An einem Sommertag im Jahr 1975 kam in Wuppertal ein Junge in die erste Klasse der Grundschule, der praktisch kein Deutsch konnte. Der kleine Milan war vier Jahre zuvor mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, ein Kind aus einer Familie mit ausländischen Wurzeln, eine typische „Gastarbeiterfamilie“, wie das im Deutschland der Siebzigerjahre hieß. Die Nedeljkovićs, so der Name der Familie, stammten aus Kruševac im serbischen Teil des damaligen Jugoslawiens. Milans Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter Apothekenhelferin. Anfang der Siebzigerjahre waren sie als Einwanderer nach Deutschland gekommen, zunächst nach Ehingen an der Donau. Dann fand der Vater eine Festanstellung als Maschineneinrichter bei Thyssen in Wuppertal, und die Familie zog wieder um. Doch Deutsch lernte der Sohn Milan erst nach der Einschulung. Den Kindergarten in Ehingen hatte er nicht besucht, weil unklar war, ob die Familie wirklich dauerhaft in Deutschland bleiben würde. Seine Herkunft unterschied Milan von den allermeisten Mitschülern. In der Grundschule in Wuppertal, die er nun besuchte, gab es damals nur ein halbes Dutzend Schüler mit Migrationshintergrund. Ein halbes Jahrhundert später ist der kleine Junge von damals ganz oben angekommen in der deutschen Gesellschaft. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch wird Nedeljković neuer Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Motoren Werke in München. Diese Karriere ist etwas Besonderes: Nedeljković ist der erste Chef eines Dax-Konzerns, der als Kind einer Einwandererfamilie in Deutschland aufgewachsen ist. Ein „Gastarbeiterkind“ aus Wuppertal Die Riege der Vorstandschefs in den Dax-Konzernen ist internationaler geworden über die Jahre. Karin Rådström (Daimler Truck) und Ola Källenius (Mercedes) stammen aus Schweden, Bjørn Gulden (Adidas) ist Norweger, Bill Anderson (Bayer) Amerikaner. Aber nach Deutschland sind sie alle erst als Erwachsene gekommen. Nedeljković dagegen ist der erste aus der Generation der deutschen „Gastarbeiterkinder“ der Sechziger- und Siebzigerjahre. Der neue BMW-Chef macht kein großes Aufhebens um seine Herkunft. Mit dem Sprachhandicap in der Grundschule kam er klar. Er habe damals als Erstklässler eben einfach Deutsch gelernt, sagt Nedeljković heute. Als Außenseiter fühlte er sich nicht. Wenn es Härten gegeben haben sollte, dann spricht er heute nicht mehr darüber. Stattdessen hebt er die positiven Dinge hervor. Nedeljković sagt von sich, das Gefühl, irgendwo fremd zu sein, kenne er gar nicht. Sich auf Menschen mit anderen Nationalitäten und andere Kulturen einzulassen, das sei für ihn mühelos und selbstverständlich. Die gute Mathe-Note brachte ihn aufs Gymnasium Aber er erinnert sich daran, dass für die Eltern das Ankommen im Westdeutschland der frühen Siebzigerjahre schwieriger war als für ihren Sohn. Aufgeschlossen und mutig seien sein Vater und seine Mutter gewesen, findet er. Aber als Migranten seien sie nicht Teil der Gesellschaft gewesen. Nur rund sieben Prozent der Bevölkerung hatten Mitte der Siebzigerjahre keine deutsche Staatsangehörigkeit. Heute liegt der Anteil bei 17 Prozent. Für Milan Nedeljković kam die erste wichtige Weichenstellung auf dem Weg zur späteren beruflichen Karriere am Ende der Grundschule. Er erinnert sich noch genau an das Gespräch in der vierten Klasse, das er und seine Mutter mit dem Lehrer führten. Es ging darum, welche weiterführende Schule Milan besuchen sollte. Sein Notendurchschnitt war für das Gymnasium eigentlich nicht gut genug, Deutsch war nicht sein starkes Fach. Doch Nedeljkovićs Lehrer war das ausgeprägte Mathematik-Talent des Jungen aufgefallen. Sein Rat an die Eltern: Vielleicht sollte es ihr Junge doch auf dem Gymnasium versuchen. Er