FAZ 23.07.2026
14:47 Uhr

Studentenfußball: Das Geheimnis der Bunten Liga


Vereinsfußball ist zu organisiert, Profifußball zu modern: Also gründen Studenten die Bunte Liga. In vielen Städten im ganzen Land gibt es den Wettbewerb mittlerweile. Was macht ihn aus?

Studentenfußball: Das Geheimnis der Bunten Liga

Dunkle Wolken bedecken an einem späten Dienstagnachmittag Mitte Juni den Himmel. Es regnet in Strömen, hinter dem Spielfeld zucken Blitze hell auf. Lautes Donnergrollen vermischt sich mit den Rufen auf dem Spielfeld. Die triefnassen Trikots wirken beinahe wie eine zweite Haut in knalligen Rot- und Grüntönen. Der Platz, vom Regen und den Spielern mit ihren Stollenschuhen abgenutzt, leidet unter den Bedingungen – verwandelt hat sich die zuvor saftig grüne Wiese in einen durchpflügten Acker, die aufgelockerte Erde verfängt sich in großen Stücken unter den Sohlen der Fußballschuhe. Unter anderen, sonnigeren Bedingungen wäre das nicht so. Dann wäre hier weniger von einer Schlammschlacht als von einer Wüste aus Erde und aufgewirbeltem Staub die Rede. Hinter den beiden Toren machen sich die Ersatzspieler warm oder veranstalten jedenfalls das, was für sie als Warmmachen gilt: ein netter Plausch, ein Wechsel der Spotify-Playlist von softem Indie-Hip-Hop zu Heavy Metal aus den Achtzigerjahren. Währenddessen weist der Torwart seine Feldspieler lautstark an, wie sie den Rückstand von nunmehr sieben Toren doch noch aufholen könnten. Die Wirkung jedoch bleibt aus. Bis zum Schlusspfiff fallen noch acht weitere Gegentore. Endstand: 0:15. Willkommen in der Bunten Liga. Hier gehören genau solche Szenen zum Alltag. Sie ist ein Gegenentwurf zum geregelten Vereinsfußball mit seinen verpflichtenden Trainingseinheiten, den festen Spielzeiten am Wochenende und dem Leistungsdruck. Das zieht: Allein im rhein- bis mittelhessischen Gebiet existieren vier Bunte Ligen sowohl mit jeweils eigenem Liga- als auch Pokalsystem. In der Metropole Frankfurt spielt man auf dem Sportgelände Germania; in Gießen in der Pogorausch-Arena in der Weststadt oder wo es sich eben sonst ergibt; in Marburg auf den Afföllerwiesen und in Mainz auf dem traditionsreichen Goetheplatz neben dem Polizeipräsidium. Mannschaften wie die Mainzer Muskelmatrosen, der SKV Gesichtsgrätschen Bypass, der FC Lieberampool oder der SV Gehen Miesbaden messen sich hier mit der Konkurrenz. Durchschnittlich treten in jeder der vier Ligen 18 Mannschaften an, lediglich die Universitätsstadt Marburg hebt sich mit ihren 38 Mannschaften von den anderen Standorten ab. Die Geschichte der Liga beginnt mit einer eigenen Bibel Die älteste von ihnen, die Bunte Liga Rheinhessen, wurde 1997 gegründet, inoffiziell existiert sie aber bereits seit mehr als 32 Jahren. 1994 trafen sich die Gründungsmitglieder zum ersten Mal zu einem organisierten Turnier, auf das in den nächsten zwei Jahren weitere folgen sollten. Weil immer mehr Mannschaften mitspielen wollten, kam der Gedanke auf, das gestiegene Interesse mittels einer Liga abzufangen, da ein Turnier allein dies nicht mehr bewältigen konnte. So startete die Bunte Liga Rheinhessen Anfang März 1997 in ihre allererste Saison. Ob sich damals schon jemand vorstellen konnte, dass das Format 2026 immer noch existieren würde? Wohl kaum. Zu Beginn traten noch zehn Teams in Hin- und Rückrunde an, die Spieltermine wurden telefonisch oder auf Partys vereinbart, den aktuellen Tabellenstand bekam man mittels des Bunten-Liga-Ergebnis-Dienstes per Post in den Briefkasten geworfen. Am Ende kürten sich die Ghettoboyz zum Meister, Dynamo Zirrhose wurde Pokalsieger und das Ganze ausgiebig