Am 17. Oktober des Jahres 1961 trafen sich Mick Jagger und Keith Richards zufällig auf einem Bahnsteig der Stadt Dartford in der britischen Grafschaft Kent, als sie auf einen Zug nach London warteten. Beide wurden in Dartford geboren, beide besuchten zeitweise die gleiche Grundschule. Doch dort kamen sie nicht zusammen. Die Begegnung auf dem Bahnsteig gilt als eine Art Geburtsstunde der Rolling Stones. Jedenfalls aus Sicht der Dartforder, denn tatsächlich wurden die Stones erst später in London gegründet. Aber vielleicht hätte es die berühmte Band tatsächlich nie gegeben, wären sich Jagger und Richards in diesem Herbst nicht begegnet. Jedenfalls kannte die Erzählung vom Zusammentreffen der beiden Musikgiganten in den Siebzigerjahren fast jedes Hanauer Schulkind, denn damals bestand ein reger privater und offizieller Austausch mit der Partnerstadt Dartford. Kaum eine Schulklasse, die nicht einmal nach Dartford gereist wäre oder deren Eltern nicht ein Kind aus dem englischen Ort für ein paar Tage bei sich aufgenommen hätte. Es war die Zeit eines nach dem Krieg zusammenwachsenden Europas, die geprägt war von den internationalen Partnerschaften von Städten zur Wahrung von Frieden und Freundschaft. Heute ist der damalige Schwung erlahmt und die Euphorie des Versöhnungsgedankens verblasst. Das geht der Partnerschaft von Dartford und Hanau nicht anders. Den Partnerschaftsverein existiert nicht mehr, der vielfältige private Kontakt ist weitgehend eingeschlafen, doch es gibt ihn durchaus noch: Vor allem eine Gruppe aus standfesten Hanauern und Dartfordern verbindet eine fast lebenslange Freundschaft. Der Gast aus England hat einen Vorschlag für das Bürgerfest Ein unerschütterlicher Freund Hanaus ist der Dartforder Steve Irving. Im Zeitraum der vergangenen 50 Jahren kam der ehemalige Finanzberater der britischen Großbank NatWest im Spätsommer immer wieder nach Hanau, um das größte Volksfest der Stadt, das Bürgerfest, zu besuchen. Diese Treue des 66 Jahre alten Dartforders würdigte in diesem Jahr der scheidende Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) bei einem Empfang auf dem Fest. Ob Irving dabei dem Oberbürgermeister seinen Wunsch mitteilte, das Fest wieder im Park von Schloss Philippsruhe stattfinden zu lassen, verrät der Engländer nicht. Wahrscheinlich tat er es nicht, denn er wolle nicht unhöflich sein, wie er vor dem Empfang sagte. Heute reihen sich die Stände und Vereinszelte unterhalb des Schlosses entlang des Mains, was Irving als viel weniger atmosphärisch findet als im Schlosspark. Das damalige Argument für die Verlegung, die großen Bäume des Parks litten durch das Fest, findet Irving nicht stichhaltig. Dass es ihn dennoch immer wieder nach Hanau ziehe, liege an den Menschen, den Freunden, die er hier gewonnen habe. Diese Zeit nimmt er sich, obwohl er im Ruhestand ehrenamtliche Projekte betreut wie die Unterstützung des Dartford Football Clubs, den er seit dem Jahr 1992 als Direktor und Vorsitzender maßgeblich lenkt. Durch den regelmäßigen Jugendaustausch lernte Irving in Hanau unter anderem den Degussa-Konzern, die Binding-Brauerei und den Flughafen Frankfurt kennen. Die Leistung der Hanauer beim Wiederaufbau ihrer Stadt, der das Bürgerfest gewidmet ist, hat Irving tief beeindruckt. Das gilt auch für den Umbau und die Modernisierung der Innenstadt in den vergangenen 20 Jahren. Die beiden Industriestädte passten zusammen Seine Leidenschaft für Hanau ist kein Zufall. Steves Vater Sydney Irving, Mitglied im Dartforder Stadtrat, war Ende der Sechzigerjahre maßgeblich an der Gründung und Organisation der Partnerschaft zwischen Hanau und Dartford