Auf der Hauptversammlung am 20. Mai hatte der Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann den Aktionären empfohlen: „Nehmen Sie das Angebot der Unicredit nicht an.“ Doch seinem Rat folgen bei Weitem nicht alle. Wie Unicredit am Dienstag bekannt gab, hat sie durch das seit 5. Mai laufende Umtauschangebot bisher 7,58 Prozent der Commerzbank-Aktien erhalten. Allein damit würde sich Unicredits Anteil auf 34,35 Prozent erhöhen. Offiziell wird der Anteil noch mit 26,77 Prozent ausgewiesen, doch das wird sich spätestens mit Ablauf des noch bis 16. Juni laufenden Umtauschangebots ändern. Eine Komplettübernahme der Commerzbank wird damit immer wahrscheinlicher. Das Überschreiten der 30-Prozent-Schwelle hat Unicredit lange versucht zu vermeiden, denn dann wird normalerweise ein teures Übernahmeangebot an alle Aktionäre fällig, das sich am Drei-Monats-Durchschnittskurs orientieren muss. Diesem gesetzlich vorgeschriebenen Übernahmeangebot ist Unicredit mit einem Kniff zuvorgekommen: Seit 5. Mai bietet Unicredit freiwillig allen Commerzbank-Aktionären an, ihre Aktien in Unicredit-Aktien zu tauschen: Für eine Commerzbank-Aktie gibt es 0,485 Unicredit-Aktien. Gemessen an den Börsenkursen ist das nicht attraktiv. Dennoch sind Unicredit seit 5. Mai mindestens 85 Millionen Commerzbank-Aktien angedient worden. Unicredit hat Verträge mit Nomura und Citigroup Und Unicredit kann nach Abgabe des freiwilligen Tauschangebots weiter an der Börse zukaufen, bis sie die Schwelle von 50 Prozent an der Commerzbank erreicht. Die Aussicht auf ein spätestens dann erhöhtes Übernahmeangebot treibt den Kurs: Die Commerzbank-Aktie kletterte am Dienstag um 1,5 Prozent auf 37,50 Euro – den höchsten Kurs seit August 2025. Auch der Kurs von Unicredit legte zu, wenn auch nicht ganz so stark. Für die italienische Bankaktie zahlten Anleger rund 74,50 Euro, ein Prozent mehr als am Vortag. Über den direkten Anteil von nun 34,35 Prozent hinaus besitzt Unicredit Finanzinstrumente, die ihr laut Homepage der Commerzbank Zugriff auf weitere 12,1 Prozent der Commerzbank-Aktien erlauben. Außerdem gibt es andere Banken, die womöglich im Auftrag von Unicredit in der Commerzbank engagiert sind: Die japanische Nomura hat am 25. Mai mitgeteilt, sie besitze 3,9 Prozent der Commerzbank-Aktien und 4,2 Prozent an Finanzinstrumenten. Die US-Institute Jefferies (11,1 Prozent Finanzinstrumente), Morgan Stanley (0,1 Prozent Aktien direkt, 5,2 Prozent Instrumente) und Citigroup (1,5 Prozent Aktien, 3,7 Prozent Instrumente) stechen hervor. In ihrer Angebotsunterlage vom 5. Mai nennt Unicredit selbst Nomura und Citigroup, mit denen sie Verträge über Total Return Swaps geschlossen habe. Unicredit hält auch Derivate auf Commerzbank-Aktien Vermutlich haben überwiegend mit Unicredit befreundete oder von ihr zuvor beauftragte Commerzbank-Aktionäre das Umtauschangebot seit 5. Mai angenommen. Ökonomisch zumindest ergibt das wenig Sinn. Auch wenn die italienische Bank am späten Dienstagnachmittag die „hohe Resonanz“ auf den „inneren Wert, den die Anleger im Übernahmeangebot von Unicredit erkennen“, zurückführte, machen Anleger damit zu aktuellen Börsenkursen im Moment Verlust. Unicredit verweist allerdings darauf, dass die Bank auch noch eigene Finanzinstrumente (Derivate auf Commerzbank-Aktien) besitzt, die zur direkten Aktienposition (von bislang 26,77 Prozent) hinzurechnen seien: 3,2 Prozent über Instrumente mit der Option auf physische Abwicklung sowie 13,2 Prozent bar abgerechnete Instrumente.