auf der bis heute jährlich stattfindenden Saisonabschlussfeier gewürdigt. Zum ersten Mal erschien in dieser Saison auch die sogenannte Liga-Bibel. Ein auf Hochglanz getuntes Magazin mit Bildern, Anekdoten und Artikeln über die vergangene Saison. Bis heute gilt für den Meister die Pflicht, die Bibel zu pflegen. Nicht immer wird sie eingehalten. Die Liga ist selbstverwaltet, manchmal taucht der Saisonsieger einfach unter. Nach langer Abwesenheit erschien das Liga-Magazin 2024 wieder, diesmal zwischen 60 und 80 Seiten stark, in knallbunten Farben. Was früher noch auf hochwertigem Papier gedruckt wurde, erscheint heute digital; eine Printausgabe muss separat bestellt werden. Digital sind heute auch die Spielergebnisse und der Tabellenstand abrufbar. Denn nicht nur konnte der analoge Ergebnis-Dienst nicht alle Informationen vermitteln, sondern informierte auch nicht zeitnah. In manchen Fällen erfuhren Spieler erst am Ende der Saison, wer ganz oben in der Tabelle steht und Meister geworden ist. Außerdem sprang der hinter ihm stehende Organisator Anfang der Nullerjahre ab. Joachim Strübig, der seit 1998 in der Bunten Liga spielt, programmierte daraufhin eine eigene Plattform, um das Problem zu lösen.  Es sei die Zeit des gerade erst aufkommenden Internets gewesen, in dem er sich ausprobieren wollte, sagt Strübig. Anfangs noch improvisiert, entwickelte er die Plattform bis 2005 zur Grundlage des heutigen Internetauftritts. Im Laufe der Jahre stattete er auch alle weiteren Bunten Ligen in Gießen, Marburg und Frankfurt mit einer eigenen Website aus. Viele Jahre tat er das parallel zu seiner regulären Arbeit. Und auch heute, 28 Jahre nach seinem ersten Engagement, betreut er die Websites. Warum macht er das? Es bereite ihm schlicht Freude, sagt Strübig. 176.496 Beiträge gibt es im Forum der Bunten Liga Rheinhessen Nostalgisch mutet die Seite der Bunten Liga Rheinhessen an und bringt so auf verspielte Weise den Anspruch der Liga an sich selbst zum Ausdruck: bodenständig, simpel, inkludierend. Denn auf dieser Website kann sich so ziemlich jeder einbringen, der dazu Lust hat. Das ligaeigene Forum, in dem sich neben den Regeln auch Unterforen zur Terminabsprache („Wir sind hungrig. Wer traut sich?“) wiederfinden, dient als digitales Schwarzes Brett und verzeichnet seit Schaffung der Website 176.496 Beiträge. Aber auch wichtige Angelegenheiten werden hier besprochen, so zum Beispiel wurden Stammzellenspender für einen fünfjährigen Jungen gesucht. Wer sich durch das eigenwillig erscheinende Forum klickt, der wird schnell herausfinden, dass sich über dieses auch die Profile der Spieler anzeigen lassen. Und wer auf die Geburtsjahre schaut, reibt sich die Augen: 1982, 1981, ja sogar das Jahr 1969 finden sich hier wieder – Spieler weit jenseits des perfekten Alters, um zum Star in der Bundesliga zu mutieren. Aber Spieler im perfekten Alter für einen guten Kick auf dem Goetheplatz. Manche verpassen sich auch autobiographische Beschreibungen: Der Spieler mit Jahrgang ’69 bezeichnet sich etwa als „mehrfacher Zuckerpässjespieler des Jahres“ mit 131 Toren in der Gesamtstatistik und insgesamt vier Wechseln innerhalb der Liga. Viele Tore und eine dysfunktionale Vereinstreue lassen an die höherklassige Bundesliga erinnern, wobei sich der selbsternannte „Zuckerpässjespieler“ mit seiner Torausbeute durchaus mit Bundesligalegenden messen kann, fällt sie doch nur um einen Treffer niedriger aus als diejenige von Rudi Völler (in der Bundesliga). Der FC Lieberampool, Website-Tüflter Strübig, der „Zuckerpässjespieler“: Sie alle treffen sich sonntags in der Bunten Liga. Mitte