FAZ 15.05.2026
18:21 Uhr

Skulpturen von Olaf Metzel: Intervention in Nürnbergs NS-Monument


Hauptstadt der Zerlegung: Der Bildhauer Olaf Metzel setzt dem Ungeist der Nürnberger NS-Kongresshalle seine humanistischen Werke entgegen.

Skulpturen von Olaf Metzel: Intervention in Nürnbergs NS-Monument

So ändern sich die Zeiten. Vor vierzig Jahren exorzierte die Band Einstürzende Neubauten auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände die Dämonen des Dritten Reichs mit einem brachialen Konzert. Zur Fußball-WM vor zwanzig Jahren erzeugte die als „Stuhlturm“ diffamierte Arbeit „Auf Wiedersehen“ des fußballbegeisterten Bildhauers Olaf Metzel einen ungeheuren Proteststurm in der einstigen „Stadt der Reichsparteitage“, der ihn als Kunstzersetzer auf die Titelseite der „Bild“-Zeitung katapultierte. Hatte es der Künstler doch gewagt, den gotischen „Schönen Brunnen“ und damit eine der liebsten Kulissen der Nationalsozialisten mit den herausgerissenen Stühlen des hiesigen Stadions Christo-gleich zu verhüllen, um dadurch erst recht die dunklen zwölf Jahre auszuleuchten. Nun wurde der 1952 in Berlin geborene und jahrelang als Professor für Bildhauerei und Rektor der Münchner Akademie Tätige eingeladen, dem Ungeist der unvollendeten Nürnberger Kongresshalle, die wie kaum ein Gebäude die totalitäre Weltanschauung des NS verkörpert, mit „Oder etwa nicht?“ seine stets humanistischen, nie jedoch harm- oder wehrlosen Skulpturen entgegenzusetzen. Die fast immer metallenen, fragmentierten und zerschnitten-vergitterten skulpturalen Reibungsflächen für wache Augen stören durch ihre bloße, meist deformierte Präsenz scheinbar zwingend nötige Ordnungssysteme, brechen die manipulative Überwältigungsarchitektur mit ihrer unverstellten Ehrlichkeit auf. Sie stellen Fragen nach Menschenrechten, Migration, Machtmissbrauch und Manipulation in jeder Form, ohne wohlfeile Antworten zu geben. Jede einzelne der Skulpturen erscheint so wie ein Antidot gegen die sieben Todsünden des Nationalsozialismus. Türkische Reaktionen auf die NSU-Morde Metzel ist der rare Fall eines am politischen Zeitgeschehen interessierten Künstlers, der Geschichte als Material begreift, das sich unter dem Druck gesellschaftspolitischer Kräfte jederzeit verformen kann. Seine genuine Kunst aber ist, Historie in starke Form umzuprägen, ohne je Plattitüden zu schaffen. Dass das unverzichtbare Einmaleins starker Skulptur bei ihm nie zu kurz kommt, lässt sich schon in der kathedralhohen eisigen Eingangshalle nicht überfühlen: Die stählern-rostigen und tonnenschweren Volumina von „Deutsche Kiste“, zwei Polygone aus Stahl und Beton, die wie ineinander geschobene Hamburger-Verpackungen oder Särge wirken, trotzen dem monströs disproportionierten Raum mit Raumhaltigkeit, indem sie frech Platz für sich reklamieren, sind aber im selben Moment auch disfunktional (diese Kiste transportiert gewiss nichts mehr), flächig und humil. Durch die herbstlichen Rostfehlfarben von Grün bis Rotbraun erlangen die schweren Massen zudem eine spielerische Leichtigkeit, die durch das tanzende Licht auf den Flächen weich und hart zugleich erscheint. In einem der Nürnberger Nebengelasse fächert Metzel dann im monumentalen, mithin unübersehbaren und unüberlesbaren Maßstab die schockierten Reaktionen der türkischen Presse auf die acht NSU-Morde an türkischen Mitbürgern in Deutschland auf, im ersten Schritt sorgsam von Hand gefaltete reale Zeitungen, die in Aluminiumwellen umgeformt und bedruckt werden. Wie eine Explosion stieben die Worte des Entsetzens nach außen. Des belesenen Skulpteurs Metzels Waffe gegen die Dummheit und die Unmenschlichkeit ist das Papier der Aufklärung, gedruckt auf das gut biegbare Aluminium. Walter Benjamin, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno mit seinen „Minima Moralia“, Susan