FAZ 06.05.2026
07:39 Uhr

Trend zu Segelschuhen: Nur an Deck sind sie untauglich


So viele Segelschuhe wie in diesem Frühjahr gab es noch nie. Dabei war das Interesse großer Modedesigner an dem Klassiker lange so ausgeprägt wie an der modischen Weiterentwicklung von Kompressionsstrümpfen.

Trend zu Segelschuhen: Nur an Deck sind sie untauglich

Zu den berühmten Erfindern von genialen Modeentwürfen gehören zum Beispiel Thomas Burberry, John Barbour und Levi Strauss. Werden ihre Namen genannt, hat man schnell Bilder vor Augen: Trenchcoats, Wachsjacken und Jeans. So gesehen hat Paul Sperry in letzter Konsequenz einen Fehler gemacht, seine Modeerfindung nicht ausschließlich über seinen Namen zu vermarkten. In Amerika mögen beim Erwähnen der „Sperry-Top-Siders“ viele wissen, was gemeint ist. Hierzulande ist der Begriff Segelschuh für dieses Exemplar Schuh aber deutlich geläufiger. Genial ist dieser Modeentwurf allerdings schon, selbst wenn es lange Zeit nicht danach aussah. Segelschuhe waren zwar im Alltag präsent, besonders an Orten, an denen das Leben ein bisschen teurer ist. Ein eigener Anleger mit Boot musste aber nicht dringend dazugehören. Dann kam Miuccia Prada Bei uns hatte Timberland eine Art Patent auf den Look, in Dunkelbraun mit besonders dicker Profilsohle. Die einen gingen damit im Wald spazieren, die anderen im Club tanzen. Das Interesse der großen Modedesigner, sich des Entwurfs von Paul Sperry anzunehmen, war hingegen ungefähr so ausgeprägt wie das an der modischen Weiterentwicklung von Kompressionsstrümpfen. Sperrys furchtbar praktischer Entwurf eines Schuhs mit rutschfester Sohle hatte einfach keine Chance. Dem Unternehmer, der in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts Entennachbildungen für die Jagd produziert hatte, kam der Einfall 1935 nach einem Segelunfall. In der Ausarbeitung untersuchte er die Pfoten seines Cockerspaniels genauer. Der lief nämlich jeden verschneiten Hügel hinunter, ohne hinzufallen. Dann kam im Oktober 2023 Miuccia Prada und zog ihren Models in der Schau von Miu Miu für das darauffolgende Frühjahr Lederschuhe mit dem charakteristischen Kordelzug über – Segelschuhe! Die Italienerin gehört zu den großen Visionärinnen der Mode. Sie ist gewissermaßen Thomas Burberry, John Barbour und Levi Strauss in einer Person im 21. Jahrhundert und damit ein kreativer Leitstern. Siehe diese Segelschuhe. Es laufen nun, im dritten Frühjahr in Folge, genug Frauen und Männer mit ihren Miu-Miu-Exemplaren für mittlerweile 810 Euro herum. Und viele weitere Hersteller folgen ihrer Idee: Unter anderen Tod’s – die Marke, die mal mit Autofahrer-Schuhen mit Noppen unter der Sohle begonnen hatte – macht jetzt Segelschuhe. Giesswein, eigentlich eine Hausschuhmarke, legt jetzt Loafer im Segelschuhstil aus Wolle und Textil auf, mit denen man nach unruhigem Seegang aber vermutlich nur noch das Deck wischen kann. Und schnell ausrutscht.