Wenn Donald Trump an diesem Mittwoch Pekinger Boden betritt, ist eine historisch lange Phase vorbei. Vor achteinhalb Jahren war Donald Trump selbst der letzte US-Präsident, der China besuchte. Seit Richard Nixon im Jahr 1972 als erster US-Präsident die Volksrepublik besuchte, währte die Eiszeit nur einmal länger: in den knapp zehn Jahren nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989. Diese historischen Dimensionen machen deutlich, wie viel auf dem Spiel steht. Und doch sind die Erwartungen minimal, dass es zu konkreten Durchbrüchen kommt, heißt es im Vorfeld einhellig aus den Denkfabriken in Washington und Peking. Welche Themen aus ökonomischer Sicht die Agenda beherrschen, zeigen zwei Treffen. Vergangene Woche war Irans Außenminister zu Gesprächen in Peking. China drückte damit aus, dass es zunehmend eine Vermittlerrolle im Irankrieg anstrebt. Dienstag und Mittwoch besprachen US-Finanzminister Scott Bessent und China-Vizepremier He Lifeng in Südkorea die letzten Details, bevor wenige Stunden später der Gipfel der Präsidenten Trump und Xi Jinping startet. Bessents Rolle ist wichtig: Anders als unter Trumps Vorgänger Joe Biden kommt der Verhandlungsführer auf US-Seite nicht aus dem Sicherheitsapparat, sondern aus der Wirtschaftspolitik. Die niedrig hängenden Früchte Denn Trump dringt auf Deals. Als mögliche Felder, auf denen es zu Einigungen kommen könnte, gelten die Landwirtschaft, die Energie, die Luftfahrt und die Bekämpfung der Drogenepidemie in den USA. China könnte mehr Sojabohnen und mehr Flüssiggas in den USA kaufen, mehr Flugzeuge des angeschlagenen US-Herstellers Boeing bestellen und mehr gegen das Schmuggeln des Drogenrohstoffs Fentanyl tun, der die Drogenepidemie in den USA befeuert. Manche Beobachter halten auch ein Abkommen für möglich, das deutlich höhere chinesische Investitionen in den USA ermöglicht. „Ich hoffe auf Durchbrüche bei den Investitionsabkommen“, sagt Wu Xinbo, Professor für Internationale Beziehungen und Direktor des Zentrums für Amerikastudien an der Fudan-Universität. Die Investitionen sollten in beide Richtungen gehen, aber vor allem gehe es ihm um chinesische Investitionen in den USA. Doch dagegen gibt es in den USA große Widerstände im Kongress und etwa von der US-Automobillobby. Zudem kursieren Pläne, zwischen den beiden Ländern zwei Arbeitsgruppen einzurichten, die unter den Titeln „Board of Trade“ (Handelsrat) und „Board of Investment“ (Investmentrat) firmieren, was sich zumindest begrifflich an Trumps Friedensorganisation „Board of Peace“ orientiert. „Das sind die niedrig hängenden Früchte, und die sind erreichbar“, sagt Han Lin, US-Finanzprofessor am Shanghaier Ableger der New York University und China-Chef der Denkfabrik The Asia Group. All das deutet auf eine Verlängerung des Waffenstillstands des letzten Trump-Xi-Gipfels im südkoreanischen Busan Ende vergangenen Jahres hin. Dort sei eine „vorübergehende Stabilität“ erreicht worden, sagt der Amerika-Professor Wu. Die Frage sei, ob der Gipfel in dieser Woche diese Stabilität sichern könne. Denn Peking glaubt, dass die Zeit auf seiner Seite ist. Aufbauen von Verhandlungsmasse Im Vorfeld entstand der Eindruck, dass beide Seiten möglichst viel Verhandlungsmasse aufbauen wollten. Die USA verhängten neue Sanktionen gegen chinesische Unternehmen. Der Vorwurf: Peking habe dazu beigetragen, Irans Waffenarsenal aufzubauen, Irans Wirtschaft durch den Kauf von Öl trotz Sanktionen zu stützen und dem Regime mit Überwachungstechnik zu helfen, Dissidenten aufzuspüren. Die jüngsten Sanktionen richten sich gegen 35 Unternehmen und Personen, die Irans Schattenbanken-Netzwerk betreiben; sie nehmen zugleich 19 Schiffe der Schattenflotte ins Visier und warnen jedes Unternehmen, das den Revolutionsgarden für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus Schutzgeld zahlt. Die meisten dieser Schiffe belieferten kleine chinesische Raffinerien. Die USA setzten zudem die Auslieferung eines mutmaßlichen chinesischen Hackers durch, dem die USA vorwerfen, im Auftrag des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit westliche Covid-Forschung gestohlen zu