Sie schauen einander nicht in die Augen, rutschen auf den Bänken in der Sporthalle hin und her. Kritisch betrachten die 14 Mädchen, was da vor ihnen auf dem Boden aufgebaut ist: eine aus Stoffen nachgebildete Gebärmutter, samt Eileitern und Eierstöcken. „Bühne des Lebens“ heißt es auf einem Schild. Auf dieser Bühne werden die Fünftklässlerinnen der Maria-Ward-Schule in Mainz eine Show erleben: die „Zyklusshow“. Mehr als eintausend Mal im Jahr führen etwa 300 Referentinnen des Vereins „My Fertility Matters“ deutschlandweit den Workshop an Schulen und Bildungseinrichtungen durch. Seit mehr als 15 Jahren auch an der Mädchenschule in Mainz. Ziel ist es, dass Mädchen einen positiven und emotionalen Bezug zu ihrem Körper bekommen. Miriam Guinaudeau ist seit vier Jahren Referentin für die „Zyklusshow“, hauptberuflich unterstützt sie als Pädagogin Menschen mit Behinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen. Sie selbst habe sich erst als erwachsene Frau intensiv mit dem Zyklus und dem weiblichen Körper auseinandergesetzt – und gemerkt, wie wenig sie wusste. Sie findet, dass immer noch nicht genug über das Thema aufgeklärt wird. Das zeigt auch eine Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr: 85 Prozent der befragten Frauen im Alter von 14 bis 50 Jahren gaben an, den Eindruck zu haben, dass in der Öffentlichkeit nach wie vor wenig oder gar nicht über Menstruation gesprochen wird. Mehr als 90 Prozent stimmten außerdem der Aussage zu, dass zu wenig über die Auswirkungen von Menstruation und Hormonen auf die Gesundheit berichtet werde. Die Codes des Körpers verstehen Das möchte Guinaudeau zumindest für die 14 Mädchen der Maria-Ward-Schule an diesem Tag ändern. „Ihr werdet nach diesem Tag mehr wissen als die meisten Frauen!“ Der Workshop ist in drei Teile aufgeteilt. Im ersten geht es um die „Gleichung des Lebens“, darum, wie Kinder gezeugt werden. Doch die wichtigsten Inhalte der „Zyklusshow“ werden im zweiten und dritten Teil vermittelt: Es geht darum, wie der weibliche Zyklus funktioniert. Vor allem sollen die Mädchen lernen, sich für ihre Periode und alles, was während der Pubertät mit ihnen geschieht, nicht zu schämen. „Was braucht ihr, um euer Handy zu öffnen?“, fragt Guinaudeau zu Beginn. Ein Mädchen streckt ihren Arm mit einer Entschiedenheit in die Luft, damit auch ja sie es ist, die antworten darf. Sie darf. „Einen Code!“, ruft sie. „Genau, und solche Codes gibt es auch für unseren Körper.“ Es ist das erste von vielen Bildern, mit denen die Mädchen die Funktionen und Abläufe in ihrem Körper kennenlernen sollen. Auch wenn biologische Begriffe wie Gebärmutter, Vagina und Östrogene benannt werden, so ist doch die übergeordnete Erzählung eine, die näher an der Lebensrealität der Mädchen jenseits des Biologieunterrichts anknüpfen soll: Jeden Monat bereitet sich der Körper auf einen Gast vor – die Mädchen entscheiden sich für Taylor Swift – und die „Östrogenfreundinnen“ sowie die Gelbkörper als „Partyservice“ richten für den potentiellen Besuch ein Luxushotel ein. Wenn niemand dort erscheint, also keine Schwangerschaft beginnt, wird das Hotel als Blutung wieder abgebaut. Das Konzept der „Zyklusshow“ hat die Ärztin Elisabeth Raith-Paula im Jahr 1999 entwickelt. Seitdem wurde der Workshop immer wieder weiterentwickelt, sagt Elisabeth Wiedenhofer, die Vorsitzende von „My Fertility Matters“. Eine der Änderungen: In einer Traumreise, in der sich die Mädchen schon einmal in die Phase der Pubertät hineinversetzen sollen, hieß es vor einigen Jahren noch: „Du verliebst dich das erste Mal und sehnst dich nach einem Freund.“ Heute heißt es: „Du verliebst dich das erste Mal und sehnst dich nach einer Beziehung.“ In einigen Städten kooperiert der Verein, der seinen Sitz in Bayern hat, mit der katholischen Kirche, die den Workshop an Schulen vermittelt. Auf die Inhalte der Zyklusshow habe diese Zusammenarbeit aber keinen Einfluss, so Wiedenhofer. Die Traumreise, in der Stimmungsschwankungen, das erste Verliebtsein, aber auch körperliche Veränderungen thematisiert werden, soll den Mädchen die Angst oder den Ekel vor dem nehmen, was während der Pubertät mit ihrem Körper geschieht. Das „Märchen vom Mädchen Igittigitt“ hat das gleiche Ziel. Eines Morgens, so beginnt es, habe dieses Mädchen Schleim in seiner Unterhose entdeckt. Eine Fee in seinem Traum wollte ihm daraufhin einen Wunsch erfüllen. Das Mädchen wünschte sich, den Schleim verschwinden zu lassen. Ob das denn ein guter Wunsch sei, fragt Guinaudeau die Mädchen. „Nein“, vermuten die meisten. „Genau, weil dieser Zervixschleim zeigt, dass ihr gesund seid“, bestätigt Guinaudeau. So sehr den Mädchen im Verlauf des Workshops vermittelt wird, dass der Zyklus normal ist, werden die Schülerinnen für einige Minuten selbst zu „Mädchen Igittigitt“, als es darum geht, wie Tampons funktionieren. An einem Modell zeigt Guinaudeau, wie ein Tampon eingeführt wird. Aussagen wie „Tut das nicht weh?“, „Iiiiiihhhhh!“, „Wie soll das gehen?“, oder „Ich will das nicht“ sowie viele verwirrte Blicke begleiten die Demonstration. Niemand muss Tampons benutzen, beeilt sich die Referentin zu sagen. Am Ende, so hofft Guinaudeau, bleibe aber nicht dieses Gefühl des Ekels, sondern vielmehr all das Wissen, von dem sie selbst gewünscht hätte, es früher besessen zu haben. Als sich der Tag dem Ende neigt, rutschen die Mädchen abermals auf den Bänken hin und her, langsam scheinen sie genug von der Show zu haben. Doch nun können sie einander und Guinaudeau in die Augen schauen und scheuen sich nicht davor, Fragen zu stellen. So richtig greifbar wird das alles aber wohl erst sein, wenn die Zyklusshow in ihren eigenen Körpern beginnt.