Juli, an einem Doppelspieltag, kommen sie bei über 30 Grad im Schatten zusammen. Rund um das Spielfeld auf dem Kunstrasen am Mainzer Goetheplatz hat sich bereits ein gutes Dutzend Zuschauer versammelt. An der Seitenlinie finden sich zudem zwei Veteranen der rheinhessischen Bunten Liga ein: Christoph, Spitzname Schmello, und Gabriel, Rufname Gabba. Die beiden sind bereits seit mehreren Jahren dabei, haben viele Veränderungen in der Liga miterlebt und selber vorangetrieben. Mittlerweile habe ein Generationenwechsel stattgefunden, meint Schmello, den Blick durch die dunkle Sonnenbrille auf die auf dem Platz stehenden Spieler gerichtet. Die Spieler sind jünger geworden, Väter nehmen ihre Söhne auf den Platz mit. Aber die Liga ist ebenfalls bekannter geworden, was insbesondere der steten Fluktuation an Spielern und Mannschaften entgegenwirkt. Neue Spieler kommen meist über Freunde oder Bekannte dazu. Gabba, der hochgewachsene und drahtige Kapitän des SC Bieraklis, trägt eine Jacke in knalligen Rot- und Blautönen, die verdächtig an die Achtzigerjahre und Otto Rehhagels Trainingsanzug erinnert. Nur dass auf seinem Oberteil ein Disney-Herkules prangt, der ein überschäumendes Maß Bier hebt. Während er spricht, dreht er seinen Kopf dorthin, wo der Ball gerade liegt.  Gabba ist der Organisator der Liga, gestaltet auch die Ligasitzung mit, auf der die anstehende Saison geplant und die vergangene Spielzeit besprochen wird. Schnick, Schnack, Schnuck als Kompromiss Eine Anlaufstelle für ehemalige Vereinsfußballer sei die Bunte Liga, sagt Marius Wolff lächelnd. Seine Mannschaft hat eben auf dem Platz einen herben Rückstand in einen beeindruckenden Sieg umgemünzt. Ob seiner Laufleistung auf dem Spielfeld nach Atem ringend, führt er keuchend aus: „Das ist die eben die Bunte Liga. Hier ist so etwas möglich.“ Wolff fing als Student an, hier zu spielen, und blieb auch nach dem Studium am Ball. Mittlerweile ist er seit 13 Jahren Teil der Liga. Geblieben ist er vor allem, weil hier Fairplay wirklich gelebt wird. Wenn das mal nicht klappt, wird zur Entscheidung eine Runde „Schnick, Schnack, Schnuck“ ausgetragen. Wolff hat in seiner Zeit viele Spieler kommen und gehen gesehen, von seinem ursprünglichen Team ist nur noch er übrig. Umso wichtiger ist ihm der Zusammenhalt. Mittel der Wahl hierfür ist der Kiosk neben dem Goetheplatz, wo sich die Mannschaften nach der Partie noch mal zu einem Kaltgetränk zusammenfinden. Das Bier hingegen bleibt im Kühlschrank – auf dem Gelände herrscht schließlich striktes Alkoholverbot. Das Duell zwischen Royal zum Ball und den Bombeleeschern läuft einseitig Damit die Spiele ausgeglichener bleiben, begrenzt die Liga die Zahl aktiver Vereinsspieler. Trotzdem kann es vorkommen, dass Teams wie Royal zum Ball oder die Coca Juniors eine Torstatistik von +525 beziehungsweise +574 aufweisen, während die Bombeleescher mit ihren 2340 Gegentoren und einer Torstatistik von -1745 eher locker verteidigen. Die Bunte Liga Rheinhessen ist anders. Ende der Neunzigerjahre noch als studentisches Projekt gedacht, ist sie mittlerweile ein Gegenentwurf zum strikteren Vereinsfußball. Sie lockt vor allem Spieler, die aufgrund ihrer Arbeit, ihres Studiums oder anderweitiger Verpflichtungen keine Zeit haben, mehrmals pro Woche zu trainieren und am Wochenende zu spielen. Beim Zusehen wird sichtbar: Der Idealismus der Bunten Liga existiert nicht nur in der Theorie. Hier wird Fußball noch so gelebt, wie es einst in der eigenen Kindheit der Fall gewesen ist. Ohne Druck, ohne Kritik, aber dafür mit viel Fairplay und der Möglichkeit, einfach frei aufzuspielen.