beteiligt. Die beiden Städte kamen aufgrund eines Vorschlags des Regierungspräsidiums Wiesbaden zusammen. Beide Städte waren etwa gleich groß, hatten viel Industrie und lagen in der Nähe der Metropolen London und Frankfurt. So unterzeichneten am 23. August 1969 der damalige Hanauer Oberbürgermeister Hans Martin (SPD) und der Bürgermeister von Dartford, Terence Smith, die Partnerschaftsurkunde im Hanauer Rathaus. Eine Woche später folgte die gleiche Zeremonie in Dartford. Damit wurde eine der ältesten Städtepartnerschaften in Hessen ins Leben gerufen. Die Besuche in Hanau waren so von Kindesbeinen an für Steve Irving eine Selbstverständlichkeit. Wenn die Familie Irving nach Hanau reiste, wohnte sie stets bei der Familie von Hans Mattes, früherer Stadtverordneter und Verfechter des europäischen Gedankens der Aussöhnung. Gemeinsam organisierten Sydney Irving und Hans Mattes unter anderem rege Austausche von Schulen, Kulturorganisationen und Begegnungen auf privater Ebene. Vor allem die Jugendtreffen waren ihnen wichtig. Wenn Steve Irving mit seiner Frau heute nach Hanau reist, finden die beiden wie zuvor Steves Eltern im Haus der Familie Mattes Unterkunft. Heute ist es der Sohn von Hans Mattes, Hanns Mattes mit doppeltem N, der die Freunde aus Dartford in seinem Elternhaus begrüßt. Hanns Mattes ist Hanau-Korrespondent der F.A.Z. und wie Steve Irving eine konstante Stütze der Städtepartnerschaft. „Steve war für meine Eltern wie ein Sohn“, erinnert sich Hanns Mattes. Er bedauert, dass es die breite Basis der Partnerschaft, die weit in die Stadtgesellschaft gestrahlt habe, heute nicht mehr gebe. Deshalb seien die Berührungspunkte auf privater Ebene so wichtig. Damals sei das Reisen von jungen Leuten in andere Länder auch innerhalb Europas eine Besonderheit gewesen, sagt Irving. Der Jugendaustausch mit Hanau habe ihnen neue Welten erschlossen. Gerne erinnert er sich an das Unterhaltungsprogramm, das das Jugendamt in den Siebzigerjahren unter der Leitung von Alfred Walter organisierte. Es gab Fußballturniere und kleine Wettkämpfe in Hockey, Basketball oder Boxen. Unvergesslich geblieben ist Irving eine Fahrt von Dartford nach Hanau. Damals, in einem Kleinbus mit Teenagern, habe er seine erste Frau kennengelernt. Auch für die Jugendlichen aus Hanau war der Jugendaustausch von großer Bedeutung. Um die Gemeinschaft zu bewahren und dauerhaft gegenseitige Besuche zu organisieren, schlossen sich unter anderem der Hanauer Kabarettist und Musikjournalist Hans-Jürgen Lenhart sowie der Autor und Kulturschaffendende Matthias Ullrich mit jungen Briten, darunter Steve Irving, zur Gruppe „Knees up and boogie“ zusammen. „Unsere Begeisterung für die britische Kultur hat unser Leben geprägt“, erklärt Lenhart den Zusammenhalt der Gruppe. So erzählt Mattes gerne von seiner Begegnung mit Kate Bush in einem Lebensmittelladen in Maidstone in der Nähe von Dartford. Plötzlich habe sie dagestanden. „Sind Sie nicht Kate Bush?“, habe er die populäre Sängerin gefragt. Sie habe mit einem einfachen Ja geantwortet und gelächelt. Das war schon alles, aber für Mattes stellt es eine unvergessliche Jugenderinnerung dar. Alte Fotos aus den Siebzigern zeigen die Jugendlichen auf dem Bürgerfest, die Jungen mit den typischen halblangen Haaren, Jeans und T-Shirts auf der Wiese liegend oder in Grüppchen zusammenstehend. Zigarettenrauchen und Biertrinken gehörte damals bei vielen dazu, wie die Bilder zeigen. „Wir hielten uns oft im Sanitätszelt auf, wenn Kameraden etwas über den Durst getrunken haben“, erzählt Irving und lacht: „Das viel stärkere als das britische Bier haben manche einfach nicht vertragen.“
