FAZ 18.08.2026
09:36 Uhr

Spektakuläres Norwegen: „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“


Drei Zugstunden östlich von Bergen beginnt eine der angeblich schönsten Wanderungen, die man in Norwegen machen kann: durchs Aurlandsdalen, gerühmt als „Grand Canyon Norwegens“.

Spektakuläres Norwegen: „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“

Als ich aus dem Zug steige, peitscht mir der Regen ins Gesicht. Erschrocken fliehe ich ins Hotel am Bahnsteig, sinke mit einer Tasse Kaffee ins Sofa und schaue erst mal über den Bergsee. „Finse 1222“ steht über dem Eingang des altehrwürdigen Hauses, ein Verweis auf die Höhenmeter des alpinsten Bahnhofs in Norwegen. Drei Zugstunden östlich von Bergen beginnt hier eine der angeblich schönsten Wanderungen des Landes. Knapp 50 Kilometer werde ich in den kommenden drei Tagen bis nach Vassbygdi wandern, den Großteil davon durchs Aurlandsdalen, gerühmt als „Grand Canyon Norwegens“. Es klingt ein wenig nach Auenland, aber der Auftakt lässt eher an Mordor denken. Jenseits der Gleise steige ich auf in ein abweisendes Bergland aus Felskuppen und Geröll. Dunkle Wolken jagen tief über die rundgeschliffenen Berge, Regen prasselt, Windböen rupfen die wasserdichte Hülle vom Rucksack. „Bist du vorbereitet auf das, was dort oben kommt?“, fragt ein entgegenkommendes Paar in Mützen und Handschuhen. Ich zurre die Regenhülle fest und fluche. Doch als ich zurückblicke, lichten sich gerade die Wolken über dem See. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch, der riesige Gletscher Hardangerjøkulen mit seinen schrundigen Zungen glänzt zwischen dunklen Felsen. Ringsum leuchten die Hänge grün und orange auf, Fluss und See glitzern. In Sekunden verwandelt sich Tristesse in Erhabenheit. Steinmännchen mit rotem T weisen den Weg über Felsplatten und Schneefelder. Manche ähneln Minipagoden, andere Runensteinen. Die lückenlose Markierung erstaunt, eigentlich lieben die Norweger ihre Wildnis so ungezähmt wie möglich. Immer höher führt die Route bis zur Scharte unter dem Sankt Pål. Mit 1695 Metern mag der Gipfel mickrig klingen, aber die Bergwelt aus Fels und Eis wirkt hochalpin, das natürliche Habitat für Trolle und Riesen. Dahinter beginnt der Abstieg entlang des bildschönen Bergsees Omnsvatnet, durch Feuchtwiesen, auf denen Wollgras zittert. Schon von Weitem sehe ich die Geiterygghytta auf ihrem Logenplatz über dem gleichnamigen See. Die Berghütte gehört dem norwegischen Wanderverein DNT, doch im Gemeinschaftsraum mit gemauertem Kamin und schicken Sofas fühlt man sich wie in einer teuren Lodge. Der Speisesaal ist zum Abendessen voll besetzt, an meinem Tisch sitzen vier Niederländer, zwei Studentinnen aus den USA und eine Rentnerin aus Oslo. Alle folgen derselben Route. Wanderer aus elf Nationen „Die Tour wird jedes Jahr beliebter“, sagt Torill Opedal Hauge, die mit ihrem Ehemann die Hütte leitet. „Früher hieß sie vom Berg zum Fjord, aber seit 2023 wird sie Medvind genannt. Denn im besten Fall wandert man immer mit dem Wind.“ Zur Vorspeise tischen die Kellnerinnen Möhrensuppe mit Focaccia auf, gefolgt von Rentiergeschnetzeltem und Käsekuchen mit Beeren. Manche Gäste trinken Rotwein, eine Gruppe junger Norweger gönnt sich draußen ein Bad im Hot Tub und rennt johlend in den kalten See. Während der Sommerferien im Juli kämen vor allem Einheimische auf die Hütte, sagt Hauge, nun im August sei das Publikum internationaler. An diesem Abend haben Wanderer aus elf Nationen eingecheckt, sogar Neuseeländer sind hier. Das passt zur Tradition: Die ersten Touristen im 19. Jahrhundert waren englische Adelige. Anfangs bezahlte der DNT die Bauern, sie zu beherbergen und zu bekochen. 