FAZ 16.05.2026
11:24 Uhr

Streit um Piusbrüder: Wie viele Bischöfe wird der Papst exkommunizieren?


Der Streit zwischen Papst und Piusbruderschaft spitzt sich zu. Ein Kompromiss zwischen Vatikan und Piusbruderschaft scheint nicht mehr möglich.

Streit um Piusbrüder: Wie viele Bischöfe wird der Papst exkommunizieren?

Papst Leo XIV. wird nicht müde, die globale Aufrüstung zu geißeln und zum Frieden aufzurufen. Aber in seiner Weltkirche bekommt der Pontifex einen seit 56 Jahren schwelenden Konflikt nicht in den Griff: den theologischen und institutionellen Grundsatzstreit mit der traditionalistischen Piusbruderschaft. Am Donnerstag, anlässlich Christi Himmelfahrt, war der Papst bei der Universität La Sapienza in Rom zu Gast. Dort rief er die Studenten zum Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Klimaschutz auf. Und er prangerte den „enormen“ Anstieg der Militärausgaben in aller Welt an, namentlich in Europa. Man dürfe solche Aufrüstung nicht als „Verteidigung“ schönreden, denn mehr Geld für Waffen bedeute weniger Geld für Bildung, Gesundheit und Soziales, sagte Leo. Es war ein Heimspiel für ihn, der sein Profil als Friedenspapst zuletzt im Streit mit Präsident Trump hatte schärfen können. In der voll besetzten Universitätsaula bekam er dafür viel Beifall von Studenten und Dozenten. Wie weit solche Friedensreden von der Wirklichkeit entfernt sind, zeigte sich ebenfalls an Himmelfahrt. Am Vorabend des Hochfestes verschärfte Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Dikasteriums für Glaubensfragen und damit so etwas wie der ideologisch-theologische Verteidigungsminister des Papstes, die Drohung der Exkommunikation gegen die gesamte Führung der traditionalistischen Piusbruderschaft. Im Februar hatte der seit 2018 amtierende Generalobere der Piusbrüder, der italienische Priester Davide Pagliarani, für den 1. Juli die Weihe von vier neuen Bischöfen beim Sitz der Piusbruderschaft in Écône im Schweizer Kanton Wallis angekündigt und dafür die Zustimmung des Vatikans erbeten. Nur noch zwei Bischöfe sind übrig Die Piusbruderschaft argumentiert, sie brauche wegen der wachsenden Zahl von Seminaristen und Priesteranwärtern dringend neue Bischöfe. Derzeit verfügt sie nur über zwei Bischöfe, den 68 Jahre alten Schweizer Bernard Fellay und den 69 Jahre alten Spanier Alfonso de Galarreta. Beide waren 1988 von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert worden. Benedikt XVI. hob die Exkommunikation 2009 wieder auf. Der Streit zwischen dem Vatikan und der Priesterbruderschaft St. Pius X. schwelt seit deren Gründung durch den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991) im Jahr 1970. Lefebvre und seine Anhänger lehnen die theologischen und liturgischen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) ebenso ab wie die ökumenische Annäherung der Weltkirche an andere christliche Konfessionen und schon gar an den Islam. Die Piusbrüder sind seit gut fünf Jahrzehnten Leuchtturm und Magnet für traditionalistische Katholiken in aller Welt. Im Streit der Piusbrüder über Glaubensgrundsätze und Bischofsweihen ist es im Vatikan zu einer Art Schaukelpolitik gekommen. Von den vier Bischöfen, die Lefebvre 1988 ohne Erlaubnis des Vatikans weihte, sind inzwischen zwei verstorben. Auf Phasen der verschärften Konfrontation des Vatikans folgten Zeiten der Annäherung. Konservative Päpste wie Johannes Paul II. und Benedikt XIV. kamen den traditionalistischen Piusbrüdern entgegen – etwa mit der Erlaubnis, routinemäßig die geliebte Alte Messe zu zelebrieren. Der eher progressive Papst Franziskus schränkte diese Erlaubnis dagegen so weit ein, dass es faktisch ein Verbot von Eucharistiefeiern nach dem alten Messbuch von vor 1965 bedeutete. Die Alte oder Tridentinische Messe wird überwiegend in Latein gelesen und vom Priester vor dem Altar mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert. Wegen schismatischen Handelns automatisch exkommuniziert Papst Leo XIV. wählt nun den Weg der Konfrontation und nicht der Entspannung mit den Piusbrüdern. Sollten diese ungeachtet des Verbots aus dem Vatikan die Bischofsweihe am 1. Juli wie geplant zelebrieren, würden alle an der Weihefeier Beteiligten wegen schismatischen Handelns automatisch exkommuniziert. Das ließ der Papst am Mittwochabend über seinen „Glaubenswächter“ Kardinal Fernández mitteilen. Das beträfe die beiden verbliebenen Bischöfe Fellay und de Galarreta, die am 1. Juli den Segen spenden sollen, ebenso wie die vier bisher namentlich nicht genannten Priester, die an jenem Tag den Weihesegen als neue Bischöfe empfangen sollen. Damit würden die Piusbrüder nicht nur keine neuen, von der Weltkirche anerkannten Bischöfe hinzugewinnen, sondern sie würden auch noch ihre beiden verbliebenen Bischöfe verlieren, deren Bann 2009 auf Geheiß von Benedikt vom Vatikan aufgehoben worden war. Ob die Exkommunikationsdrohung von Kardinal Fernández auch für Priester gilt, die bei der Bischofsweihe von Écône eine herausgehobene Rolle spielen, ohne selbst zu Bischöfen geweiht zu werden, ist unklar. Trotz – oder womöglich wegen – des Streits mit dem Vatikan ist die Piusbruderschaft in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über 733 Priester, 264 Seminaristen und 145 Ordensbrüder. Hinzu kommen 250 Ordensschwestern und 88 Oblatinnen, aus insgesamt 50 Nationen. Einen besonderen Wachstumsschub an Gläubigen und Mitgliedern erfuhr die Gemeinschaft während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie. Denn anders als die Amtskirche schlossen sich die Piusbrüder nicht den staatlichen Lockdown-Maßnahmen an. Ihre Kirchen und Seminare blieben immer geöffnet, sie hielten an ihrem Gottesdienstplan und an der Mundkommunion bei der Eucharistiefeier fest. Sie widersetzten sich den staatlichen „Hygienemaßnahmen“. Damit zogen sie viele Gläubige an, die von der offiziellen Weltkirche wegen deren Staatshörigkeit enttäuscht waren oder sich sogar von dieser ausgeschlossen fühlten.