Der libanesischen Regierung steht ein weiterer Drahtseilakt bevor. Am Donnerstag und Freitag sind weitere Gespräche mit Vertretern Israels in Washington angesetzt. Sie sollen einen Ausweg aus der bewaffneten Konfrontation zwischen Israel und der von Iran gelenkten Schiitenmiliz Hizbullah eröffnen. Die Führung des Landes sei dabei mit einer „unlösbaren Gleichung“ konfrontiert, unken libanesische Kommentatoren. Tatsächlich steht Beirut von vielen Seiten unter Druck: Der amerikanische Präsident Donald Trump will einen schnellen, öffentlichkeitswirksamen Deal. Am liebsten hätte er ein gemeinsames Bild mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Die Führung in Beirut ist auf amerikanisches Wohlwollen angewiesen. Der bröckelnde Waffenstillstand, der derzeit herrscht, war auf amerikanischen Druck ins Werk gesetzt und von Trump persönlich verkündet worden. Und noch wirkt der amerikanische Präsident mäßigend auf Netanjahu ein, der den Krieg gegen die Hizbullah laut übereinstimmenden Berichten eigentlich gerne wieder ausweiten würde. Frieden mit Israel – nicht Normalisierung Doch ein Fototermin, um Trump zu einem Erfolg zu verhelfen, steht aus libanesischer Sicht derzeit ebenso außer Frage wie eine Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Nachbarländern, die sich seit Jahrzehnten offiziell im Kriegszustand befinden. Ministerpräsident Nawaf Salam macht auch in der Öffentlichkeit immer wieder deutlich, die Zeit dafür sei noch nicht gekommen. Beirut will erst einmal einen belastbaren Waffenstillstand erreichen und dringt auf einen Abzug des israelischen Militärs von libanesischem Territorium. Seine Regierung strebe zunächst Frieden mit Israel an, nicht Normalisierung, erklärte er vor einigen Tagen. Erst einmal erweiterte die libanesische Regierung den Kreis der Unterhändler laut Medienberichten um den Chef des Verhandlungsteams, Simon Karam, und einen Vertreter der libanesischen Streitkräfte. Die Delegation werde darauf dringen, dass die Waffenruhe stabilisiert wird und Israel die systematische Zerstörung libanesischer Dörfer im Grenzgebiet einstellt. Hizbullah-Entwaffnung: Libanons Gesellschaft ist tief gespalten Die Regierung in Beirut muss nicht nur auf einflussreiche arabische Mächte wie Saudi-Arabien Rücksicht nehmen. Das Königreich, dessen Diplomatie gerade als sehr aktiv beschrieben wird, steht einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel selbst skeptisch gegenüber und nimmt die Netanjahu-Regierung als Störenfried und Sicherheitsrisiko wahr. Vor allem ist das Thema innenpolitisch heikel. Die libanesische Politik und auch die Bevölkerung sind tief gespalten – schon, was die Verhandlungen mit dem südlichen Nachbarland betrifft. Laut einer noch nicht veröffentlichten repräsentativen Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung, die der F.A.Z. vorliegt, halten zwar 53 Prozent der Libanesen eine Waffenstillstandsvereinbarung mit Israel für den besten Weg, um längerfristige Stabilität herzustellen. Doch zugleich herrscht laut dieser Umfrage in der schiitischen Bevölkerungsmehrheit große Skepsis. Das gilt gerade für die Hizbullah-Hochburgen. In der südlibanesischen Stadt Tyros zum Beispiel sahen 61 Prozent der Befragten den „bewaffneten Widerstand“ als besten Weg zu belastbarer Stabilität. Noch deutlicher wird die Spaltung zwischen den Schiiten und dem Rest der Gesellschaft in der Frage der Entwaffnung der Hizbullah, einem zentralen Thema der Verhandlungen. Israel und die USA drängen in dieser Frage auf schnelle Ergebnisse. Sie wollen Beirut als Partner im Kampf gegen die Hizbullah. Doch auch wenn die libanesische Regierung selbst erklärtermaßen das „Monopol des Staates auf Waffen“ anstrebt: Sie muss auf Widerstand im Inneren Rücksicht nehmen, wenn sie Konflikte begrenzen will. Breite Skepsis gegenüber dem libanesischen Staat Die Hizbullah weigert sich, ihr Arsenal aufzugeben. Die Schiitenmiliz droht damit, gewaltsame Versuche der Regierung, sie zu entwaffnen, könnten Libanon in einen neuen Bürgerkrieg stürzen. Laut der Meinungsumfrage sind zwei Drittel der Libanesen für das Waffenmonopol des Staates. Aber gerade hier konzentriert sich energischer Widerwille in der schiitischen Bevölkerungsgruppe. Breit gestreut in der Bevölkerung ist Misstrauen in die Fähigkeiten des libanesischen Staates. Und auch das bestimmt die Haltung zu den Gesprächen in Washington. Mehr als die Hälfte der Libanesen hat laut der Umfrage keinerlei Vertrauen darin, dass die Regierung einen dauerhaften Waffenstillstand herbeiführen kann. Und weniger als ein Drittel der Libanesen glaubt daran, dass ein solcher überhaupt zustande kommt.
