FAZ 13.05.2026
16:42 Uhr

Umgang mit Rechenzentren: Warum Milliarden-Projekte an Bürgern scheitern


Während die Bundespolitik den Bau von Rechenzentren beschleunigen will, wird es den Bürgern zu viel. Im Rhein-Main-Gebiet bringen ihre Proteste nun das zweite Milliardenprojekt ins Wanken.

Umgang mit Rechenzentren: Warum Milliarden-Projekte an Bürgern scheitern

Daten gelten als das neue Gold, sie im eigenen Land zu halten und zu verarbeiten, gilt als Wirtschaftspolitik für morgen. In diesem Sinne hat sich die Bundesregierung ein Ziel gesetzt: „Bis 2030 wollen wir unsere Rechenzentrumskapazitäten mindestens verdoppeln“, erklärte Bundesdigitalminister Carsten Wildberger (CDU) bei der Vorstellung einer entsprechenden Strategie im März. Er versprach der Branche „genügend Flächen, bezahlbaren, sicheren Strom und schnelle Genehmigungen“. Dafür haben Investoren und Betreiber jahrelang geworben. Doch ausgerechnet jetzt, da sie die Bundespolitik hinter sich haben, springen die Bürger ab: Im Rhein-Main-Gebiet, dem mit Abstand wichtigsten Standort für die Gebäude zur Datenverarbeitung, droht nun schon das zweite große Datacenterprojekt an der Abwehr von Anwohnern und Lokalpolitikern zu scheitern. In Groß-Gerau haben die Stadtverordneten beschlossen, auf die 2,5 Milliarden Euro zu verzichten, die das amerikanische Betreiberunternehmen Vantage Data Centers in der Kleinstadt investieren wollte. In Maintal im Main-Kinzig-Kreis heißt es neuerdings, dass sich der Betreiber Edgeconnex zurückziehe, nachdem von Bürgern angestellte Berechnungen zu Stromverbrauch, CO₂-Ausstoß und Lärmbelastung die Stimmung in der Stadt auf Abwehr gedreht haben. Auch in Maintal war von einer Milliarde Euro Investition die Rede. Die Gründe für die Ablehnung sind vielfältig, aber der Trend ist klar: Gerade im Rhein-Main-Gebiet sinkt die Bereitschaft, fußballfeldgroße Grundstücke für gekühlte Serverhallen herzugeben, in denen Geräte statt Menschen arbeiten und deren Energie- und Wasserverbrauch um ein Vielfaches höher ist als jener der gesamten Stadt. Die Diskussionen erinnern an das Entstehen vieler Windparks in Deutschland: Jeder versichert, wie notwendig sie seien. Auf der eigenen Gemarkung jedoch spricht immer mehr gegen ihren Bau als dafür. Entfernung kontra Echtzeit Auch bei den Rechenzentren wissen alle, dass ohne sie kein Smartphone chattet und kein Netflix-Abo Filme zeigt, dass niemand im Homeoffice arbeitet, die Industrie ihre Maschinen nicht mehr steuern kann, die Finanzinstitute keine Geschäfte machen können. Datacenter sind die physische Seite von Internet, Cloud und Künstlicher Intelligenz, die Infrastruktur der Digitalisierung. Dennoch stellt immer wieder jemand die Frage, ob man sie denn wirklich in dieser Anzahl und Größe brauche – und wenn ja, ob es nicht genügen würde, sie statt in einem Ballungsraum im Grünstromparadies Skandinavien zu bauen. Lautete die Antwort Ja, würde sich wohl kein Investor mit den teuren Bodenpreisen in Rhein-Main, den höchsten Stromkosten Europas und der deutschen Bürokratie aufhalten. Doch die digitale Welt lebt vom Datenaustausch und deshalb von Geschwindigkeit. Mehr als Bruchteile von Sekunden sogenannter Latenz sind bei Finanztransaktionen, industriellen Prozessen oder gar der Steuerung autonomer Fahrzeuge nicht tolerierbar. Und auch die jüngst in einer Umfrage ermittelte Geduldsschwelle von maximal zehn Sekunden, die private Nutzer für den Start eines Films oder einer App aufbringen, wäre auf eine harte Probe gestellt, stünden alle Server in Skandinavien oder gar den USA. Damit das Internet in der sogenannten Echtzeit funktioniert, sollten Nutzer und Datenverarbeitung allerhöchstens 300 Kilometer voneinander entfernt sein. Je näher, desto schneller. Unter anderem deshalb ist das Datacenter-Cluster rund um den Internetknoten De-Cix in und um Frankfurt entstanden. Bundesweit soll die Leistung aller deutschen Datacenter in diesem Jahr erstmals die Grenze von 3000 Megawatt überschreiten. Etwa ein Drittel davon entfällt auf den Großraum Frankfurt, wo mehrheitlich Hyperscaler genannte Großrechenzentren