FAZ 10.05.2026
20:31 Uhr

Umbruch im Tischtennis: Der chinesische Riese wankt, aber er fällt nicht


Chinas Tischtennisteam verliert nach Jahrzehnten wieder in der WM-Gruppenphase. Die Probleme der dominanten Nation haben sich angekündigt.

Umbruch im Tischtennis: Der chinesische Riese wankt, aber er fällt nicht

Das Ende von Hegemonien deutet sich meist lange vor ihrem Zusammenbruch an. Auch wenn ihr Fall abrupt erscheint, zeigen sich oft früh erste Risse. Solche Muster sind nicht auf geopolitische Machtverhältnisse beschränkt. Mitunter lassen sie sich auch auf kleinerer Bühne beobachten. Möchte man den Niedergang einer Vormachtstellung erleben, lohnt sich derzeit ein Blick in die Tischtenniswelt. In kaum einer anderen Sportart hat eine Nation ihre Konkurrenz über Jahrzehnte so beherrscht wie China. Auch diesmal setzte sich das in der Vorrunde noch wankende chinesische Team letztlich durch, besiegte Japan im Finale 3:0. Doch die Team-WM zeigte auch, wie zerbrechlich inzwischen die Dominanz von Chinas Herren geworden ist. In der Gruppenphase verlor die Mannschaft zum ersten Mal nach sage und schreibe 26 Jahren ein Spiel bei einer Team-WM. Und das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal. Zuerst 1:3 gegen Südkorea, dann 2:3 gegen Schweden. Dabei unterlag die ehemalige Nummer eins der Welt Lin Shidong unter anderem Elias Ranefur, der in der Weltrangliste auf Position 70 steht.  Für China war das eine Demütigung. Niederlagen – die ist man gerade in Team-Wettbewerben nicht gewohnt. Doch diese Misserfolge sind keine Ausrutscher. Sie fügen sich ein in eine Entwicklung, die sich seit Jahren vor allem in Einzelwettbewerben abzeichnet. 2019 erreichte mit dem Schweden Mattias Karlsson erstmals nach 16 Jahren ein nichtchinesischer Spieler das Finale bei einer Einzel-WM. 2021 und 2025 machten es ihm sein Landsmann Truls Möregårdh und der Brasilianer Hugo Calderano gleich. Einschnitt bei den Sommerspielen in Paris Einen weiteren Einschnitt markierten die Olympischen Spiele in Paris 2024, als Möregårdh den damaligen Weltranglistenersten Wang Chuqin bezwang. Erstmals nach 20 Jahren schied damit ein Chinese gegen einen ausländischen Gegner aus. In diesem Jahr setzte sich diese Entwicklung fort. Beim prestigeträchtigen World Cup erreichte nur Wang das Viertelfinale, beim Grand Smash in Singapur war er der einzige Vertreter seines Landes in der Vorschlussrunde. Selten war China so abhängig von einem einzigen Spieler. Die Gründe für diese Entwicklung sind so simpel wie überraschend. Den Chinesen fehlt es an Breite im Kader, und die anderen Länder haben zugelegt. Dass ausgerechnet die große Tischtennisnation, die über Jahrzehnte Supertalente wie am Fließband produzierte, plötzlich Nachwuchsprobleme hat, ist kurios. Dass genau in dieser Phase sich ihr wichtigster Spieler Fan Zhendong nach dem Gewinn der Goldmedaille in Paris Ende 2024 aus der Nationalmannschaft zurückzog und nun in der deutschen Bundesliga spielt, ist für den chinesischen Verband besonders schmerzhaft. Und so ist nun mit Liang Jingkun der 21. der Weltrangliste Teil der ersten Garde bei dieser WM. Solch ein Szenario wäre lange Zeit undenkbar gewesen. Chinas Erklärung: Der Rückzug der Giganten In chinesischen Medien werden die Probleme offen diskutiert, die Niederlagen nicht als Überraschung wahrgenommen. Vom Generationenwechsel ist die Rede, davon, dass die internationale Konkurrenz aufholt. Doch ist es wirklich primär der Rückzug der Giganten Ma Long und Fan Zhendong? Das erscheint überraschend. Über Jahrzehnte kamen und gingen große Namen, die drückende Dominanz blieb. Zudem unterschlägt dieses Argument, dass dieser schleichende Prozess viel früher begonnen hatte. Warum dem ausgeklügelten chinesischen Sportsystem diesmal der Übergang so schwer fällt, lässt sich von außen schwer beurteilen. Ein Grund ist offensichtlich die WTT-Serie, die 2021 an den Start ging. Seitdem ist das chinesische Team gezwungen, mehr internationale Wettkämpfe zu spielen. Zuvor hatte ihr System stark auf langen und intensiven Trainingslagern basiert, für diese gibt es nun sehr viel weniger Zeit. Trotz des geringeren Leistungsvermögens bleibt die Erwartungshaltung und der Druck auf den Spielern maximal. Besonders eindrücklich war das im Halbfinale am Samstag gegen Frankreich zu sehen, das China 3:1 für sich entschied. Als Liang nach zwei miserablen ersten Sätzen sein Spiel noch gewinnen konnte und sein Team 2:1 in Führung brachte, stieß er einen Schrei der Erleichterung heraus, als sei es gerade um Leben und Tod gegangen. Kein Wunder: Eine Niederlage bereits in der Vorschlussrunde wäre einer Blamage gleichgekommen. Dass mit Ma Long, Xu Xin und Wang Liqin drei Ikonen direkt an der Box Platz genommen hatten, dürfte den Druck kaum gemindert haben. Ihre Anwesenheit machte sichtbar, welches Erbe auf dieser Mannschaft lastet. Noch hat die Dominanz ihr endgültiges Ende nicht erreicht. Noch gelingt es der tischtennisverrückten Nation, die wichtigsten Titel für sich zu sichern. Doch es scheint, als sei es nur eine Frage der Zeit, bis andere Mannschaften ganz oben auf dem Podium stehen werden. Einen entscheidenden Trumpf hat China jedenfalls bereits verloren: den Glauben seiner Gegner an die eigene Chancenlosigkeit.