FAZ 02.06.2026
15:33 Uhr

Sentimentale Zukunftsvisionen: So blaue Augen


Eine Tagung in Marbach untersucht das Sentimentale als Zukunftscode. Was bedeutet es für unsere Zeit, dass Nachwuchswissenschaftler sich so viel von der Versenkung in Gefühle versprechen?

Sentimentale Zukunftsvisionen: So blaue Augen

An der Universität Erlangen gibt es eine Forschungsgruppe zum Thema „Das Sentimentale in Literatur, Kultur und Politik“, die jetzt ins Deutsche Literaturarchiv Marbach zu einer Tagung über „sentimentalen Zukünfte“ einlud. Das „Sentimentale“ bezeichnet hier einen „kommunikativen Code“, der durch emotionale Narrative die „Entstehung sowie das kulturelle und politische Selbstverständnis von Gemeinschaften“ fördert. Wie die Anglistin Heike Paul, die Leiterin der Forschungsgruppe, darlegte, verbindet man mit der Sentimentalisierung regelmäßig einen nostalgischen Rückblick. Die Tagung machte die Gegenprobe auf die Zukunftsvisionen, die sich in sentimentaler Kommunikation ebenfalls verstecken können. Den Hauptvortrag hielt die Politikwissenschaftlerin Eileen Hunt von der Notre Dame University über den Roman „The Last Man“ („Verney, der letzte Mensch“) von Mary Shelley. Das 1826 veröffentlichte Buch der Autorin von „Frankenstein“ ist der erste große Pandemieroman und hat das fast vollständige Aussterben der Menschheit zum Thema. Die Vortragende interessierte primär das postapokalyptische Schicksal von Verney am Ende des Romans, der als Archetyp des letzten Menschen in der Postapokalypse zurückgeblieben ist – aber in seinem Schicksal nicht stecken bleibt. Er segelt nach Rom, um einen weiteren Überlebenden zu finden. Hunt wollte aus diesem Plot auch für die „Polykrisen“ der Gegenwart Hoffnung schöpfen. Shelleys Roman charakterisierte sie als eine „sichere virtuelle Realität“, in der sich traumatische Erfahrungen und ungewisse Zukünfte spielend verarbeiten lassen. Unschuld muss leiden und darf hoffen Die Vortragenden waren in der Mehrzahl Doktoranden, die ihre Spurensuche nicht auf klassische Stoffe der Literaturwissenschaften beschränken. Charlotte Hunsicker sprach über die Werbung für Tagespflege-Einrichtungen, die in „zynischem Optimismus“ Stabilität und Würde versprechen. Im Schauplatz der Fernsehserie „Downton Abbey“ wollte Ronja Steiner „das physische Gesicht der Moderne“ erkennen, das Generationen überdauere. Die Netflix-Adaptionen der Jugendbuch-Klassiker „Little Women“ und „Anne of Green Gables“ nahm Isabelle Brandis als Beispiele dafür, wie sich aus einer unakzeptablen Vergangenheit feministische Kontinuitätslinien in die Zukunft ziehen lassen. Wo Shelleys Dystopien die Zukunft aussparen und unruhig umkreisen, blieben die Zukunftsvisionen, die einige der jungen Wissenschaftler entwarfen oder rekonstruierten, erstaunlich gegenwartsorientiert. Der Ideenhistoriker David Armitage aus Harvard öffnete die Zukunftsdiskussionen der Tagung wieder für die Freiheitsidee. Mary Shelleys futuristische Szenarien bauten auf den emanzipatorischen Gedanken ihrer Mutter Mary Wollstonecraft auf. In ihrem Traktat zu den Rechten der Frau hat diese 1792 die Ungerechtigkeit beklagt, dass Männer als Gestalter der Zukunft gelten, während Frauen auf eine künstliche Gegenwart beschränkt sind, auf die Pflege der Kinder und der körperlichen Schönheit. Shelleys Werke waren Ausdruck einer neuen weiblichen Freiheit, die den Frauen eine Ko-Autorschaft an der Zukunftsdeutung versprach. Theorie, der sentimentale Zukunftsentwurf, war der erste Schritt vor der Praxis, der weiblichen Zukunftsgestaltung. In Marbach musste man zwangsläufig an Friedrich Schillers Essay „Über naive und sentimentalische Dichtung“ von 1795 denken, und am Ende der dreitätigen Tagung durfte man fragen, ob es nicht naiv ist, das Sentimentale so fest an die Zukunft zu koppeln. Vielleicht vermuten wir heute nur deswegen überall einen „sentimentalen Code“, weil Sentimentalität mittlerweile ein massendemokratischer Reflex ist. Die „Codierung“ des Sentimentalen mag so eher auf eine tiefgreifende Frustration mit der Gegenwart hindeuten, ohne dass sich in der Zukunft progressives Potential vermuten lässt. Trotz aller Krisen ist uns Francis Fukuyamas „letzter Mensch“, verbarrikadiert in der Gegenwart, näher als Mary Shelleys Aufbrecher Verney.