FAZ 07.08.2026
14:27 Uhr

Stierkampf in der Camargue: Der Geruch nach Schweiß, Mist und Mut


In der Camargue gehört der Stierkampf zu jedem Volksfest. Im Gegensatz zur spanischen Corrida ist bei der Course Camarguaise das Tier der Star, nicht der Mensch. Und für den Ruhm muss der Stier nicht sein Leben opfern.

Stierkampf in der Camargue: Der Geruch nach Schweiß, Mist und Mut

„Manche Stiere wollen nicht kämpfen. Sie neigen einfach den Kopf und sagen Bonjour“, erklärt Guyaume, kurz Guy genannt. Er ist Guardian, ein Hirte zu Pferd, auf der Manade des Baumelles, einer großen Stierfarm ganz im Süden der Camargue in der Nähe von Saintes-Maries-de-la-Mer. Die Farm existiert seit etwa 30 Jahren. So lange arbeitet auch Guy auf der Farm seiner Freunde. Wie die meisten Guardians tut er das ehrenamtlich. Mit der Stierzucht sei nicht viel zu verdienen. Ohne die vielen Freiwilligen gäbe es diese Kultur nicht mehr – und auch nicht ohne die Touristen, die wie wir an diesem Sommernachmittag eine Stierfarm besuchen und mit Guy einen Ausflug auf die Weiden machen, die die Farm umgeben. Wir reiten nicht zu Pferd oder sind mit der Kutsche unterwegs, sondern werden auf einem mit Gittern geschützten Anhänger von einem altertümlichen Traktor gezogen, vorbei an Weiden, auf denen glänzend schwarze Stierherden gemeinsam mit weißen Camargue-Pferden friedlich grasen. Ställe brauchen diese Tiere nicht, wohl aber Freiheit und Bewegung, erklärt uns Guy. Die Camargue-Stiere sind schon von Weitem an den harfenförmig nach oben gebogenen Hörnern zu erkennen, während die Hörner der spanischen Stiere nach vorne gerichtet sind. Wahrscheinlich stammen sie ursprünglich aus Kleinasien. Die Römer brachten die temperamentvollen Tiere ins Land, um in der Arena zu kämpfen. Das tun sie heute noch. Guy mit seinem Cowboyhut schließt sorgfältig hinter uns das Gatter, damit die Tiere nicht auf die Straße laufen. Wir folgen nur zögernd seiner Aufforderung, vom Wagen zu steigen. Aber die Stiere interessieren sich nicht für uns. Nur die Jungtiere werfen uns neugierige Blicke zu, ansonsten bleiben sie unter sich, jenseits des Wasserlochs. Sie geben ein friedliches Bild ab, gegen die untergehende Sonne. Auf dem Rücken tragen die Stiere Nummern und ein Brandzeichen mit dem Wappen der Farm: So können die Züchter sie schon von Weitem erkennen. Einen Stall brauchen die Stiere nicht. Sommers wie winters verbringen sie auf den Weiden. Die ersten Jahre bleiben die Jungtiere weitgehend sich selbst überlassen in einem sumpfigen Grasland weit entfernt von der Farm, dort trainieren sie ihre Widerstandskraft und ihre Muskulatur. Die Camargue ist ein raues Land. Im Winter fegen eisige Stürme durch das Rhônetal über die Ebene. Im Sommer liegt eine schwüle Hitze über den Weiden. Schlanke weiße Vögel sitzen im Nacken der Stiere und fliegen nur ab und zu auf, um sich einen neuen Platz zu suchen. Die zarten Vögel sind Kuhreiher, sie picken die lästigen Mücken aus dem Fell der Stiere und werden von ihnen geduldet. Das Rhônedelta ist eine melancholische Landschaft, nur niedere Hecken unterbrechen die Einöde. Ab und zu ein Kanal, umgeben von Schilf. Im Frühsommer leuchten die Reisfelder zartgrün, im Herbst rostbraun, ehe sie geerntet werden. Die sandigen Strände rund um Saintes-Maries locken im Sommer Scharen von Touristen ans Meer. Aber im Frühling und Herbst gehört das Land allein den schwarz glänzenden Stieren der Camargue, den weißen Pferden und ihren Hirten. Sie gehören zur Landschaft wie die rosafarbenen Flamingos in den salzigen Lagunen des Vaccarès und die weißen Reiher in den Reisfeldern. In den Katakomben kämpften einst Sklaven gegen Löwen und Bären Die antiken Amphitheater von Nîmes und Arles sind bis heute fast vollständig erhalten. In ihren Katakomben haben einst Löwen und Bären, Sklaven und Gladiatoren auf ihren Kampf in der Arena oder auf den Tod gewartet. Nun bereiten sich hier die Raseteurs, schlanke, weiß gekleidete junge Männer, auf den Kampf vor, während der wilde Geruch der Stiere in ihre Nase steigt, der Gestank nach Angst, Mist und Schweiß, während die Ränge sich nach und nach mit erwartungsvollen Zuschauern füllen. Fünfzehntausend