Sontag und Hans Magnus Enzensberger heißen des Künstlers Gewährsleute. Dennoch ist er alles andere als ein weltfremd illusionistischer Papiertiger. Sein NSU-Fächer und seine hochironische Gegenüberstellung einer Schriften-Skulptur zu Heidegger und dessen heimlicher Geliebter Arendt kann auch als apotropäischer, das heißt schadensabwehrender Metallschild gegen holzschnittartig dumme Simplifizierungen gesehen werden. In jedem Fall lugt Arendt so gewitzt wie souverän zu „ihrem“ Heidegger hinüber. Arendt hatte Metzel schon in seiner bislang größten deutschen Retrospektive in Weimar ein Denkmal in Form einer intellektuellen Biographie gesetzt, indem er frühe Texte von ihr über Palästina und Israel nur wenig verborgen in den Aluminiumfalten aufblitzen ließ. Doch auch die zu lesenden Fragmente ihrer Schrift „Wir Flüchtlinge“ sind zu entziffern, die mit den Worten „Wir mögen es nicht, Flüchtlinge genannt zu werden. Wir bezeichnen uns selbst als Neuankömmlinge oder Immigranten“ anhebt, um vehement Menschenrechte für diese einzufordern, gewissermaßen kontrafaktisch zum in Nürnberg steingewordenen Ort einer menschenverachteten Ideologie, an der sich beinahe alle Schriften der Philosophin abarbeiten. Fleischerhaken von Berlin-Plötzensee entern das innere Auge Die zwei abgetrennten „Zöpfe“ an der Wand mahnen still an das Leid der Frauen in Iran nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022, die öffentlich gedemütigt werden, wenn sie etwa unverschleiert angetroffen werden. Indem diese Frauen ihre langen Haarstränge abschnitten und vorzeigten, wird aus einer einstigen Beschämung eine Befreiungsgeste. Ein lauter Schock sind die auf das rohe Mauerwerk gehängten Henkersknoten aus pechschwarz patinierter Bronze. Bei Metzel reicht schon das bloße Hängen dieser drei massigen Seile des Todes auf rote, wie gehäutet wirkende Ziegelmauern aus, um Kaskaden von Assoziationen des Schreckens auszulösen: Die Fleischerhaken von Berlin-Plötzensee entern das innere Auge, an denen die Regimegegner barbarisch wie Vieh aufgehängt wurden. Dennoch erzeugt Metzel keine Geisterbahn des „shock and awe“. Seine totenstille Arbeit gleicht eher einem mittelalterlichen Andachtsbild der Arma Christi, der Folterwerkzeuge des Herrn in der Passion. Nicht weniger schockierend ist die Konfrontation mit der mehr als anderthalb Meter langen Pistole „Idealmodell PK/90“, die plötzlich vor dem Besucher der dunklen Hallen als massiver Eisenguss auf dem Boden liegt. Die unheimliche Begegnung vergegenwärtigt wie kein noch so elaborierter Text zu den Schrecknissen des Krieges dessen brutal körperliche Auswirkungen. Doch hat auch diese Arbeit eine zweite Ebene, denn die Walther PPK scheint selbst verwundet – nicht weniger als sieben Löcher durchbohren ihren „Körper“; wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Welch enormes Gespür der Künstler für das In-Stellung-Bringen seiner Skulpturen im Raum besitzt, zeigt sich an der Installation „fascinating fascism“. Analog zur amerikanisch-jüdischen Denkerin Susan Sontag, die in ihrem gleichnamigen Buch von 1974 die Verführungskräfte des Faschismus etwa durch Ästhetisierung des Körperkults und überwältigende Monumentalisierung analysierte, bietet die Assemblage ein Gegengewicht zur Wucht des Nationalsozialismus. Statt der grauglatten Außenflächen der Kongresshalle mit ihrer vulgarisierten antikischen Gliederung durch gewaltige, endlos scheinende Rundbogenreihen faltet Metzel den Riesenbau zu einer kannelierten Säule zusammen und drapiert ihn schief auf ein Gitter. Den Scheinriesen einer gebauten Drohkulisse schrumpft er mitleidlos auf seinen Kern. Souveräner kann man den Teufel nicht mit dem Beelzebub starker Skulptur austreiben. Olaf Metzel. Oder etwa nicht? Kongresshalle, Nürnberg; bis 14. Juni. Eine Broschüre liegt gratis aus.