FAZ 23.07.2026
11:22 Uhr

Trump, AfD & Co.: Ist Populismus wirklich nur Identitätspolitik?


Nationalismus versus Globalismus: Für Stephen Davies sind die politischen Konfliktlinien vor allem identitätspolitische. Doch der Aufstieg des Populismus lässt sich so nicht erklären.

Trump, AfD & Co.: Ist Populismus wirklich nur Identitätspolitik?

Der nicht versiegen wollende Strom von Veröffentlichungen, die sich dem Thema „Populismus“ widmen, scheint vor allem anzuzeigen, wie ratlos wir weiterhin vor diesem quecksilbrigen Phänomen stehen. Mit jedem neuen Beitrag zur Debatte erhöht sich der Zwang darzulegen, was denn an den bisherigen Betrachtungen unzureichend gewesen sei und warum sich das mit der jeweils eigenen Veröffentlichung nun ändere. Dramaturgisch verleitet das mitunter zu einem gewissen „Ich sehe was, was ihr nicht seht“-Aplomb. Die damit verbundenen Gefahren lassen sich an Stephen Davies’ Buch „The Great Realignment. Why the New Right is Here to Stay“ exemplarisch studieren. Für sein „Hoppla, jetzt komme ich“ nutzt Davies den Verweis auf die fünf Stufen der Trauerbewältigung nach Kübler-Ross. Die bisherige Literatur, so sein Urteil nach einem doch eher allgemein gehaltenen Durchgang, sei ja in ihrer Auseinandersetzung mit dem Phänomen über die erste Stufe – „Verleugnen“ – nicht wesentlich hinausgelangt. Mit seinem eigenen Buch – so dürfen wir das wohl verstehen – könne man sich, vermutlich unter Überspringen von Stufe zwei („Wut und Zorn“), zumindest bis auf Trauerbewältigungsstufe drei vorarbeiten, also bis zum Versuch, wenigstens politisch „die Kontrolle zurückzugewinnen“, wenn schon nicht das „Unabänderliche doch noch abzuwenden“. In diesem Sinne zumindest ist das Abschlusskapitel von „The Great Realignment“ gehalten. Was in seinem argumentativen Eigenmarketing das Buch auszeichnet und von der bisherigen Auseinandersetzung mit dem Thema abhebt, ist also sein neuer Realismus, wie schon im Untertitel „Warum die Neue Rechte nicht wieder verschwinden wird“ angedeutet wird. Versprochen wird mithin ein nüchternerer Blick auf den Populismus und damit das Eingeständnis, dass die politische Nachkriegswelt nun Vergangenheit ist und dass auch intensivstes Wünschen sie nicht wieder zurückbringen wird: eine psychotherapeutische Intervention, gerichtet auf die wundgescheuerte politische Seele westlicher Gegenwartsgesellschaften. So willkommen es ist, wenn jemand inmitten des alarmistischen Overdrive der öffentlichen Debatten mit dem Aufruf, sich dem Unvermeidlichen zu fügen, etwas untertouriger unterwegs ist, und so berechtigt die Einschätzung erscheint, dass sich ein Großteil der bisherigen Literatur als Abwehr eines solchen Gedankens verstehen lässt, so sehr muss es enttäuschen, wenn Davies’ „neuer Realismus“ uns dann exakt die Deutungen präsentiert, die schon seit Langem die Debatte dominieren. Das enttäuscht umso mehr, als man bislang kaum den Eindruck gewinnen konnte, diese Deutungen würden uns darüber aufklären, warum unsere Zeiten politisch so unruhig geworden sind. Nationalismus versus Globalismus? Denn Davies’ These von dem großen Auflösungsprozess bisheriger Wählerbindungen und dem Eingehen völlig neuer, eben die von einem großen Realignment, mit dem er das gegenwärtige Geschehen meint frisch interpretieren zu können, ist im Wesentlichen aus den Elementen des sowieso vorherrschenden Paradigmas zusammengebaut. Gleich die ersten Seiten lassen daran wenig Zweifel, wenn der Autor von einer Neuausrichtung unserer zentralen politischen Trennlinien spricht und dabei meint, im „Kern der gegenwärtigen Neuausrichtung“ würden wir uns wegbewegen „von einer Welt, in der die entscheidende Frage