und leistungsstarke Colocation-Gebäude stehen. Bei Letzteren sind Betreiber und Nutzer verschiedene Parteien: Telekommunikationsunternehmen, Cloudbetreiber, Streaminganbieter, Gamingplattformen sowie Banken, Industriekonzerne und viele andere mieten sich mit ihren Servern ein, um Bau und Betrieb kümmern sich international tätige, häufig amerikanische Konzerne. Preise und Proteste halten Investoren nicht ab In Frankfurt laufen die Leitungen und Daten zwischen der westlichen und östlichen Hemisphäre zusammen, kreuzt sich sozusagen das Internet zwischen China, Europa und Amerika. Damit ist der Standort so wichtig, dass eine Studie Stadt und Region im vergangenen Jahr zur Internethauptstadt der Welt erklärt hat. Deshalb lassen sich die Betreiber bislang weder von Preisen, abwehrender Bürokratie noch von Bürgerprotesten vom Standort abbringen. Zwar war der Aufschrei groß, als die Stadt Frankfurt mit der Beschränkung potentieller Standorte signalisiert hat, dass sie kein weiteres Wachstum innerhalb ihrer Grenzen wünscht. Doch Nachbarstädte wie Hattersheim, Offenbach oder Dietzenbach haben die Branche als autofreie Alternative zu Logistikzentren zunächst gern aufgenommen. Inzwischen sind die Ressourcen auch im Umland knapper und die Skepsis ist größer geworden; dennoch wird weiter kräftig gebaut. Um nur Beispiele zu nennen: In Hanau lässt Google eines der größten Rechenzentren Europas um einen KI-Standort erweitern, auch in Dietzenbach baut der Techkonzern neu. In Maintal wird zumindest die Amazon-Cloud-Tochter AWS bauen, und mit Projekten in Roßbach und in Bad Vilbel erschließen sich die Colocation-Anbieter gerade die vor Frankfurt liegende Wetterau. Strom ist der begrenzende Faktor Wenn die Unternehmen etwas bremst, ist es der Mangel an Strom. Der ist in der gesamten Region auf Jahre ausverkauft – und der für die Jahre nach 2030 versprochene Nachschub steht unter dem Vorbehalt, dass der überregionale Netzausbau im angekündigten Zeitplan erfolgt. Darauf vertrauen nicht mehr alle. Deshalb hat Edgeconnex für sein Projekt in Maintal ein eigenes Gaskraftwerk vorgesehen, um seine Stromversorgung für die nächsten Jahre selbst zu sichern. In Amerika ist diese Kombination üblich, aber in Deutschland, wo den Bürgern beinahe täglich nahegelegt wird, die Gasheizung durch eine Wärmepumpe und den Benziner durch ein E-Auto zu ersetzen, ist sie schwer zu vermitteln. Es ist vor allem das geplante Kraftwerk, das die Maintaler gegen das Edgeconnex-Vorhaben aufgebracht hat. Die angekündigten Gebäudemaße von bis zu 400 Metern Länge haben ihren Beitrag geleistet. Die Ausmaße der Serverhallen waren auch in Groß-Gerau ein Grund für die Ablehnung, weil sie Frischluftströme bremsen und die umliegenden Einfamilienhäuser als Fremdkörper überragen würden. Gerade im Colocation-Geschäft haben sich die Dimensionen der Gebäude wie der Rechenleistung zuletzt vervielfacht. Für die heutigen Großprojekte mit einhundert und mehr Megawatt Anschlussleistung für Tausende Quadratmeter Serverfläche müssen die Kommunen ganze Bebauungspläne neu erstellen. Das dauert eher Jahre als Monate. Die Verfahren geben den Städten mehr Freiraum, um etwa Auflagen für Gebäudehöhen, Begrünung oder Lärmemissionen zu machen, sie verlangen aber zugleich nach mehr Bürgerbeteiligung. Womit das Forum für Kritiker größer geworden ist. Betreiber müssen immer mehr Kompromisse eingehen Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich in Raunheim beobachten, ebenso wie Groß-Gerau und Maintal eine Kleinstadt in Sichtweite von Frankfurt. Dort betreibt Vantage Data Centers, der in Groß-Gerau gescheiterte Investor, bereits mehrere Rechenzentren. Während das älteste davon noch ein schlichter Klotz ist, der wie eine Wand vor einer Siedlung mit Einfamilienhäusern aufragt, kann das zuletzt gebaute als eines der schönsten in Deutschland gelten. Die Fassade ist teilweise mit Holz verkleidet, technische Aufbauten sind weitgehend versteckt. Die hohen Wände sind mit Solarpaneelen behängt oder mit Pflanzen begrünt. Zwischen beiden Bauten liegen viele Gespräche mit Stadtpolitik