FAZ 18.08.2026
13:46 Uhr

Ventilatoren für Rechenzentren: Warum die nächste Perle des Maschinenbaus an Amerikaner geht


Der Mittelständler EBM-Papst wird für knapp fünf Milliarden Euro an ein US-Unternehmen verkauft, um schneller zu wachsen. Erinnerung an den Heizungsbauer Viessmann werden wach.

Ventilatoren für Rechenzentren: Warum die nächste Perle des Maschinenbaus an Amerikaner geht

Ein bekanntes deutsches Industrieunternehmen, das für einen Milliardenbetrag von einem amerikanischen Konzern übernommen wird, seinen Eigentümern eine enorme Verkaufssumme einbringt und eine deutsch-amerikanische Erfolgsgeschichte zum Wohle aller in Aussicht stellt: Der Verkauf von EBM-Papst, einem Hersteller von Lüftungstechnik, vor allem Ventilatoren, an Madison Air, der am Montag bekannt wurde, erinnert auf den ersten Blick an den Verkauf des Heizungsherstellers Viessmann an Carrier Global vor etwa drei Jahren. Zu Recht? Während die Nordhessen damals zwölf Milliarden Euro und eine Beteiligung an Carrier erzielten, geht EBM-Papst aus Mulfingen im Norden Baden-Württembergs für 4,78 Milliarden Euro in Madison Air auf. Es ist zwar kaum zu erwarten, dass dieser Verkauf das Land ähnlich aufwühlt wie der von Viessmann. Damals war vom Ausverkauf des deutschen Mittelstands und deutscher Spitzentechnologie unter dem Druck asiatischer Wettbewerber die Rede. Davon ist aktuell keine Rede. Und doch ist der Fall EBM-Papst ebenfalls bemerkenswert. Eine Perle des deutschen Maschinenbaus Das Unternehmen wird ebenso wie einst Viessmann aus einer Position der Stärke heraus amerikanisch. „Wir haben die richtigen Produkte zur richtigen Zeit“, sagt der Vorstandsvorsitzende Klaus Geißdörfer. Also vor allem Ventilatoren, um jene riesigen Rechenzentren zu kühlen, die global für unglaubliche Investitionen sorgen. Bei Viessmann war es ähnlich, nur ging es bei diesem Deal um die Wärmepumpe, ein Schlüsselprodukt der Energiewende. Beides, florierende Geschäfte und ein Bestseller im Portfolio, sorgten für die horrenden Verkaufspreise, bei Umsätzen von etwas mehr als zwei Milliarden Euro (EBM-Papst) und drei Milliarden Euro (Viessmann) Auch auf anderen Einsatzgebieten — industrielle Hochleistungsfertigung, Reinräume, Wohngebäude, Gesundheitswesen — ist das im Jahr 1963 gegründete Unternehmen EBM-Papst mit seinen 13.000 Beschäftigten, 5800 davon in Deutschland, gefragt und hat seinen Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr auf 2,24 Milliarden Euro steigern können. Wachstumstreiber sind Rechenzentren, KI-Infrastruktur, Elektrifizierung, Energieeffizienz, nachhaltige Heiz- und Kühllösungen. Im Geschäftsfeld Lufttechnik, dem deutlich größeren gegenüber der Heiztechnik, kommt es dabei zu unerwarteten Verbindungen: Das Unternehmen aus dem Kreis Hohenlohe, geographisch und geschäftlich in einer Nische zu Hause, gilt als Perle des deutschen Maschinenbaus und ist mit seinen Produkten in Fabriken und Anlagen der großen IT- und KI-Konzerne vertreten, ob Amazon, Google, Meta, Oracle, Microsoft, Bytedance oder Anthropic. Geißdörfer sagt trotzdem, dass das große Potential für die Weiterentwicklung der Gruppe noch nicht ausgeschöpft sei. Und dass man in Madison Air einen Partner gefunden habe, „der versteht, was uns ausmacht und was wir brauchen, um