Seit wann gibt es Vampire, besser: das Reden über Vampire? Für Mittel- und Westeuropa lässt sich das gut bestimmen: seit den 1720er Jahren. Mit den Türkenkriegen dehnte das Haus Habsburg seine Herrschaft nach Osten und Südosten aus, in Regionen, in denen die Furcht vor Vampiren umging. Dass dort Gräber geöffnet und Leichen gepfählt, geköpft und verbrannt wurden, das beunruhigte die neue Obrigkeit. Sie berief Kommissionen ein, diesen Aberglauben zu erforschen, die Berichte wurden nach Wien gesandt, und von dort fanden sie das Interesse Europas. Diesem Interesse hat sich Simeon Elias Hüttel in einer Reihe von Essays gewidmet: „Die Geburt des Vampirs. Zur Geistesgeschichte einer Schreckensvision“. Dass man zum Vampir nicht durch Geburt wird, sondern durch Biss, ist dem Autor natürlich bewusst, ganz glücklich ist der Titel trotzdem nicht, zumal es auch weniger um die Entstehung des Mythos geht als um seine Ausfaltung in Literatur und Film. Die katholische Kirche bezog gegen den Vampirglauben Stellung Dabei stellen die Anfänge dieser Schreckensvorstellung ein interessantes Problem dar. Es ist doch erstaunlich, dass der Vampirglauben in West- und Nordeuropa so spät erst aufkam. Denn die Angst vor den Untoten, die gestorben und beigesetzt keine Ruhe finden, den Lebenden erscheinen, sie ängstigen und schädigen, ist sehr verbreitet, in ganz verschiedenen Kulturräumen. Und dass diese Untoten sich vom Blut der Lebenden nähren, müsste eine naheliegende Vorstellung sein. Hüttel kennt zwar Beispiele von Untoten in unseren Regionen aus dem Mittelalter, aber für einen verbreiteten Vampirglauben sprechen sie nicht. Womöglich hat das mit dem Christentum zu tun. Auf Erden mag dem Menschen jegliches Unrecht widerfahren, nach seinem Tode aber müssen sich Gottes Gerechtigkeit und Gnade erweisen; der Vampir und seine Opfer wären deren Negation. Dazu passt, dass die katholische Kirche mit besonderer Strenge gegen den Vampirglauben Stellung bezog und ihn für eine Verirrung der orthodoxen Gläubigen – und Kleriker! – ansah. Ab 1969 erschien im Hanser Verlag die Reihe „Bibliotheca Dracula“ mit Klassikern der Schauerliteratur. Dazu gehörte auch ein Sammelband über Vampire mit einem „literarischen Bericht“ von Dieter Sturm. Sturm, später Dramaturg der Schaubühne, fragt, woher die literarische Konjunktur des Schauerlichen seit dem achtzehnten Jahrhundert komme. Dabei stützt er sich auf den amerikanischen Literaturwissenschaftler Leslie A. Fiedler, der einen Grund in der Schwächung des Christentums und seines Glaubens an die Erbsünde sah. Ihrem Verlobten saugt sie das Herzblut aus „Europa besaß kein angemessenes, anerkanntes Vokabular, um gewisse dunkle Wahrheiten über die menschliche Seele auszudrücken. Diesen Wahrheiten war durch ein Dekret der Aufklärung die Existenz abgesprochen worden, aber kein Mensch von einiger Selbsterkenntnis kann sie leugnen.“ Bis zum Aufkommen einer wissenschaftlichen Psychologie, die auch das Unbewusste ins Licht rückte, waren Schauergestalten wie die Vampire eine Möglichkeit, sich mit den Nachtseiten der menschlichen Seele zu befassen. Das erste deutsche Vampir-Gedicht, 1748 von Heinrich Ossenfelder verfasst, ist dafür gleich ein gutes Beispiel: Der nächtliche Besuch des Vampirs ist die kaum camouflierte Vergewaltigung der Angebeteten. Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ (1797) ist der vermutlich schönste Beitrag zu diesem Mythos, aber ganz ohne Schrecken und Bösartigkeit und darin unspezifisch: Eine junge Frau wurde von ihrer Mutter, die gerade zum Christentum übergetreten war, ins Kloster gesteckt, wo sie starb und sich (aus unbefriedigtem Lebenshunger?) zum Vampir wandelte. Ihrem Verlobten saugt sie das „Herzblut“ aus, um gemeinsam mit ihm „den alten Göttern“ zuzueilen, einer Lebensfreude, die das Christentum nicht kennt. Und dann, 1819, erscheint die Erzählung „Der Vampir“, damit ist die Figur etabliert. Als Autor wird zunächst Lord Byron genannt, tatsächlich stammt das Werk von dessen Arzt J. W. Polidori. Ein großes Werk gelang ihm nicht, aber eines mit großer Wirkung. Unverzüglich wird die Erzählung zu Bühnenstücken und Melodramen umgearbeitet, Marschners Oper „Der Vampir“ gehört in diese Reihe. Ende des Jahrhunderts dann Bram Stokers Roman, von dem der Vampirismus in Literatur und Film fortan zehrt. Moderne Form jener Angst, die einmal der Vampir auslöste Die Erzählung „Das gemiedene Haus“ („The Shunned House“) von H. P. Lovecraft (1924) beschäftigt Hüttel besonders. Ein Haus wird seinen Bewohnern immer wieder zum Verhängnis, sie sterben früh an Schwindsucht oder Blutarmut, es scheint ihnen die Lebenskraft auszusaugen. Sie haben es mit einem Vampirismus ohne einen Vampir zu tun, der wie Dracula eine klar umrissene Gestalt wäre – und von dem man auch weiß, wie seiner Herr zu werden ist, wenn man sich mit dem Gegenstand wissenschaftlich beschäftigt hat. Die Unfasslichkeit der Situation, das Gefühl völliger Kontrolllosigkeit ist eine moderne Form jener Angst, die einmal der Vampir auslöste. Aber gilt das auch noch für eine Serie wie „What We Do in the Shadows“ oder den Animationsfilm „Hotel Transsilvanien“? Sie greifen auf den Mythos zurück, aber ist das Wahrheitsmoment, das sich im Mythos ausdrückt, noch lebendig? Hüttel glaubt, die Geschichte des Vampirs sei „längst nicht zu Ende erzählt“. Aber das Material, das er ausbreitet, lässt den Leser daran zweifeln. Vielleicht ist der Mythos so lebenskräftig nicht und war es auch nie? Sieht man von Goethes Ballade ab, die für den Vampirglauben untypisch ist, und Murnaus Film „Nosferatu“ (von Hüttel nur am Rande bedacht) – welche wirklich großen Werke hätte die Figur des Vampirs hervorgebracht? Simeon Elias Hüttel: „Die Geburt des Vampirs“. Zur Geistesgeschichte einer Schreckensvision. Zu Klampen Verlag, Springe 2026. 144 S., geb., 18,– €.
