FAZ 14.05.2026
09:00 Uhr

Susanne Schregels Buch: Wer entscheidet, wer „intelligent“ ist?


Kinder, Tiere, Maschinen: Seit 150 Jahren wird gestritten, was Intelligenz ausmacht. Die Historikerin Susanne Schregel zeigt, wie das Unterscheiden kognitiver Fähigkeiten zum Werkzeug der Ausgrenzung wurde.

Susanne Schregels Buch: Wer entscheidet, wer „intelligent“ ist?

Die Geschichtswissenschaft, so war jüngst zu lesen, zähle zu den ersten akademischen Fächern, die durch die sogenannte Künstliche Intelligenz obsolet werden könnten. Umso ironischer, dass Historiker sich momentan viel mit der Geschichte der KI beschäftigen. Dabei zeigt sich, dass die Verheißung der Large Language Models mehr als eine Vorgängerin hatte. Mitte der Achtzigerjahre hatten westdeutsche Informatiker sogar schon einmal von der Formulierung „künstliche Intelligenz“ Abstand genommen. Ihr haftete der Ruch des Unseriösen an. Dennoch brachten Computer die Kategorien des Denkerischen und Schöpferischen durcheinander: Worin unterschied sich menschliches Denkvermögen vom Rechnen der Maschinen? Die Grenze zwischen Tier und Mensch wurde plötzlich umstritten „Intelligenz“ ist seit dem späten neunzehnten Jahrhundert ein Unterscheidungsproblem, das lernt man in Susanne Schregels preisgekrönter Kölner Habilitationsschrift, die nun im Campus-Verlag vorliegt. Hatte zuvor gewissermaßen das Intelligent Design die Dinge geregelt, warf die Evolutionstheorie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier über den Haufen. In Großbritannien und Deutschland kam es zu Debatten über die Frage, ob man es bei kognitiven Leistungen verschiedener Spezies mit Wesens- oder graduellen Unterschieden zu tun hatte. Nicht nur Naturwissenschaftler, auch Zeitungsleserinnen diskutierten mit, wie Leserbriefe zu Beobachtungen an den eigenen Haustieren zeigen. Mit dem Interesse an den unbefestigten Rändern des Denkens wuchs auch das an Intelligenzunterschieden zwischen Europäern und „Wilden“ – und vor allem: zwischen Kindern. Deren Selektion im Bildungssystem bildete fortan die Hauptarena von intelligenzbezogenen Unterscheidungspraktiken, -regeln und -lehren – womit erstens Verfahren der Feststellung von Intelligenzunterschieden gemeint sind, zweitens die Kategorienbildungen, auf deren Grundlage diese Unterscheidungen erfolgen sollten, und drittens die Kommunikation über selbige. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert wuchs unter dem Einfluss von Psychologie und Pädagogik die Bedeutung messender Verfahren wie des Binet-Simon-Tests. Es etablierte sich die Vorstellung eines Intelligenzalters, an dem sich Abweichungen festmachen ließen. Parallel warben Titel wie „Wollen Sie Zeppelinführer werden?“ oder „Measure your Mind“ für Intelligenz-Selbsttests. Der amerikanische Self-Improvement-Markt lieferte die Vorlagen. Die USA waren überhaupt Pionier der Testentwicklung, fungierten aber auch als Negativfolie. Zunächst waren Intelligenztests auch in der DDR verpönt Kritik begleitete das Testen von Beginn an. In Deutschland wie in Großbritannien wurden die Methoden von manchen in Zweifel gezogen, der den Tests eingelassene Intelligenzbegriff als verkürzt oder ideologisch kritisiert – wenn nicht das Unterscheiden von Menschen schlechthin abgelehnt wurde.So waren Intelligenztests auch in der neu gegründeten DDR verpönt. Sie kehrten aber nach der Aufbauphase, als soziale Gleichheit als verwirklicht galt, wieder zurück. Man betrachtete es nun gerade als sozialistisch, den Genossinnen zur Realisierung ihres Potentials zu verhelfen. Mit dem Unterscheiden von Menschen hatte man im „Dritten Reich“ kein Problem. „Intelligenz“ hatte zwischen 1933 und 1945 hingegen einen schweren Stand. „Jüdische Intelligenz“ wurde denunziert, jüdische Intelligenzforscher wurden verfolgt. Die Kritik an den schon in Weimar teils als „mechanistisch“ abgelehnten Tests verschärfte sich. An deren Stelle traten sogenannte Berufswettkämpfe und Reichsausleselager. Hier wollte man eine als erblich verstandene Befähigung zur „Lebensbewährung“ vergleichen, die sich an den Zielen des rassistischen Führerstaats orientierte. Im Kontext der nationalsozialistischen Krankenmorde kamen Intelligenztests aber sehr wohl zur Anwendung. Vermeintlicher Zusammenhang von Race und IQ In der Bundesrepublik hinterfragte man die genetische Determination von Intelligenz zunächst kaum. Im Rahmen der Aufbrüche der Sechzigerjahre, vor allem der Bildungsreform, geriet die Intelligenzmessung jedoch in den Verdacht, die angestrebte Chancengleichheit zu verhindern, ja umweltbedingte Unterschiede zu verstärken, statt ihnen entgegenzuwirken. In Großbritannien hingegen wurden Intelligenztests vergleichsweise kontinuierlich weiterentwickelt und im schulischen Bereich angewendet. Um 1970 bildete dann aber die kritische Diskussion der hohen Sonderschulzuweisungsquote bei westindischen Kindern eine Zäsur, in die die skandalträchtige US-Debatte über den vermeintlichen Zusammenhang von Race und IQ einfloss. Die Popularität der Selbsttests blieb davon unberührt. Und in beiden Ländern fasste in den Achtzigerjahren mit der Hochbegabtendebatte eine individualisierende Leistungsrhetorik Fuß. Da hatte die begeisterte Antizipation des Lernvermögens von Computern, der Schregel ein exkurshaftes Kapitel widmet, bereits ihren ersten Dämpfer erlitten. Schregel sortiert die Unterscheidungsvarianten auf hohem Abstraktionsniveau, sodass schon einmal „verschiedene Formen der Unterschiedenheit“ unterschieden werden. Das im Text allgegenwärtige Adjektiv „breitenwirksam“ camoufliert ein wenig, dass sie keine systematischen Wirkungsanalysen unternimmt. Intelligenzdebatten erscheinen vor allem als Reflexe der bekannten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Zäsuren der Zeit von 1880 bis 1990. Schregels Schlussplädoyer ist aber bedenkenswert. Ausgehend von den Befunden, dass Intelligenzdefinitionen kaum je einmütig geteilt wurden und dass Intelligenz komplexe Verbindungen mit anderen Differenzkategorien einging, spricht sie sich für eine Erforschung des „historisch Sozialen“ aus. Sie schlägt vor, zu fragen, wen oder was historische Akteure zum Sozialen hinzuzählten. Das ermögliche es, neue Perspektiven in die Geschichte von Ungleichheit zu integrieren, etwa die der Human-Animal-Studies und der Dinggeschichte. Das leuchtet ein angesichts der emotionalen Verbindungen, die Nutzer von ChatGPT, Claude und Co. mit den KI-Chatbots verspüren. Schregels Spielart von Geschichtswissenschaft hat ihre Zukunftsfähigkeit vorerst erwiesen. Susanne Schregel: „Intelligenz“. Eine Geschichte des Unterscheidens in Deutschland und Großbritannien (1880–1990). Campus Verlag, Weinheim 2025. 560 S., 49,– €.