unsere Marktführerschaft weiter auszubauen“. Skalieren könne man zwar auch ohne eine solche Übernahme, aber nicht so schnell und stark wie mit den Amerikanern an der Seite. Diese beschäftigten 9000 Menschen in den USA, wo das größte Wachstum möglich sei, EBM-Papst gerade mal 900. Eine Bewertung von mehr als fünf Milliarden Euro Kam der Verkaufspreis bei den Viessmanns einer Familie zugute, sind es in Mulfingen drei: Die Gesellschafterfamilien Sturm, Ziehl und Philippiak, die sich bei der Transaktion von Milbank LLP als Rechtsberater und Goldman Sachs als Finanzberater unterstützen ließen, sind jeweils mit einem Drittel beteiligt und teilen sich den Verkaufspreis. Die Gesamtbewertung von EBM-Pabst lag bei 5,1 Milliarden Euro. Was die Zugehörigkeit zu einem börsennotierten Unternehmen in den USA statt zu deutschen Gesellschafterfamilien mit sich bringt, bekam Geißdörfer auch am Tag der Bekanntgabe zu spüren, wie er am Dienstag im Gespräch mit der F.A.Z. sagte. Die Berichtspflichten von Madison Air sorgten dafür, dass die Beschäftigten der Baden-Württemberger die Nachricht des Verkaufs aus den Nachrichten erfuhren. Danach war Aufklärung gefragt. „Die Information unserer Beschäftigten war schon ein Spagat“, sagt Geißdörfer. „Es ist ja klar, dass es bei großen Veränderungen Sorgen und Spekulationen gibt. Unruhe haben wir allerdings nicht erkennen können.“ Was mit dem Geld passieren wird, das den Eigentümerfamilien zufließt, ist offen. Während Max Viessmann, die treibende Kraft hinter dem Verkauf des Familienunternehmens, eine Reihe von Übernahmen oder Beteiligungen vorgenommen hat, die vor allem durch den roten Faden Nachhaltigkeit und Klimawandel verbunden sind, haben die Eigentümer von EBM-Papst nach der Verkaufsankündigung versprochen, den Standort Mulfingen zu erhalten und zu schützen. Es hieß, dass die Transaktion „keine Auswirkungen auf bestehende arbeitsrechtliche Verpflichtungen sowie tarifliche Regelungen und Betriebsvereinbarungen“ habe. Außerdem bleibe das aktuelle Management an Bord, Geißdörfer inklusive. Die Marke und der Standort Mulfingen mit Produktion und Entwicklung blieben ohnehin erhalten „In Mulfingen haben wir Weltklassebedingungen, vor allem, was die Themen Ausbildung und Fachkräfte betrifft“, sagt Geißdörfer „Wir suchen derzeit auch 200 Leute für die Produktion.“ Der Standort sei „nicht bedroht und wird weiter elementar für uns bleiben“. Madison Air sei ein Unternehmen, das seine Beteiligungen „an der langen Leine“ lasse. Es sei nicht zu erwarten, dass die Amerikaner die Baden-Württemberger dominieren wollten. Bisher waren beide in einer Kundenbeziehung miteinander verbunden: Madison Air kaufte Produkte von EBM-Papst für seine eigene Technologie. Man kennt sich also gut. In Mulfingen ist von einem „perfect match“ die Rede. EBM-Papst sei in Europa und Asien stark, Madison Air auf seinem Heimatmarkt in Amerika, außerdem kämen sich beide Unternehmen mit ihren Produkten nicht in die Quere. Sie ergänzten sich vielmehr ideal. Die Synergien seien enorm. Man gewinne einen „langfristig orientierten neuen Eigentümer mit hoher Innovationskraft und operativer Skalierungserfahrung“. Geißdörfer sagt: „Wir müssen schneller sein, denn wir kommen mit der Nachfrage kaum hinterher. Viele Kunden fordern von uns förmlich: mehr, mehr, mehr.