gut wie keine Bücher mehr, hielt dafür aber Jahr für Jahr bis zu seinem Tod 1963 mit brummigem Ton die berühmte Weihnachtsansprache im landesweiten finnischen Radio. Die Kinder hingen an den Geräten, um jedem Wort zu lauschen. Der finnische Journalist zog davon, kehrte kurz darauf mit einem Kameramann im Schlepptau wieder zurück und bat um ein Interview. Ich willigte ein, die Ohren rot vor Aufregung, und noch in der Nacht bekam ich einen Link zugesandt, der zu den Abendnachrichten führte. Im Kulturteil war ich im Interview zu sehen – mit leuchtenden Ohren und finnischem Voiceover, meine eigene Stimme war nicht zu verstehen –, wie ich von der Wiederentdeckung von Frans Eemil Sillanpääs Romanen und der finnischen Literatur im Allgemeinen schwärmte. Die roten Ohren werden auch dieses Jahr wieder vom Bildschirm leuchten. In der ARD dann, am Messesonntag zum Abschluss, wenn ich die Kanzel der Paulskirche erklommen habe und ein Grußwort zu den Frankfurter Besuchern, den politischen Ehrengästen und dem diesjährigen Friedenspreisträger Philippe Sands sprechen darf. Sebastian Guggolz ist seit Herbst 2025 Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Darüber hi­naus ist er Verleger eines kleinen Verlages, der seinen Namen trägt, und leitet beim Verlag S. Fischer das Team, das für Klassiker zuständig ist.