„Ich trinke keinen Alkohol.“ Diesen Satz muss Lara Weber klar, deutlich und mit viel Selbstbewusstsein aussprechen, wenn ihr ein alkoholisches Getränk angeboten wird. Andernfalls, sagt sie, versuche man schnell, sie umzustimmen. Mehr in dem kleinen Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, weniger in der Großstadt, in der die Einundzwanzigjährige Sportwissenschaften studiert. „Von 15 bis 18 habe ich bestimmt jedes Wochenende Alkohol getrunken“, berichtet die Studentin. Dann habe sie sich selbst die Frage gestellt: „Möchte ich gerade wirklich trinken, oder trinke ich nur, weil die anderen trinken?“ Die Antwort war: Gruppenzwang. Im Studium lerne Weber viel zum Thema Gesundheit und welche Rolle Alkohol dabei spielt. Doch das sei nicht der einzige Grund dafür, dass sie seit ungefähr einem Jahr nicht mehr zum Glas greife. „Ich nehme die Welt gerne so wahr, wie sie ist, und bin Herrin meiner eigenen Sinne“, sagt die junge Frau. Dass die Droge Alkohol weithin gesellschaftlich akzeptiert sei, sehe sie kritisch: „Du trinkst Alkohol, damit du Spaß hast? Dann unternimm etwas, was dir Spaß macht!“ Wie Lara Weber geht es vielen anderen jungen Leuten. Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist der Alkoholkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit Jahren rückläufig und im Jahr 2023 auf den niedrigsten Stand gesunken. Demnach tranken nur noch 18 Prozent der 18 bis 25 Jahre alten Frauen und 39 Prozent der Männer regelmäßig Alkohol. Regelmäßig, das heißt in diesem Fall einmal in der Woche. Im Jahr 2011 waren es, zusammengenommen für beide Geschlechter, noch 44 Prozent, im Jahr 1976 sogar 70 Prozent. Rückgang vor allem bei Wein und Bier Diese Entwicklung beobachtet auch Bernd Werse, Suchtforscher der Frankfurt University of Applied Sciences. Die 15 bis 18 Jahre alten Jugendlichen tränken deutlich weniger Wein, Bier und Biermixgetränke. Einen leichten Anstieg gebe es aber bei hochprozentigeren Mixgetränken in Dosen mit rund zehn Prozent Alkoholgehalt. Für 24 Prozent derer, die mehrmals im Monat Alkohol trinken, seien diese das beliebteste Getränk. Ein Ausweichen auf andere Drogen wie Cannabis lasse sich nicht feststellen. Vielmehr träfen sich Jugendliche, vor allem wegen Social Media, seltener im realen Leben. Hinzu komme ein überwiegend kooperativer anstatt autoritärer Erziehungsstil vieler Eltern. Die Kinder müssten heutzutage weniger gegen Verbote rebellieren und verspürten seltener den Drang, durch Alkohol symbolisch „erwachsen“ zu wirken, so erklärt es der Suchtforscher. Dass sie die Kindheit nicht so schnell loslassen wollten, ist den Worten Werses nach auch ein Grund für das in der Studie angegebene Alter des Erstkonsums. Das erste Glas Alkohol tranken zwölf bis 25 Jahre alte Befragte im Schnitt mit 15 Jahren – zwar unter der Altersgrenze von 16 Jahren, von der an Jugendliche Bier und Wein kaufen dürfen, aber ein ganzes Jahr später als in der Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2004. Immer öfter gebe es auch junge Menschen wie Lara Weber, die sich komplett abstinent halten. „Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen“, so Werse. Man könnte vermuten, dass auch religiöse Gründe eine Rolle spielen, da im Islam der Konsum von Alkohol als verboten gilt. Vor diesem Hintergrund ließe sich argumentieren, dass ein wachsender muslimischer Bevölkerungsanteil – etwa durch Migration – zu einem sinkenden Konsum führen könnte. „Das können wir so nicht bestätigen“, sagt Bernd Werse jedoch. Die Beobachtungen hätten sich bei Nichtmuslimen in gleichem Maße zugetragen. „Die digitale Welt ist der größte Feind der Gastronomie.“ Auch die Gastronomie stellt sich auf Veränderungen im Konsumverhalten ein: Die „Hunky Dory Bar“ im Frankfurter Bahnhofsviertel bietet wechselnde alkoholfreie Cocktails auf der Karte an. „Wir bereiten uns in der Szene darauf vor, dass alkoholfrei immer wichtiger wird“, sagt Csaba Schneider, der die Bar seit 2021 leitet. Er beobachte, dass Cocktails ohne Alkohol, insbesondere von jungen Gästen im Alter von 20 bis 30 Jahren, „sehr gut angenommen und regelmäßig bestellt werden“. Es gehe weniger um vollständigen Verzicht, sondern vielmehr um einen achtsameren Umgang mit Alkohol. Schneider setzt sich sehr bewusst mit dem Verhalten und den Bedürfnissen seiner Gäste auseinander, besucht auch Workshops und Weiterbildungen zu der Thematik. Gründe für den Verzicht seien gesundheitliche Aspekte, sportliche Aktivitäten am nächsten Tag oder das Bedürfnis nach Kontrolle über den eigenen Körper – Motive, die auch Lara Weber nennt. Der Barkeeper betont aber auch, dass seine Mocktails eine gleichwertige Alternative seien, die einen klassischen Drink sehr gut imitieren. Biete eine Bar lediglich Softdrinks an, griffen die Gäste doch eher zum Alkohol. Dass sich junge Leute an einem Samstagabend eher für einen Abend auf dem Sofa mit Netflix und Co. entscheiden, anstatt sich zum Trinken zu verabreden, vor dieser Entwicklung fürchtet sich auch Schneider. „Die digitale Welt ist der größte Konkurrent der Gastronomie“, sagt er. Da hülfen auch alkoholfreie Cocktails nichts. Lara Weber findet man am Wochenende zwar nicht auf dem Sofa, sondern eher beim Joggen oder im Fitnessstudio, aber auch hier zeigt sich: Ein Abend mit Bier und Wein ist für die jüngeren Generationen längst kein Muss mehr. Alkohol ist immer seltener Teil der Freizeitgestaltung.