1894 und 1895 baute der Verein die ersten Hütten im Tal. Die Steinbergdalshytta war eine davon. Schon nach zweieinhalb Stunden taucht sie am nächsten Tag tief unten im Stemmerdalen auf. Die meisten Wanderer kehren deshalb nur für einen Zwischenstopp ein. Im Speisesaal stehen Kaffee, Waffeleisen und Schüsseln mit dem passenden Teig bereit. Die Blaubeeren dazu könnte man am Wegesrand pflücken. In den 1970ern schliefen Arbeiter hier, die Staudämme und die Straße durchs Tal bauten. Nachdem diese 1974 vollendet war, wurde für Wanderer ein neuer Weg angelegt. Steil führt er hinter der Hütte den Berghang hinauf, bald fliegt der Blick weit über den glitzernden Stausee Vetlebotnvatnet und das tief eingeschnittene Tal. Nur die Strommasten stören das Idyll. Dafür produzieren die fünf Kraftwerke im Aurlandsdalen genug Strom, um die Großstadt Bergen zu versorgen. Hoch über Damm und Straße führt der Weg am Fuße einer schwarz glänzenden Felswand entlang, von der feine Wasserfälle herabsprühen. Eisenhut und Goldrute krallen sich in Ritzen, Seggen und Farne wiegen sich im Wind, vereinzelte Birken und Weiden wachsen aus Beerenbüschen und Rentierflechten. Stellenweise ist der Pfad ausgesetzt, eine kurze Kette gibt Ängstlichen Halt. Fordernd ist eher der lange Abstieg nach Østerbø. Es dämmert schon, als ich in dem Dörfchen im Tal ankomme. Vorbei an Ferienhäusern laufe ich zur Turisthytte, daneben breiten sich ein Campingplatz und ein Hotel mit vielen Chalets aus. Leichen in den Bäumen Vor 150 Jahren, als noch kein Norweger vom Ölschatz draußen im Meer wusste, hätten sich die Großfamilien der vier Höfe solcherlei Luxus nicht erträumen können. 1870 lebten fast hundert Menschen im Tal. Die Bauern hielten Kühe und Schafe, bauten Kartoffeln und Roggen an und jagten Rentiere in den Bergen. Das Leben war hart und oft kurz, auf dem kleinen Friedhof sind viele Kinder begraben. Starb jemand im Winter, hängte man die Leiche in die Bäume, damit die Wölfe sie nicht fressen. Als das große Amerika-Fieber ausbrach, zogen viele Junge nach Minnesota, wo es sogar eine Aurlandskirche gibt. Allein konnten die Alten ihre Höfe nicht mehr bewirtschaften, 1907 verließen die letzten das Dorf. Ihre Geschichte erzählen Schilder am Wegesrand der „Historischen Wanderroute“ durchs Aurlandsdalen. Weitaus mehr erfährt aber, wer die finale Etappe mit Laila Kvellestad wandert. „Ich will die Kultur der Bauern bewahren und den Touristen vermitteln“, sagt die 62-Jährige. „Mir liegt die ganze Gegend sehr am Herzen.“ Kvellestad kam als junge Frau nach der Landwirtschaftsschule ins Tal, um Schafe zu hüten. Sie stieg auf die Berge, lernte die Bauern kennen – und ihren Ehemann. „Kultur auf dem Teller“ nennt sie ihre Kombination aus Wanderungen und traditioneller Kulinarik. Die Zutaten für unser Picknick trägt sie in einem großen, alten Rucksack. Den Hüftgurt lässt sie offen baumeln, im Wollpulli wirkt sie nicht gerade wie eine Bergläuferin. Doch der erste Eindruck täuscht, Kvellestad geht zügig. „Früher konnten mir die Männer nicht folgen“, sagt sie. An vielem, was Kvellestad zeigt und erklärt, würde man ohne sie achtlos vorbeilaufen: an den Resten steinerner Koppeln, an der von Farnen und Beerenbüschen überwucherten Ruine eines kleinen Hofs oder an den von Gletschersteinen geschliffenen Strudellöchern. Ihr Ehemann ging als Jugendlicher noch mit, wenn die Bauern damals Tausende Rinder, Schafe und Ziegen durch die Schlucht trieben. Um den 20. Juni zogen sie zu den Sommerweiden hinauf, die heute vom Wald überwuchert werden, um den 20. September liefen sie zurück an den Fjord. „Sie wanderten in der taghellen Nacht, weil es tagsüber zu heiß für die Schafe war“, erzählt Kvellestad. Und das zum Teil über Bohlenwege, die in der Felswand über dem tosenden Fluss hingen. „Wer hineinstürzte, war verloren.