haben in der Arena von Arles Platz. Kaum tausend fassen die kleineren Arenen. Jede Stadt in dem magischen Dreieck zwischen den beiden Mündungsarmen der Rhône hat ihre Arena. Von keinem Volksfest, von keiner Féria in dieser Region ist der Stierkampf wegzudenken. Er gehört ebenso dazu wie die Reiterprozessionen mit den Stadtheiligen und die örtliche Banda, die Blaskapelle. Sie spielen die mitreißenden Rhythmen der Gipsy Kings, aus den Boxen dröhnen Manitas de Plata oder Les Négresses Vertes, eine aus dem Völkergemisch dieser Region hervorgegangene Musik der Manouches und Gitanes, vermischt mit spanischen und nordafrikanischen Klängen. Frauen tragen bunt bedruckte Blusen und weite Röcke. Männer tragen Hemden mit Blumenmustern. Auf den großen Alleen werden Metallgitter aufgebaut für den Lauf der Stiere, in den engen Gassen der Stadt zimmern Freiwillige Bars und Bodegas für die Sangria. Es duftet nach Reis und Stiergulasch, der traditionellen Gardiane de Taureau. In großen Pfannen röstet Paella, an Buden gibt es Falafel und Pommes frites, mit Ketchup oder Sauce Tunisienne. Auf einem nostalgischen Karussell drehen sich neben bunt bemalten Holzpferden auch zwei schwarze Stiere mit roten Mäulern und harfenförmig gebogenen Hörnern im Kreis. Und doch wurde der Stierkampf in seiner heutigen Form erst im 19. Jahrhundert wieder erfunden, im Zuge einer Renaissance der okzitanischen Kultur. Ganz verschwunden war das blutige Ritual nie. Auf Volksfesten auf dem Land kämpften Ochsen gegen Bären oder Menschen gegen Stiere. Nun bekamen diese Kämpfe ein Reglement und kehrten in die Arenen zurück. Erst mit dem Aufkommen der „Course Camarguaise“ gewann auch die Züchtung der Camargue-Stiere neues Leben. Camargue-Stiere sind kleiner als die spanischen Kampfstiere. Sie eignen sich nicht für den Pflug, ihre Aufzucht allein für die Fleischgewinnung ist zu aufwendig. Sie waren nahezu von den Weiden verschwunden. Heute grasen wieder Tausende von ihnen im Naturpark der Camargue, ebenso wie die Camargue-Pferde der Guardians. Mehr als 600 Stierkämpfe in der Region gibt es im Jahr. Im Gegensatz zur spanischen Corrida, bei der die Matadore die Stiere am Ende des Kampfes töten, ist das Ziel der Course Camarguaise, Trophäen von Stirn und Hörnern des Stieres zu reißen. Die Stierkämpfer der Arena heißen daher Raseteur, vom Verb „raser“, streifen oder rasieren, denn so nah müssen sie den gefährlichen Hörnern des Stiers kommen. Die Stiere sind Naturtalente Während auf Sportschulen junge Männer und Frauen über Jahre hart trainieren, sich in Geschicklichkeit, Akrobatik und Schnelligkeit üben und auch die Camargue-Pferde in der Manege lernen müssen, im Angesicht des Stiers ruhig zu bleiben, sind die Stiere Naturtalente. Oder eben nicht. Es hänge am Charakter des Tieres, erklärt Guy, und den erkenne man schon nach wenigen Kämpfen. Selbst einige Kühe schafften es aufgrund ihrer Angriffslust in die Arena. Im Alter von einem Jahr werden die Camargue-Stiere kastriert, nur deshalb grasen sie friedlich gemeinsam auf einer Weide. Streng genommen sind es also Ochsen, die in die Arena geführt werden. So friedlich die Stiere auch scheinen, sie sind an die Freiheit gewöhnt. Will ein Hirte ein Tier von der Herde trennen, nähern sich die Guardians den Stieren zu zweit oder zu dritt, und das zu Pferd, mit einer dreizackigen Lanze bewaffnet, um den Stier in ihre Mitte nehmen zu können. Zu Beginn jeder Féria demonstrieren die Guardians diese Kunst in einem wilden Lauf, dem sogenannten Abrivado. Dann tragen sie ihr Festtagsgewand: ein bunt bedrucktes Hemd oder eine Bluse und einen kleinen schwarzen Hut. Das weiße Fell ihrer Pferde glänzt. Angefeuert von den Zuschauern hinter meterhohen Metallzäunen entlang des Boulevard des Lices treiben sie einen Stier nach dem anderen in rasendem Galopp durch die Straße. Sie halten während des Laufs die Stiere fest zwischen die Pferdeleiber geklemmt, damit diese nicht ausbrechen können, während ein Trupp junger Leute die Absperrung durchbricht und hinter ihnen herstürmt, sich in wildem Durcheinander auf den Stier stürzt und versucht, ihn aus dem Griff der Guardians zu befreien. Auffällig