und Verwaltung sowie etliche Bürgerrunden mit den Nachbarn, die zunächst unter den Auswirkungen der Großbaustelle mit Staub und Krach litten und später über Lichtverschmutzung, Verschattung und Motorengebrumme klagten. Luka Kim, Geschäftsführer von Vantage Datacenters in Deutschland, nimmt für sein Unternehmen in Anspruch, stets gesprächs- und kompromissbereit zu sein. Für viele Probleme habe man eine Lösung gefunden, dafür häufig auch Mehrkosten in Kauf genommen. Das Ziel müsse immer eine „Win-win-Situation“ für alle Seiten sein, betont Kim. Nicht nur mit gesteigerter Ästhetik, auch mit Führungen, Infoveranstaltungen und weihnachtlichen Schokoladengrüßen für die gesamte Nachbarschaft versucht Vantage, die Raunheimer versöhnlich zu stimmen. Trotzdem kamen über neunhundert Unterschriften von Bürgern zusammen, die sich gegen seinen nächsten Neubau in Raunheim ausgesprochen haben. Die Stadtverordnetenversammlung hingegen hat nach langem Ringen grünes Licht gegeben. Auch in Groß-Gerau habe man mit den Verantwortlichen vor der entscheidenden Abstimmung schon über Jahre Gespräche geführt, sagt Kim. Vantage habe den Lokalpolitikern und Anwohnern Gutachten, Baupläne, Gewerbesteuerbescheide und Prognosen zur Verfügung gestellt. „Mehr können wir nicht tun.“ Die Gegner schenken all dem wenig Vertrauen, stuften die Steuerzahlen als überhöht ein und interpretierten das Angebot, die Planungskosten zu übernehmen, als Versuch, sich in die Stadt „einzukaufen“. Kommunen bekommen vom Steuersegen wenig ab Weitaus häufiger kommt allerdings der Vorwurf, die Betreiber ließen zu wenig Geld dort, wo sie viel Land bebauen. Laut einer 2025 veröffentlichten Studie über „Standort- und regionalökonomische Wirkungszusammenhänge“ bleiben zehn Prozent der Steuerzahlungen dort, wo die meisten Datacenter stehen. Während der Bund und das Land Hessen 171 beziehungsweise 104 Millionen Euro von den Betreibern kassieren, kommen nur 27 Millionen Euro direkt als Gewerbesteuer in Frankfurt und den Nachbarkommunen an. Wobei die am meisten bekommen, bei denen die Deutschlandzentralen der Unternehmen stehen. Das liegt daran, dass die Gewerbesteuer auf Grundlage der Beschäftigtenzahlen verteilt wird. Doch für den Betrieb der rund 80 großen Standorte in Rhein-Main reichen knapp 3000 Angestellte, Arbeitsplätze schafft die Branche vor allem indirekt. Auch hier gibt es Parallelen zum Windkraftausbau, gegen den es viel Protest gab, weil weder Strom- noch Steuererträge bei den Kommunen ankamen. Bis die Berechnungsgrundlage geändert wurde. Die Bürgermeister von Hanau und Dietzenbach haben vorgeschlagen, eine ähnliche Lösung für Datacenter einzuführen: Für sie sollte die zu zahlende Gewerbesteuer besser anhand der jeweils installierten Rechenleistung berechnet werden. So würde dort, wo das größte Gebäude steht, auch der größte Teil der Gewerbesteuer landen. Das Land Hessen, das klar für den Ausbau des Datacenter-Standorts Rhein-Main plädiert und arbeitet, setzt sich in Berlin auch dafür ein, die Ansiedlung für die Kommunen attraktiver zu machen. Den Betreibern soll es recht sein. Volker Ludwig, Deutschlandchef des Betreibers Digital Realty und Sprecher der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen, sagte gegenüber der F.A.Z., mit einer Neuverteilung könnte die Branche gut leben, „sofern sich die Steuerlast nur umverteilt und nicht erhöht“. Wie seine Branchenkollegen betont Ludwig bei jeder Gelegenheit, dass der Ausbau der digitalen Infrastruktur für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland unbedingt gelingen müsse. Aber nur gemeinsam mit der Politik, den Kommunen und Bürgern erfolgreich sein werde. Kommen die Beteiligten nur in Einzelfällen nicht zusammen, scheint der Schaden überschaubar: Vantage Data Centers will nach Aussage von Manager Kim nicht lange damit gehadert haben, dass es sich mit dem Kauf des 14 Hektar großen Grundstücks in Groß-Gerau verspekuliert hat. Vielleicht finde sich noch eine Lösung, die beiden Seiten gerecht wird. Sein Unternehmen werde trotzdem weiter in Deutschland und Rhein-Main expandieren.