“ Auf einem steilen Pfad wandern wir hinab zum Nesbøvatnet. Die Stützmauern in den Hängen zeigen, wie hoch hinauf die Hänge um den See einst terrassiert waren. Seit dem 17. Jahrhundert war der Bauernhof Nesbø einer der größten im Tal. Den heutigen Hausherrn traf Kvellestad das erste Mal vor 40 Jahren in den Bergen. Damals jagte Svein Arne Listøl oft Rentiere, in einem Holzkahn im Garten liegen ihre Geweihe. „Einmal schleppte ich 50 Kilo herunter“, erzählt der 81-Jährige. Mehr als 1800 wilde Rentiere Listøl führt in die gute Stube. In der Ecke brennt ein Feuer im Kamin, die Steine dafür sammelte er selbst. „Meine Frau erbte den Hof 1972“, sagt er, „seitdem renovieren wir.“ An der Wand hängen Schafscheren und Felle, darunter stehen bunt bemalte Truhen aus dem 18. Jahrhundert. Listøl ist ein guter Erzähler, und Kvellestad bringt ihm regelmäßig Zuhörer vorbei. Im hübsch renovierten Stall aus Bruchsteinen gibt sie Dinner, der Holztisch mit Feuerplatz ist dann mit Kerzen geschmückt. Hochzeitsgesellschaften reisen bis aus Spanien oder Kalifornien an. In den letzten 20 Jahren kämen immer mehr Ausflügler und Touristen ins Tal, sagt Listøl. „Seit der Pandemie wandern viele Norweger hier, gestern lief den ganzen Vormittag eine lange Karawane vorbei.“ Die dritte Etappe ist eine beliebte Tagestour. Der Pfad ist gut ausgebaut, grüne Schilder zeigen regelmäßig an, wie viele Kilometer noch zu gehen sind. Die meisten Wanderer tragen nur einen leichten Rucksack, manche führen Hunde an der Leine. Am Ende des Sees Nesbøvatnet gabelt sich der Weg. Der alte Bjørnstigen ist kürzer, aber führt steil den Hang hinauf. „Mir ist der untere Weg lieber“, sagt Kvellestad. Ihr Schwiegervater war einer der Arbeiter, die den Steig 1954 mit Dynamit in den Glimmerschiefer sprengten. Heute halten ihn die „Freunde des Aurlandsdalen“ und andere Freiwillige instand. Die Felswände rücken nun enger zusammen, unter uns glitzert der Fluss. Mehr als 400 Pflanzenarten wachsen in den verschiedenen Lebensräumen entlang seiner Ufer. „Und dort oben auf dem Klovafjellet leben noch mehr als 1800 wilde Rentiere“, sagt Kvellestad. Pläne, eine Straße durch die Schlucht zu bauen, wurden zum Glück verworfen. Immer wieder zweigen Seitenpfade zu Aussichtspunkten ab, wo Wanderer picknicken und das überwältigende Naturschauspiel genießen. Langsam beginne ich zu zweifeln, ob ich den gebuchten Bus um 16.30 Uhr in Vassbygdi erwische. „Es wäre schade, hier durchzuhetzen“, sagt Kvellestad. „Es gibt zu viel zu sehen.“  Zum Beispiel die Höhle Vetlahelvete. Durch Spalten und das offene Dach scheint die Sonne in die „kleine Hölle“ und lässt das Wasser in Gelb- und Brauntönen leuchten. Oder einen von Sohlschwellen gestauten See, in dem sich die Waldhänge spiegeln. Kinder baden im klaren Wasser, Väter angeln, Wanderer haben ihre Shirts ausgezogen und sonnen sich. Meist wandern wir im sanften Auf und Ab dahin, der steile Anstieg zum verlassenen Bauernhof Sinjarheim aber treibt kurz den Puls hoch. Das blassgelbe Holzhaus mit Grasdach und die aus Balken und Steinen gezimmerten Scheunen sitzen auf einer Kuppe hoch über der Schlucht, hinter ihnen stürzt ein Wasserfall über eine Felswand herab. Der perfekte Platz für die Mittagspause. Sinjarheim ist der älteste Hof im Tal, schon im Mittelalter lebten Menschen hier. Mitte der 1960er gaben die Besitzer den Hof auf, ab 1988 wurde er renoviert. „Heute lernen Landwirtschaftsschüler hier, Ziegen zu melken und Käse zu machen“, sagt Kvellestad. Fürs Picknick packt sie geräuchertes Lammfleisch, Schaf-Salami, Ziegenkäse und geräucherten Lachs aus, den ihr Mann gefischt hat. Und beim ersten Bissen leuchtet ihr Konzept „Kultur auf dem Teller“ sofort ein. Gütig lächelnd beobachtet Kvellestad mein Schlingen. „Ab jetzt geht es nur noch bergab“, sagt sie beruhigend – und sucht mit ihrem Smartphone schon mal nach Alternativen zum Bus.