“ Von sofort an Zugang zum US-Kapitalmarkt Die Grundidee ist jetzt, in den Vereinigten Staaten so schnell und stark zu wachsen, wie es ohne Madison Air nicht möglich wäre. Außerdem gebe es nun Zugang zum amerikanischen Kapitalmarkt. Die Gesellschafterfamilien hätten sich schon länger Gedanken gemacht, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll, wo neues Wachstum herkommt und welche die besten Perspektiven sind, sagt der Vorstandschef. Dabei ist es nicht so, dass EBM-Papst in den USA ein unbeschriebenes Blatt wäre. Das Unternehmen hat dort zwei Werke mit alles in allem 500 Beschäftigten, 19 Prozent des Gesamtumsatzes der Gruppe werden dort erzielt. Produktion und Servicenetz könnten jetzt aber noch schneller hochgefahren werden. Madison Air soll’s möglich machen. Das Unternehmen gehört zu Madison Industries, einem Industriekonglomerat, unter dessen Dach sich Unternehmen aus verschiedenen Branchen befinden. Es wurde von Larry Gies gegründet, dessen Reichtum von „Forbes“ auf 5,7 Milliarden Dollar beziffert wird. Madison Air entstand 2017, als Gies begann, Spezialisten für Lüftungssysteme aufzukaufen. Zu den Kunden gehören Privathaushalte ebenso wie Unternehmen. Madison Air ging im April dieses Jahres als erste Tochtergesellschaft der Madison-Holding an die Börse und entwickelte sich dort zunächst sehr gut. Die Aktien wurden zu einem Preis von 27 Dollar ausgegeben, und der Kurs stieg in den Wochen danach zeitweise auf mehr als 40 Dollar. In jüngster Zeit ging es aber wieder bergab, und auch die Nachricht von der Übernahme von EBM-Papst kam an der Börse nicht gut an. Der Aktienkurs fiel am Montag um mehr als sieben Prozent auf rund 29,50 Dollar. Der Börsenwert beträgt derzeit knapp 15 Milliarden Dollar. Jill Wyant, die Vorstandschefin von Madison Air, sagte am Montag in einer Telefonkonferenz, ihr Unternehmen sei „das richtige Zuhause“ für EBM-Papst. Mit dem Zukauf werde Madison Air seine Präsenz in Europa und Asien erheblich ausbauen können. Bislang erziele der Konzern rund 95 Prozent seines Umsatzes in Nord- und Südamerika, dieser Anteil werde nach der Akquisition auf 63 Prozent fallen. Die Transaktion werde Madison Air helfen, sein gesamtes adressierbares Marktvolumen von 40 Milliarden auf 70 Milliarden Dollar auszuweiten. Gründer Gies ergänzte schwärmerisch: „Die Kultur und das Erbe, das die Gesellschafterfamilien in Mulfingen und darüber hinaus aufgebaut haben, gehören zu den größten Stärken der Gruppe. Und wir werden beides bewahren.“ Eine Übernahme dieser Größenordnung steht natürlich unter dem Vorbehalt regulatorischer Freigaben und üblicher Vollzugsbedingungen. Sie soll aber gegen Jahresende 2026 vollzogen sein. Sollte sie doch noch scheitern, stehen den Eigentümerfamilien nach Angaben der amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC 250 Millionen Euro Entschädigung zu. Damit ist nicht zu rechnen. Es dürfte eher so sein, dass – wie im Fall Viessmann – die Verwendung der Verkaufssumme in den Mittelpunkt rückt. Nach diversen, in sich schlüssigen Transaktionen in vergleichbaren Branchen hat Max Viessmann zuletzt als potentieller Käufer eines Fünf-Prozent-Anteils am FC Bayern München für einiges Aufsehen gesorgt. Angeblicher Kaufpreis: 250 Millionen Euro.