Scharfe Kurven sind die Leidenschaft der jungen Männer und Frauen. Mit dem „SPR 08“ rasen sie in einem Video mit lautem Dröhnen über eine Teststrecke und haben Spaß dabei. Der Minirennwagen mit der weit überhängenden Front ist die Krönung monatelanger harter Arbeit und das Ergebnis der Gründung der Scuderia-Mensa vor 20 Jahren. Er sieht aus, als wäre er gerade von einem Kinderkarussell gefallen. Entstanden ist die Scuderia-Mensa aus einer plötzlichen Idee, erinnert sich Teamgründerin Cristina Collatz. „Was habe ich mit Rennautos zu tun?“, war ihre erste Reaktion nach einem Gespräch mit jungen Studenten, die nicht nur in Vorlesungen sitzen und sich Notizen machen, sondern selbst Hand anlegen, etwas nach eigenen Ideen konstruieren wollten. Collatz hat schließlich zusammen mit Professor Philippe Orlowski die Idee aufgenommen, Mitstreiter gewonnen, und das erste Scuderia-Mensa-Team war geboren. „Ich bin durch die Mensa gelaufen und habe gefragt, wer Lust hat, einen Rennwagen zu bauen“, beschreibt sie die Gründung des ersten Teams und die Realisierung einer eigentlich verrückten Idee. Oberbürgermeister und Opel sagten direkt Unterstützung zu Zunächst nur provisorisch ausgestattet, dann aber mit einer kleinen Werkstatt und vielen Ideen ging das Team an den Start. Die ersten vorzeigbaren Teile waren ein paar Felgen und ein Kühler. Damit sind sie losgezogen, um Sponsoren zu finden. In einer Autostadt kein allzu großes Problem. Der damalige Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) war sofort begeistert und sagte Unterstützung der Stadt zu. Ebenso Autobauer Opel und andere Unternehmen. Sie fuhren zu verschiedenen Rennen der Scuderia-Mensa-Klasse quer durch Europa, um zu sehen, wie weit andere Teams sind. Sie wollten ihre Sponsoren nicht enttäuschen und möglichst schnell eigene Konstruktionen vorweisen. „Wir hatten permanenten Druck, etwas zu leisten“, sagt Collatz. Und so entstand innerhalb von zwei Jahren der „Nasenbär“, wie der erste Rennwagen wegen seiner langen Front genannt wurde. Jeder neue Rennwagen wird nach einer technischen Abnahme auf Herz und Nieren getestet. Die Sicherheit spielt die wichtigste Rolle. Vor einem Rennstart müssen die Fahrzeuge auf einer 75 Meter langen Strecke ihr Beschleunigungsvermögen zeigen, auf einer „Acht“ ihre Kurvenfähigkeit beweisen, auf einem Rundkurs zwei schnelle Runden drehen und dann einen Dauertest über 20 Kilometer bestehen. Bei den jungen Ingenieuren ging es nach dem Bau der ersten Rennwagen Schlag auf Schlag. Ab 2010 bekamen die Fahrzeuge Namen. „Lucy“, „Melody“ oder „Holly“ rollten bei den Rennen auf die Piste. 2011 und 2012 sogar als E-Autos. Dazwischen immer wieder Verbrenner. Sie hatten den schöneren Sound. 2021 fuhr abermals ein E-Rennwagen aus der kleinen Werkstatt, diesmal sogar mit Allradantrieb. 2024 feierten die jungen Rüsselsheimer ihren bisher größten Erfolg in Spanien. Trotz großer Konkurrenz fuhren sie auf den dritten Platz. „Erfahrungen sind im Lebenslauf viel wert“ Erfolge geben Ansporn. Während die einen noch Rennen fuhren, entwickelten andere Mitglieder des Teams bereits Ideen für den nächsten Rennwagen. 2025 entstand „Roxy“ als neustes Modell und Grundlage für eine Weiterentwicklung. Der nächste Rennwagen ist auf dem Papier längst fertig. Im Gegensatz zum „Nasenbär“ ist „Roxy“ mit den Spoilern und modernster Technik für Erfolge prädestiniert, wie Rüsselsheims Oberbürgermeister Patrick Burghardt bei einer Feier im Rathaus betonte. Trotz klammer Kassen will die Stadt das Team auch in Zukunft unterstützen. Weltweit sind rund 500 Teams unterwegs, wie der Teamleiter von „HS-Rhein-Main-Racing“, Joshua Gabel, erläuterte. In Kürze geht es wieder auf Europatour. In Spanien, Kroatien und Frankreich tritt das Rüsselsheimer Team innerhalb weniger Tage an. Das bedeutet Stress und harte Arbeit. „Es geht nicht um Plätze und Punkte, es geht vor allem um den Austausch und neue Erfahrungen“, erläutert Professor Thomas Kiefer, der mit dem Team arbeitet. Gleichgesinnte aus mehreren Ländern unterhalten sich jenseits der Rennstrecken auf hohem Niveau des Ingenieurwissens und geben sich gegenseitig neue Impulse. Genau hier liegt der Lohn für den Erfolg der jungen Menschen, die sich jenseits ihres Studiums oft nächtelang in einem derartigen Projekt engagieren. „Diese Erfahrungen sind im Lebenslauf viel wert“, sagt Kiefer. Um ihr Engagement zu finanzieren, sind die Mitglieder der Scuderia-Mensa ständig auf Sponsorensuche. Thomas Kiefer weiß, wo sie den größten Erfolg haben. Es sind die „Mama-, Papa- und Opa-Sponsoren“, die immer wieder Geld in die klamme Kasse zuschießen und damit garantieren, dass ihr Nachwuchs auch in Zukunft Rennerfolge feiern und sich einen guten Start ins Berufsleben sichern kann.