habe diesem Lehrer viel zu verdanken, sagt Nedeljković heute im Rückblick. Wer weiß: Hätten ihn seine Eltern sonst aufs Gymnasium geschickt? Er ist sich nicht sicher. Sein Vater und seine Mutter hatten selbst beide nicht studiert. Und ohne Abitur wäre für ihn später der berufliche Aufstieg schwieriger geworden. Lob, das die Schüler beflügelte Die folgenden Jahre seiner Schulzeit haben ihn geprägt. Da war ein sehr fordernder Englischlehrer. Nedeljković war nicht sonderlich fleißig und sein schlechtester Schüler. Der Lehrer machte ihm Druck, Nedeljković setzte sich hin, paukte Vokabeln und nahm als Lehre mit, dass Fleiß sich lohnt. Grunddisziplin habe er so gelernt, wie es der Manager heute ausdrückt. Und er berichtet von einem Französischlehrer, der ebenfalls einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hat. Nedeljković schildert ihn als einen phantastischen Motivator, der seinen Schüler mit Lob beflügeln konnte. Anerkennung zu bekommen, gibt Kraft – auch diese Erfahrung, so sagt er heute mit einigen Jahrzehnten Abstand, habe er mitgenommen fürs Leben. Sie nennen ihn einen Menschenfänger Nedeljković erzählt solche Dinge im Plauderton, aber wer will, der kann daraus Rückschlüsse ziehen, wie der neue Herrscher im BMW-Reich tickt und was für ihn zählt: Einsatz und Disziplin einerseits, Motivationskunst andererseits. Nedeljković ist ein anderer Typ als sein Vorgänger Oliver Zipse, der den Münchner Autokonzern in den vergangenen sieben Jahren mit Entschlossenheit durch schwierige Zeiten gelenkt hat. Zipse ist höflich reserviert, er bleibt auf Distanz. Den zugänglicheren Nedeljković nennen manche in der BMW-Zentrale dagegen einen „Menschenfänger“. Nedeljković ist kein „Petrolhead“ Ein „Petrolhead“, also ein fanatischer Autofan, ist Nedeljković nach eigener Einschätzung nicht. Welche Wagen die Familie in seiner Kindheit fuhr, daran erinnert er sich nur noch vage. Sein erstes eigenes Auto war später ein 30 Jahre alter VW Käfer, den er für ein paar Hundert Mark kaufte. Traumberuf des jungen Milan Nedeljković war Pilot. Doch mit 1,97 Meter war er zu lang fürs Flugzeugcockpit. Stattdessen ging er 1988 an die Universität Aachen und studierte Maschinenbau. Das hielt er zwar selbst für eine etwas langweilige Wahl, es bot sich aber an, weil er gut in Mathe und Physik war. Und außerdem: Maschinenbauer können später in ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Das fand er gut. Nedeljković hatte zwar fast sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, aber einen deutschen Pass hatte er in seiner Studentenzeit noch nicht, er beantragte ihn erst viel später. Formal galt er in Aachen als ausländischer Student. Ein geplantes Praktikum bei einem amerikanischen Großunternehmen in den USA scheiterte daran: Während des Jugoslawienkriegs Anfang der Neunzigerjahre schien es dem US-Unternehmen nicht opportun, einen Praktikanten serbischer Herkunft ins Haus zu holen. Dabei sagt Nedeljković von sich, er habe sich nie als Serbe gefühlt, immer als Kind des im Krieg untergegangenen Vielvölkerstaats Jugoslawien. Noch heute bezeichnet er sich selbst manchmal scherzhaft als „Jugo“, so wie seine Landsleute früher in Deutschland genannt wurden. Nedeljkovićs Professor in Aachen war empört über die Diskriminierung seines Studenten, er vermittelte ihm stattdessen einen Aufenthalt an der US-Spitzenuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT). Nedeljković schrieb dort Anfang der Neunzigerjahre seine Diplomarbeit zu einem damals exotischen Thema: Künstliche Intelligenz. Er untersuchte, wie KI für die Optimierung von Produktionssystemen genutzt werden kann. Von den neuronalen Netzen der KI hatte er zunächst keine Ahnung, die für sein Projekt notwendige Programmiersprache C++ musste er erst lernen. Doch er biss sich durch. 