Es war eine große Überraschung für die Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH, die Betreiberin von Krippen, Kindergärten und Horten, als sie die Datenauswertung ihrer Kitas erhielt. Die Geschäftsführung hatte erwartet, dass Sprachförderung besonders in Nordrhein-Westfalen oder Berlin nötig ist. Aber es kam ganz anders: Brandenburg stellte sich als besonders prekär heraus. 406 von 1206 brandenburgischen Kindern brauchen besondere Unterstützung beim Sprache-Lernen, um am Ende der Kita den Übergang in die Grundschule zu schaffen. In Frankfurt/Oder lag der Förderbedarf bei 57 Prozent, weil die Kitas im Einzugsbereich mehrerer Flüchtlingsunterkünfte liegen, in Cottbus bei 43 Prozent, in Senftenberg bei 42 Prozent. Deutschlandweit ist der Förderbedarf im Süden am geringsten, auch im Westen deutlich geringer als im Osten und Nordwesten. In Nordrhein-Westfalen sticht der Rhein-Kreis Neuss mit 62 Prozent als besonders förderbedürftig hervor, gefolgt von Bochum, Oberhausen, dem Rhein-Sieg-Kreis und Essen. Fröbel gehört inzwischen zu den erfahrensten Trägern und begann schon 2021 mit einer alltagsintegrierten Sprachbeobachtung nach dem sogenannten Basik-Tool (Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen). Seit dem Kita-Jahr 2025/26 wird der Sprachstand in allen Fröbel-Kitas auf diese Weise erfasst. Eine Erzieherin beobachtet ein Kind in der Gruppe und füllt einen digitalen Fragebogen in ihrem Tablet aus. Ausgewertet werden auditive Wahrnehmung, Mundmotorik, Tastsinn, Sprachverständnis, Semantik, Wortvielfalt und Phonetik. Das Kind bekommt von der Testsituation nichts mit. Die größte Wirkung bei der Sprache In monatelanger Arbeit hat der Datenexperte bei Fröbel die 13.827 Beobachtungen aus zwölf Monaten ausgewertet. Insgesamt handelt es sich um 223 Einrichtungen und 10.011 Kinder. „Die Daten zeigen uns erstmals verlässlich, in welchen Fröbel-Einrichtungen der Sprachförderbedarf besonders hoch ist und wo wir uns besonders engagieren müssen“, sagt Fröbel-Geschäftsführer Stefan Spieker im Gespräch mit der F.A.Z. „Als Träger müssen wir entscheiden, wo wir unsere knappen Ressourcen so einsetzen, dass sie die größte Wirkung entfalten. Und diese Wirkung entscheidet sich vor allem bei der Sprache“, fügt er hinzu. Sprachlich versierte Kinder fordern den Dialog mit den Erziehern ein, förderbedürftige Kinder sind oft still und müssen zum Sprechen animiert werden. Anhand der Daten, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen, kann der Träger feststellen, welche Maßnahmen besonders gut wirken, wo die Sprachförderung offenbar noch nicht so gut gelingt und wie dort weitere Unterstützung geleistet werden könnte. Außerdem lässt sich der Verlauf der Sprachentwicklung bei den Kindern verfolgen. Wenn Kinder plötzlich in die förderbedürftige Zone der 25 Prozent schwächsten Sprecher abrutschen, wird interveniert, ihnen mehr Zeit gewidmet. Bei der Sprachkompetenz der fünf- und sechsjährigen Kinder schneiden die monolingual Deutsch aufgewachsenen Kinder wenig überraschend am besten ab, gefolgt von denjenigen, die zu Hause Deutsch und eine weitere Familiensprache pflegen. Aufschlussreich ist, dass die Kinder ohne Deutschkenntnisse, die mit weniger als zwei Jahren in die Kita kamen, besonders gut abschneiden. Kommt ein Kind dagegen ohne Deutschkenntnisse erst mit drei Jahren in die Kita, sind die Ergebnisse erheblich schlechter. „Sollten die Sprachfähigkeiten am Ende der Kita nicht für einen problemlosen Übergang und die Teilhabefähigkeit in die Grundschule genügen, sprechen wir mit den Eltern über Rückstellungen von der Einschulung“, sagt Spieker. Den Kindern wird dadurch eine riesige Enttäuschung gleich zu Beginn der Grundschulzeit erspart. Fünf Säulen für Sprachförderung Die Sprachbildung baut hier auf fünf Säulen auf: einer Fortbildung aller Erzieher, auch mit einer sogenannten „Marte-Meo-Qualifizierung“, das ist eine videogestützte Analyse des erzieherischen Handelns und der Interaktion mit dem Kind, sowie weitere Fortbildungstools. Die Erzieher, die das Marte-Meo-Programm durchlaufen haben und selbstkritisch analysiert haben, ob sie wirklich alle Sprechgelegenheiten mit der richtigen Interaktion genutzt haben, erzielten das größte Kompetenzwachstum. Das geht klar aus den Daten hervor. Den Datenschutz regelt Fröbel mit den Betreuungsverträgen, die entsprechende Klauseln enthalten, dass die Daten anonymisiert erfasst werden können. Die seien vom TÜV überprüft worden, versichert Spieker. Alle Kinder ab zwei Jahren werden einmal im Jahr beobachtet und anschließend bei Bedarf gezielt gefördert. Zu den wichtigsten Bausteinen gehört das Vorlesen, das möglichst als dialogisches Lesen praktiziert wird. Kinder sprechen Wörter nach, die Erzieher verwickeln sie in ein