An diesem Dienstag im Berliner Landgericht gibt es einen Moment, da dreht sich eine der anwesenden Journalistinnen in der ersten Reihe zu ihren Kolleginnen um und lacht ein eher ungläubiges, bitteres Lachen. Der Richter liest gerade ein Ordnerverzeichnis vor, das aus einer sehr langen Liste von Frauennamen besteht. Vornamen, versehen mit einem Ortskürzel. Die Journalistin schaut zu ihren Kolleginnen, weil die Liste gar nicht mehr enden will. Es ist der zweite Tag im Prozess gegen den 68 Jahre alten Elektriker Frank S. am Landgericht Berlin. S. ist angeklagt, 14 Frauen, die zum Tatzeitpunkt 50 bis 60 Jahre alt waren, betäubt, vergewaltigt und Fotos und Videos von ihnen angefertigt zu haben. Aufnahmen, die in Ordnern mit Namen und Ortsangabe sortiert sind. Das ist die Liste. Um 22 mutmaßliche Taten geht es in diesem Prozess, sie sollen in den Jahren 2016 bis 2022 stattgefunden haben. 36 mutmaßliche Vergewaltigungen an einer anderen Frau sollen in den Jahren 2010 bis 2014 begangen worden sein und gelten als verjährt. In zahlreichen weiteren Fällen wird noch ermittelt. 58 Frauen könnten insgesamt betroffen sein. 16 Terabyte ausgewertet An diesem zweiten Prozesstag ist ein IT-Forensiker geladen, der vor Gericht Auskunft über die gefundenen Dateien geben soll. Das Material ist umfangreich, „ein großer Batzen Arbeit“, wie der Sachverständige sagt. 16 Terabyte seien ausgewertet worden, auf Computern, Smartphones, CDs, SD-Karten, Festplatten. Ein durchschnittlicher Nutzer, erklärt er, komme meist auf ein bis drei Terabyte. Im Verlauf der nächsten Stunden wird es bei der Verhandlung um belastendes Material gehen, das der Sachverständige und seine Kollegen auf den Geräten von S. fanden: Bilder und Videos, aber auch Chats mit anderen Männern, Lesezeichen, Suchverläufe. Daraus ergibt sich auch ohne die Ansicht der Dateien ein recht klares Bild: S. suchte auf Pornoseiten nach Begriffen wie „drunk“, „fuck the russian drunk girl“, nach „drugged slut“ oder „drugged sexy girl fucked“. Von Google wollte er wissen: „Ist Chloroform frei käuflich?“ „Dann schick sie in den Tiefschlaf“ S. suchte aber nicht nur, er gab auch selbst Auskunft. Davon zeugen Ausschnitte aus Chatverläufen, die in der Verhandlung verlesen werden. Ein User, den S. wohl online kennengelernt hat, nennt sich dort Wolfgang und kommt laut eigenen Angaben aus der Nähe von Paderborn. Er schreibt S., er suche ein Mittel, mit dem man „ein bis zwei Stunden schläft“. Es geht um Wolfgangs Frau. S. fragt nach ihrer Größe und ihrem Gewicht, ob sie trinkt oder raucht, fragt, „wie tief soll sie denn schlafen“. Wolfgang antwortet: „So dass sie nicht merkt, dass sie befummelt wird.“ In Chats mit anderen Männern ermuntern S. und seine Chatpartner sich, ihre Frauen zu betäuben und zu vergewaltigen: „Dann schick sie in den Tiefschlaf und mach solche Videos.“ Der Sachverständige sagt, 58 Frauen habe man anhand der Dateien zuordnen können. Deshalb geht auch die Staatsanwaltschaft von deutlich mehr Opfern aus als den 14 aus diesem Prozess. Hört man die Chatverläufe, so muss man vermuten, dass es nicht nur weitere Opfer, sondern auch weitere Täter gibt. Auch S. wurde so überführt. Er hatte einen inzwischen verstorbenen Mann aus Niedersachsen gefragt, mit welchen Präparaten man Frauen sedieren könne. Der Mann, dem ein Rechercheteam des NDR auf die Spur gekommen war, hatte seine Frau über Jahre betäubt und vergewaltigt und sich auf Foren und Plattformen mit anderen Männern darüber ausgetauscht.