1993 stieg der frisch gebackene Diplomingenieur als Trainee bei BMW ein, und er hat seither nie für ein anderes Unternehmen gearbeitet. Nedeljković hatte auch Angebote von anderen deutschen Autoherstellern, doch BMW sei eben die coolste Marke gewesen. Von seinem ersten Arbeitstag ist ihm vor allem eines in Erinnerung geblieben: Er musste sich dafür ganz schnell noch in einem Münchner Kaufhaus einen Anzug besorgen. Denn der Neuankömmling war mitten im Umzug und hatte nur Jeans parat, doch bei einer Abendveranstaltung für den neuen Trainee-Jahrgang war formelle Kleidung erwünscht. Schlaflose Nächte in Leipzig Nedeljković machte Stufe für Stufe Karriere im Unternehmen. Statt VW fuhr er jetzt seinen ersten BMW, einen 318i. In den BMW-Werken in München und Regensburg bekam der Produktionsspezialist erste Führungsaufgaben übertragen, es folgte eine Auslandsstation im englischen Oxford, wo der deutsche Hersteller den Kleinwagen Mini baut. Doch als seine bislang größte Bewährungsprobe betrachtet Nedeljković den Posten als Werksleiter der BMW-Fabrik in Leipzig von 2013 bis 2015. Dort sollte ein damals revolutionäres Auto gebaut werden: Der i3 war das erste elektrische Serienauto von BMW. Alles an ihm war ungewöhnlich: der Antrieb, das Leichtmetall-Chassis, die Kunststoff-Karosserie, die vielen Klebeverbindungen statt Schweißnähten. Die Produktion eines solchen Wagens war Neuland, der dafür verantwortliche Werksleiter Nedeljković hatte schlaflose Nächte. Die Aufmerksamkeit der Konzernspitze in München für das Prestigeprojekt war enorm. Alle zwei Wochen reiste der BMW-Vorstand an und ließ sich von ihm über die Fortschritte unterrichten. Ein halbes Jahr lang ging das so. Er will Begeisterung für Veränderungsprozesse wecken Nedeljković machte weiter Karriere bei BMW. 2019 wurde er als Vorstand für die Fahrzeugproduktion in die Konzernspitze berufen. Nedeljković wurde damit Herr über die 30 Fabriken, die das Unternehmen weltweit betreibt, und er kam mit diesem Karriereschritt in eine aussichtsreiche Position, um irgendwann zur Nummer eins aufzusteigen. Denn das wichtige Fertigungsressort ist bei dem Hersteller seit Jahrzehnten der Bereich, aus dem die Vorstandschefs rekrutiert werden. Deshalb war es keine allzu große Überraschung, als BMW im Dezember Nedeljkovićs Beförderung zum Vorstandsvorsitzenden bekannt gab. Was hat er vor als neuer BMW-Chef? Nedeljković will bei den Mitarbeitern Begeisterung für Veränderungsprozesse wecken, wie er das etwas pathetisch ausdrückt. Denn die größte deutsche Industriebranche muss den härtesten Umbruch in ihrer Geschichte meistern. Der Umstieg zum Elektroantrieb und immer mehr Digitaltechnik in den Fahrzeugen krempeln den Automobilbau radikal um. Die deutschen Oberklassehersteller Audi, BMW und Mercedes, die einst weltweit führend waren, geraten immer stärker unter Druck. Im April war Nedeljković auf der Leistungsschau der chinesischen Hersteller, der Automesse in China, und konnte dort selbst besichtigen, wie stark die neuen Wettbewerber aus Fernost geworden sind. Hinzu kommt die unberechenbare Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump, die BMW viel Geld kostet. Die Münchner kontern jetzt mit der „Neuen Klasse“, einer neuen Generation von Hightech-Autos, in die das Unternehmen rund zehn Milliarden Euro gesteckt hat, die größte Investition der BMW-Geschichte. Während bei Mercedes und im VW-Konzern viele Tausend Stellen gestrichen werden, gibt es ein vergleichbares Kürzungsprogramm bei BMW bislang nicht. Das Unternehmen hat aus Sicht des neuen Vorstandschefs nicht zu viele Mitarbeiter an Bord. Aber klar ist auch: Kaum ein BMW-Chef ist unter so schwierigen Rahmenbedingungen gestartet wie Milan Nedeljković.
