FAZ 03.06.2026
09:50 Uhr

Test Fahrrad Flyer Upstreet: Wer zu spät kommt, den belohnt das Treten


Flyer findet Freunde unter anspruchsvollen Fahrradfahrern. Auch das urban orientierte Modell Upstreet zielt in gehobenere E-Bike-Sphären. Aber die Härte des geschundenen Marktes macht selbst vor den Schweizern nicht halt.

Test Fahrrad Flyer Upstreet: Wer zu spät kommt, den belohnt das Treten

Ein guter Grundsatz journalistischer Arbeit liegt in dem Argument, der Autor recherchiere sich doch nicht seine Meinung kaputt. Darob hätte an dieser Stelle eine Einführung stehen sollen mit Gedanken um Schweizer Wertarbeit, die schon immer etwas teurer war, im Falle des neuen Flyers aber arg ans Portemonnaie geht. 5200 Euro nämlich soll einer der Nachfahren jenes Erstlingswerks kosten, das 1993 aus einem mühsamen Anstieg zur Mittagspause, dem Scheibenwischermotor eines Lastwagens, einer Autobatterie und einem simplen Fahrrad im Emmental auf der Lueg erwachsen ist. Roter Büffel hieß das zusammengetüftelte Gefährt zunächst, bald entstand daraus Flyer. Eine Erfolgsgeschichte, dann eine Krisengeschichte, beachtliches Ansehen, heute Produktion in der ZEG-Familie im Werk St. Ingbert, ein Wechselbad der Gefühle. Als „Stadtfuchs und Stilikone“ bewirbt Flyer sein urban-trekkig orientiertes Upstreet, von dem es allein zehn Versionen gibt und um das es hier als G1 Upstreet 7.10 gehen soll. Im Onlinehandel taucht es für 2800 Euro auf, das hat uns umgehauen. Auf Nachfrage heißt es aus der Branche, es gebe schon mal unseriöse Lockangebote, Fake-Shops, doch die aufgerufene Seite ist wohlbekannt und seriös. Und nicht die einzige in der Preisregion. Die Angabe von 28 Zoll schien uns verdächtig, der Hersteller meldet 29 Zoll, das ist in Bezug auf die Felge technisch einerlei, der dicken Reifen wegen. Überkapazitäten, Abbau von Lagerbeständen, im Markt und im Haus herrscht offenbar noch immer gehöriger Druck. Tja, und nun? Perspektive 2400 Euro weiter unten ansiedeln, aufsteigen, losradeln. Das gesamte Fahrrad wiegt 32 Kilogramm Das Rad hat Aluminiumrahmen, gefederte Sattelstütze, Kette, zehn Gänge und den Motor von Panasonic. Letzterer sei besonders leicht, heißt es. Das ist bestimmt so. Das gesamte Ensemble indes wiegt 32 Kilogramm, hier trennt sich die Scheu vom Heizen. Obgleich Tiefeinsteiger, möchte die Gattin solch schweres Gerät nicht bewegen. Der furchtlose Herr im Haus kennt kein Pardon, lässt den Dampfer dampfen und erlebt Geradeauslauf stur. Verwindungssteif und unbeeindruckt von eigentlich allem zieht das Upstreet seine Bahn, es kommt gar flugs ums Eck und offeriert mit den dicken Reifen ordentlichen Komfort. Der mit 95 Nm Drehmoment aufwartende Motor zieht vom ersten bis zum letzten Tritt flott voran, surrt allerdings vernehmlicher als andere Zeitgenossen. Es wartet wohl ein Nachfolger am Horizont. Seine Unterstützung ist in vier Stufen individuell einstellbar. 26,5 km/h zeigt das Messgerät in der Ebene, es geht nichts über den Moment, da man einer 25-km/h-Schnecke der Konkurrenz langsam, aber kontinuierlich davoneilt. Über das Unterstützungslimit hinausstrampeln gelingt bis 29 km/h mit gedämpfter Schnappatmung, ab dann wird es hart an den Waden. Die Scheibenbremsen pulverisieren den Vortrieb zuverlässig. In Rahmengröße S hat der sauber integrierte und seitlich entnehmbare Akku 630 Wh, alle anderen bunkern 750 Wh. 80 bis 120 Kilometer sind damit drin. Die Verarbeitung wirkt elegant, ein paar Schweißnähte aber sind arg sichtbar. Kabel und Schläuche werden sauber geführt. Der Tacho, eher ein Informationsbildschirm, überzeugt durch Schärfe, er ist bestens ablesbar. Ganz wunderbar leuchtet der gleichsam stilistisch gelungene Scheinwerfer den Weg aus. Viele feine Details zeichnen auch dieses Flyer aus, durchdachte zudem. Der Gepäckträger trägt einen Kindersitz oder einen Anhänger für die Kleinen. Am Rahmen fährt ein Schloss mit. GPS-Navigation ist an Bord. Wer möchte, überlässt einer Automatik das Schalten. Wir möchten nicht. Der Computer ist träge und wenig zielsicher. Viel freudiger, auch harmonischer läuft eigene Schaltarbeit, die mittlere Stufe genügt für fast alle Ansprüche. So sind wir fröhlich in und aus der Redaktion geradelt, Stadtfuchs und Stilikone trifft es in der Tat recht gut. Jetzt dann sogar, schlechte Nachricht für die Firma, gute für die Kundschaft, zu einem annehmbaren Preis. Wer zu spät kommt, den belohnt das Treten.