FAZ 05.06.2026
19:26 Uhr

Unternehmer Thomas Bruch: Warum einer der reichsten Deutschen in Sankt Petersburg sprach


Auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg schmückt sich Russlands Präsident mit deutschen Unternehmern. Viele sind es tatsächlich nicht. Der prominenteste hat in Moskau viel zu verlieren.

Unternehmer Thomas Bruch: Warum einer der reichsten Deutschen in Sankt Petersburg sprach

Russlands Funktionäre beweisen sich bei Präsident Wladimir Putins Internationalem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg als Meister der Inszenierung. Eine „große Delegation deutscher Unternehmen“ erwarte Russland auf dem Forum, hatte Kirill Dmitrijew, Präsident Wladimir Putins Sonderbeauftragter für Wirtschaftszusammenarbeit, angekündigt. „Deutsche Business-Leader zeigen deutschen Politikern und Beamten den richtigen Weg.“ Die Zeitung „Kommersant“ schrieb, Deutschland schicke „erstmals seit einigen Jahren eine offizielle Wirtschaftsdelegation“ zu Putins Forum. Doch in der Wirklichkeit schrumpft die deutsche Wirtschaftspräsenz in Petersburg auf eine Veranstaltung, die am Donnerstag stattfand: einen „Business-Dialog“ zwischen Russland und Deutschland. Und auf deren Teilnehmerliste stand nur ein Mann, der wirklich als Vertreter der deutschen Wirtschaft zählen kann: Thomas Bruch. Er führte lange die Globus-Gruppe, zu der Verbraucher- und Elektrofachmärkte besonders in Deutschland und Tschechien gehören. Kritik an Engagement in Russland Heute ist er 76 Jahre alt, hat die Führung der Holding an seinen Sohn Matthias abgegeben und gilt als einer der reichsten Deutschen. Das Russlandgeschäft hat er Anfang vergangenen Jahres abgespalten. Seither führt er es eigenständig. Im Großraum Moskau betreibt das Unternehmen 20 Hypermärkte und beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter. Politiker der Regierungskoalition hatten die Reise kritisiert. Der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter (CDU) erklärte, dass sie den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine normalisiere. „Im Einklang mit der Bundesregierung“ Bruch, Händler in sechster Generation, ein freundlicher älterer Herr mit guten Manieren, lässt ausrichten, er habe in seiner Funktion als Geschäftsführer seiner russischen Märkte am Wirtschaftsforum in St. Petersburg teilgenommen. Die Märkte agierten eigenständig und erfüllten in Russland den Auftrag der Grundversorgung der Bevölkerung. Dieses Vorgehen stehe im Einklang mit den Beschlüssen der Bundesregierung. Vorgestellt als Eigentümer der Hyperglobus und Aktionär der Globus Holding, sprach er dann auf dem Podium von seiner Freude, nun in St. Petersburg zu sein. Er sprach auch davon, dass Dialog unter erschwerten Bedingungen gut sei, weil manche Dinge der Klärung bedürften. Sechs Prozent Wachstum habe man im vergangenen Jahr in Russland verzeichnet. Man sei auf dem richtigen Weg, und man sei „gekommen, um zu bleiben“. Momente der Geschichte kämen und gingen, sagte Bruch – und hob hervor, dass Herausforderungen einen stärker machten. Moderiert wurde die Veranstaltung, die ohne Kritik am russischen Angriffskrieg auskam, vom Vorsitzenden der in Moskau ansässigen Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Matthias Schepp. Bruchs Nachbarn auf dem Podium waren ein Deutscher, der den staatlich kontrollierten Gazprom-Konzern berät; ein Russe vom Stahlkonzern Severstal; eine Russin, deren Unternehmen die Industriekesselproduktion des Viessmann-Konzerns aufkaufte, als dieser den russischen Markt verlassen wollte; sowie der über die deutsche wie die russische Staatsangehörigkeit verfügende Leiter einer Firma aus dem Umland von Moskau, die aus dem Ableger des deutsch-schwedischen Unternehmens Metalock hervorging. Freundschaft und Subventionen Auch das Geschäft des siebten, neben Bruch prominentesten Teilnehmers der Runde ist ganz auf Russland konzentriert: Der Agrarunternehmer Stefan Dürr stammt zwar aus dem Odenwald, ist aber seit Jahrzehnten in Russland tätig. Seine russische Staatsangehörigkeit hat ihm Putin im Dezember 2013 per Erlass zuerkannt. Das hebt Dürrs Unternehmen Ekoniva auf seiner Website hervor, ebenso, dass er 2024 den russischen „Freundschaftsorden“ für Verdienste in der Landwirtschaft und „langjährige gewissenhafte Arbeit“ erhalten habe. Viele Russen kennen Dürrs Gesicht. Es lächelt sie von den Verpackungen der Ekoniva-Milchprodukte an. Dürr ist bestens vernetzt, auch Vorsitzender von Sojusmoloko, dem russischen Verband der Milchproduzenten. In Petersburg sprach er von 1,7 Millionen Tonnen Milch, die sein Unternehmen im Jahr herstelle. Was Dürr nun nur andeutete, war die Rolle von Putins Politik bei seinem Aufstieg: „2014 hat uns geholfen“, sagte er. Dürr profitierte von den sogenannten Gegensanktionen in Form von Lebensmittelimportverboten, die Putin als Reaktion auf die seinerzeit zaghaften westlichen Sanktionen wegen der Annexion der Krim und der Aggression in der Ostukraine verhängte. Putins „Sondermaßnahmen“ ließen die Nachfrage nach russischen Milchprodukten rasant ansteigen. Vor allem in der Anfangszeit stiegen die Preise allerdings an, während die Qualität sank. Bis heute richten sich keine EU-Sanktionen gegen Lebensmittelausfuhr nach Russland. Dürr bezeichnete sich auf dem Podium unvermittelt als Gegner von Staatshilfen, obwohl sein Unternehmen russischen Medienberichten zufolge üppige russische Subventionen bekommen hat. Er wiederholte die Putin-Linie, dass Europa sich mit den Sanktionen selbst geschadet habe. Jetzt erhalte man Geräte eben aus China, sagte Dürr. Dort seien die Preise niedriger, nur die Logistik schwieriger. 2022, als sich Globus gegen den Rückzug aus Russland entschieden hatte, schlugen die Wogen im Unternehmen nach Darstellung von Bruchs Sohn Matthias wochenlang hoch, bis hin zu persönlichen Drohungen. Auf Fragen aus der Belegschaft habe er dann eine regelmäßige Videosprechstunde eingerichtet. Globus sei als Lebensmittellieferant wichtig, bei einem Rückzug drohten den Führungskräften Repressionen, das Unternehmen würde verstaatlicht.