haben. Dieser war unvorsichtigerweise nach Italien gereist. China wies derweil Unternehmen an, einige amerikanische Iran-Sanktionen zu ignorieren, und verabschiedete scharfe neue Lieferkettenrichtlinien, die Wirtschaftsverbände auf den Plan rufen. „China spürt, dass der Westen abgelenkt ist, und nutzt das für stärkere Maßnahmen für die eigene ökonomische Sicherheit“, sagt Ökonom Lin, der lange Jahre für US-Banken in China gearbeitet hat. Zudem setzte China eine Rückabwicklung einer KI-Übernahme durch. Der US-Konzern Meta wollte das singapurische Start-up Manus übernehmen. Das kommt aber aus China und war erst im Sommer vergangenen Jahres in den Stadtstaat umgezogen. Peking sah sich deshalb befugt, den Deal zu untersagen. Die beteiligten Parteien fügten sich, ohne dass Washington sich eingemischt hätte. Washington wirft Peking dagegen das Abschöpfen amerikanischer KI-Systeme im industriellen Maßstab vor. Der Vorwurf lautet: Chinesische Labore nutzten gefälschte Konten und Proxy-Dienste, um Millionen Abfragen an amerikanische Modelle wie ChatGPT zu richten und deren Fähigkeiten nachzubauen. Das Außenministerium warnte Ende April 2026 internationale Partner vor chinesischem KI-Diebstahl. Im Kongress wird geprüft, ob dieses Abschöpfen als Industriespionage eingestuft werden soll. Peking weist die Vorwürfe zurück. So stark wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr Trump verhandelt mit einem Gegner, der Amerikas Schwächen kennt: der Irankrieg, die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen, seinen Drang, einen Deal zu verkünden. Schon häufiger hat er Abkommen verkündet, die sich als nicht belastbar erwiesen, sich für Abnahmeversprechen von Sojabohnen feiern lassen, die sich nie materialisierten, und für öffentlich gut vermarktbare Erfolge viele Zugeständnisse gewährt. Trumps mit großen Worten begleiteter Handelspakt mit China brachte 2020 zwar die eskalierende Zollspirale zum Stillstand. Doch Peking hielt sich nach amerikanischer Darstellung nie an die Verabredung. Es kaufte nicht mehr Produkte aus den USA; die amerikanischen Exporte nach China sanken vielmehr. „Die USA kämpfen mit vielen Widersprüchen und äußeren Herausforderungen, etwa dem Konflikt in Iran“, sagt der Shanghaier Professor Wu. „Im Inland stehen Zwischenwahlen an, und die Aussichten für die Republikanische Partei sind nicht gut.“ China dagegen sei „an seinem stärksten Punkt“ seit dem 19. Jahrhundert. „Ich glaube, China wird in Zukunft sogar noch stärker.“ In diesem Denken liege die „größte Gefahr für den Gipfel“, sagt der US-Ökonom Lin. „China riskiert, sein Blatt zu überreizen.“ Das Risiko liege darin, dass Peking zu selbstbewusst sei, Trump zu sehr unter Druck setze und ihm im Gegenzug zu wenig anbiete. Sobald Trump entscheide, dass er nicht mehr mit China verhandeln wolle, würden die China-Falken in seiner Regierung übernehmen und eine sehr viel schärfere Politik gegenüber der Volksrepublik durchsetzen. „Dann droht eine Eskalation in allen Bereichen“, sagt Lin. Welche Risiken in einer Eskalation für die Weltwirtschaft liegen, davon gibt der Irankrieg einen Eindruck, der die Energiesicherheit rund um den Globus gefährdet. Trump gerät durch die hohen Energiepreise innenpolitisch vor den Zwischenwahlen unter Druck. „China ist aber auch eines der Hauptopfer der aktuellen Golfkrise“, sagt Ding Long, Nahostprofessor an der Shanghaier Universität für Internationale Studien. „Die höchste Priorität für die USA, China und die ganze Welt ist es, die Straße von Hormus so schnell wie möglich wieder zu öffnen“, sagt er. Trump betont zwar regelmäßig sein enges Verhältnis zu Xi. Das heißt aber nicht automatisch, dass er China weiter Zugeständnisse machen wird. Denn Trumps Härte gegen China ist nicht nur Taktik. Der China-Schock, der Fabriken schloss, Arbeitsplätze vernichtete und Industriestädte auszehrte, trug ihn 2017 ins Weiße Haus. Trump versprach damals, Amerika werde sich von China nicht länger über den Tisch ziehen lassen. In dieser Woche steht der Verhandlungstisch in Peking. Der Himmelstempel, den die beiden Präsidenten besuchen sollen, hat einen großen Altar.