viele Reiterinnen finden sich unter den Guardians und beteiligen sich an diesem gefährlichen Spiel zwischen Dominanz und Tollkühnheit. An diesem Vormittag auf der Féria du Riz in Arles jedoch sind die Hörner der Tiere mit Klebeband umwickelt und stumpf gemacht, denn heute stehen die Nachwuchs-Raseteurs zum ersten Mal in der großen Arena von Arles. Nur wenige Minuten dauern diese halsbrecherischen Ritte, die Hauptstraße von Arles hinauf und hinunter, während in der römischen Arena gerade die erste Corrida des Tages zu Ende gegangen ist: die spanische Art des Stierkampfes. Zu jeder Féria werden je nach Ausrichtung und Publikumsgeschmack beide Traditionen aufgeführt. Am Vormittag der Féria du Riz konnten Nachwuchsmatadoren ihr Talent beweisen. Für den Stier in der Corrida gibt es keine Gnade. Er wird in der Arena gehetzt und verwundet, brüllt in Todesangst, bis er endlich in die Knie geht und vom Matador den Todesstoß erhält. Gleich nach dem Kampf geschlachtet, verkaufen die Händler das Fleisch schon am nächsten Tag auf den Märkten von Arles oder Nîmes, während in der Stadt gefeiert wird. Bei der Course Camarguaise jedoch bleibt der Stier der Star. Mit seinem Namen wird für den Kampf geworben und dem der Manade, von dem die Stiere stammen. Die Raseteurs stehen in der zweiten Reihe. Doch sie sind es, um deren Leben der Zuschauer bangt. Zu waghalsig sind ihre Aktionen, zu verletzlich scheinen die schmalen jungen Männer in ihren weißen Hemden und Hosen, nur eine eiserne Kralle in der Hand, mit der sie sich blitzschnell dem Kopf des Stieres nähern, von links oder von rechts, um Bindfäden und Kokarden von Stirn und Hörnern zu reißen. Oft fliegen sie in wilden Sprüngen durch die Luft, in letzter Minute einer wütenden Neigung des Kopfes ausweichend, sie rollen unter den Hufen zur Seite oder können sich gerade noch über die Bretterbarriere in die sogenannte Contrepiste, einen schmalen Umlauf, retten, die mancher Stier wie Streichhölzer mit seinen Hörnern zertrümmert. Einige Stiere überspringen die Barriere sogar, und die Raseteurs können sich nur mit einem Sprung hinauf auf die Zuschauertribüne flüchten. Kampfrichter treiben den Preis der Trophäen in die Höhe. Je wilder der Stier, desto höher steigt der Preis für Kokarden und Fäden. Nach 15 Minuten ist der Kampf vorbei. Die Guardians treiben den erschöpften Stier zu Pferd in die Katakomben zurück. Die Raseteurs zählen ihre Trophäen, Ärzte vernähen ihre Wunden oder bringen sie gleich ins Krankenhaus, die übrigen bereiten sich auf den nächsten Kampf vor. Der Stier aber nimmt in Begleitung der Guardians noch an einem ehrenvollen Lauf durch die Stadt teil, ehe er auf seine Weide zurückkommt, bis zum nächsten Kampf. Ein verdienter Kampfstier wird – im Gegensatz zu seinen weniger erfolgreichen Artgenossen – nicht geschlachtet. Nach 15 Jahren verlässt er die Arena und verbringt seinen Lebensabend friedlich auf der Weide. Mädchen stehen die Schulen für Raseteurs zwar offen, aber nur selten wagt sich eine Rasetrice in die Arena. Die Namen auf den Rückseiten der Shirts der jungen Kämpfer klingen nicht selten arabisch. Viele junge Einwanderer begeistern sich für diesen Sport, auch wenn längst nicht so hohe Summen bezahlt werden wie für einen erfolgreichen Fußballer. Höhepunkt jeder Saison ist das große Finale, das abwechselnd in den Arenen von Arles oder Nîmes ausgetragen wird. Hier wird der beste Raseteur des Jahres mit der Trophée des As geehrt. Die wichtigste Trophäe aber gehört dem Stier: Le Biòu d’Or – Biòu heißt auf Okzitanisch Stier. Sieben Stiere, die besten der Saison, konkurrieren jedes Jahr bei dieser letzten Féria des Jahres darum. Drei Goldpokale stehen in der Vitrine der Manade des Baumelles. Zwei davon hat der Barrikadenbrecher Minouche gewonnen. Heute steht seine Bronzestatue eingefroren im rasenden Lauf vor der Arena von Saintes-Maries-de-la-Mer. Information: Die meisten Stierkämpfe in der Camargue finden in den Sommermonaten Juni, Juli, August und September statt, die Féria du Riz in Arles vom 3. bis 6. September 2026. Führungen, Unterkunft und Essen auf der Manade des Baumelles: https://www.manadedesbaumelles.fr/activites.html