Gespräch. Analog zum Leseband in der Grundschule, bei dem jeweils ein Tandem eines starken und schwächeren Schülers laut lesen, erprobt Fröbel ein Vorleseband in seinen Kitas, bei dem die Kinder allerdings nicht selbst lesen. Es gibt monatliche Kinderbuchempfehlungen, in vielen Fröbel-Einrichtungen eine Kiste von Bilderbüchern zum Ausleihen für zu Hause. Doch nicht wenigen Eltern fällt das dialogische Vorlesen schwer. Der Träger bietet deshalb Elternakademien mit digitalen Impulsen von Experten für die gesamte Familie an. „Die Grundidee für Familien mit Migrationshintergrund ist, in der Kita auf Deutsch vorzulesen und am liebsten am selben Tag noch in der Fremdsprache zu Hause zu lesen. Dazu bieten wir in den Fröbel-Einrichtungen Kinderbücher in vielen Sprachen zum Ausleihen an. Zudem nutzen wir die Polylino-App, zu der auch die Familien Zugang haben. Hier finden sie Bilderbücher in fast siebzig Sprachen zum Anhören und Vorlesen“, sagt Spieker. Er verweist auf die Zusammenarbeit mit der Stiftung Lesen und den Versuch, weitere Stiftungen für die gezielte Unterstützung der Sprachförderung zu gewinnen. Fünf oder zehn Minuten pro Kind sind zu wenig Wenn die Sprachförderung in einer Einrichtung noch nicht gut gelingt, versucht der Träger anhand der Daten und durch Gespräche herauszubekommen, woran es liegt: Fehlt es an Fachberatung, braucht es Fortbildung, sollten vielleicht noch Ehrenamtliche in die Kita kommen, um vorzulesen? Spieker weiß, dass der Personalschlüssel entscheidet, wie viel Zeit der Erzieher auf das einzelne Kind verwenden kann. „Bei nur noch fünf bis zehn Minuten pro Kind ist überhaupt keine Wirksamkeit mehr erkennbar“, gibt Spieker zu bedenken. Es gehe darum, jedes Handlungsmoment zu nutzen und in Sprache umzuwandeln, und zwar den gesamten Tag. Widerstand in den Teams kann Spieker nicht erkennen. „Wir beziehen uns immer auf unser Leitbild und die Rechte der Kinder. Dazu gehört auch das Recht auf eine professionelle pädagogische Betreuung“, erinnert der Geschäftsführer. Daraus abgeleitet müsse auch die Sprachbeobachtung nach professionellen Standards verlaufen. Wer die Ergebnisse eines anerkannten diagnostischen Verfahrens vorweisen könne, habe bessere Argumente, sagt Spieker. Außerdem verweist er auf die Familien: Gerade diejenigen, die die Sprache selbst nicht beherrschen, erwarten von der Institution, dass Sprachkompetenz entwickelt wird. Jede Einrichtung müsse versuchen, aus Beobachtungen und Dokumentationen die jeweils wirkungsvollste Förderung abzuleiten. Das ist anspruchsvoll und anstrengend. Auch Fröbel hat einen Ausfall von etwa 30 Prozent der Fachkräfte durch Infektionskrankheiten, die meist in der Kita übertragen werden, aber auch Überforderung und psychischer Belastung. Je mehr Personal fehlt, desto stärker sind die gesunden Erzieher belastet. Fünf Stufen frühkindlicher Sprachkompetenz Der Datenfachmann bei Fröbel hat monatelang daran gearbeitet, mit dem Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) vergleichbare Maßstäbe für die frühkindliche Bildung zu entwickeln. Dafür wurden den fünf Kompetenzstufen für das schulische Lernen vergleichbare fünf Stufen für den frühkindlichen Bereich entwickelt. Die höchste Stufe umfasst phonologische Bewusstheit und frühere Literalität. Kinder können dann Wörter in Silben zerlegen, alle Laute korrekt bilden, im Rollenspiel Kompromisse aushandeln, Adjektive steigern, Lautstärke und Betonung anpassen und versuchen schon erste Wörter zu schreiben. Die niedrigste Stufe bei über Dreijährigen umfasst die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen, Geschichten aufmerksam zuhören zu können, kleinere Körperteile benennen zu können und den Rhythmus mitzuklatschen. Alle Einrichtungen haben außerdem Zugang zum digitalen Übersetzungsprogramm DeepL, um die Gespräche mit den nicht Deutsch sprechenden Eltern zu ermöglichen. Die Hol- und Bring-Situation ist dafür ideal. „Stabile Teams sind für eine hohe Qualität entscheidend“, sagt Spieker. Aber die Fluktuation ist in manchen Landesteilen hoch, der ausufernde Gebrauch von Social Media hinterlässt seine Spuren, und der Umgang insgesamt wird in den Augen der Fröbel-Gruppe immer ruppiger. Es ist nicht immer leicht für die Erzieher, in widrigen Situationen zugewandt und professionell zu bleiben. Sollte das neue Kita-Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) so beschlossen werden wie geplant, kann Fröbel mühelos anknüpfen. „Bei einer zuverlässigen Datengrundlage brauchen wir keinen Sozialindex mehr, er generiert sich automatisch durch die Werte der Sprachkompetenz, wir können die zehn Prozent der förderbedürftigsten Einrichtungen sofort identifizieren“, meint Spieker, der hofft, dass Best-Practice-Beispiele auch im frühkindlichen Bereich Schule machen.