lautet, wie groß die Rolle des Staates in der Wirtschaft und bei der Umverteilung von Ressourcen sein sollte – Kapitalismus versus Sozialdemokratie oder Sozialismus“. Stattdessen seien die Konflikte der Gegenwart gekennzeichnet von einer neuen Trennlinie, bei der es um „Identität und die Art der Regierungsführung“ gehe. Die Wahl heute laute, so Davies, „Nationalismus versus Kosmopolitismus und Globalismus“, und im Kern der neuen Konflikte stünden daher „Nationalismus und partikularistischer Individualismus“ einerseits und „kosmopolitischer Individualismus“ andererseits; der Konflikt spanne sich auf zwischen dem „Beharren auf Volkssouveränität und der Ablehnung einer unpolitischen Regierungsführung durch Gesetze und Verträge“ auf der einen Seite und der Orientierung an einer liberalen globalen Ordnung auf der anderen – und so weiter. Fehlende Trennschärfe in der Analyse Aber genau diese vornehmlich identitätspolitische Deutung unserer Konflikte, dieses Identifizieren einer neuen kulturellen Spaltungslinie zwischen den autoritären Populisten einerseits und den libertären Pluralisten andererseits, zwischen den Kommunitaristen und den Kosmopoliten, zwischen den Somewheres und den Anywheres, zwischen denjenigen mit einem „grünen, alternativen, libertären“ (GAL) Wertegerüst und denjenigen mit einem „traditionellen, autoritären, nationalistischen“ (TAN) ist ja das, worauf sich die Sozialwissenschaften schon seit geraumer Zeit geeinigt zu haben scheinen. Identität statt Interesse, gesellschaftspolitische statt verteilungspolitische Konflikte, Kultur statt Ökonomie – zu keinem anderen Schluss kommt die momentan vorherrschende Sicht aufs Phänomen. Man mag diese Sicht nun überzeugend finden oder eher widersprüchlich, dass Davies sie als ganz neu verkaufen will, verwundert. Womöglich hängt dies mit einer lückenhaften Rezeption der Forschungsdebatte zusammen, wie ein Blick ins Literaturverzeichnis vermuten lässt. Hier sind vor allem britische Beiträge aufgeführt, hierbei insbesondere populärwissenschaftliche Monographien. Fehlanzeige hingegen bei den einschlägigen fachwissenschaftlichen Zeitschriftenbeiträgen und zentralen internationalen Sammelbänden der vergangenen 15 Jahre. Davies liefert insgesamt einen eher locker-journalistischen denn politikwissenschaftlichen Beitrag – was in diesem Fall doch erkennbar auf Kosten der Trennschärfe analytischer Kategorien, auf Kosten einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand und auf Kosten einer klaren Abgrenzung seines Gegenstandsbereichs geht. Klimawandel, geopolitische Herausforderungen, sinkende Geburtenraten, die KI-Revolution, Chinas Aufstieg – irgendwie alles wichtig. Aber wie genau, in welcher Abstufung der Bedeutung und was das mit der großen Transformation von Parteiensystemen und Wählermärkten zu tun hat, bleibt unklar. So sind auch viele richtige Beobachtungen nicht wirklich an ein stringentes Argument gebunden und bleiben damit unter ihrem aufklärerischen Potential. Unklar sind nicht zuletzt die Dimensionen des politischen Raums, in dem sich Wähler und Parteien in Davies’ Vorstellung neu ausrichten. Seine Argumentation wird nirgends mit systematisch-vergleichender Empirie abgeglichen. Wenn man eher unvertraut mit der Debatte ist, wird man dieses informierte Buch sicher mit Gewinn lesen können. Dass man nun aber bei Davies etwas nachlesen könnte, was man nicht schon längst woanders finden konnte – diese Hoffnung sollte man sich nicht machen. Für die nächste Trauerbewältigungsstufe müssen wir auf andere Bücher warten. Stephen Davies: „The Great Realignment“. Why the New Right is Here to Stay. Polity, Cambridge 2026. 224 S., geb., 29,– €.