Plötzlich war es vorbei. Von jetzt auf gleich. Zweieinhalb Wochen lang feierte die Schweiz eine riesengroße Eishockey-Party, irgendwann schien alles eins zu sein: Mannschaft, Trainer und Betreuer, Fans, Promis wie Tennisstar Roger Federer, die vor den Spielen in Zürich die Kuhglocke läuteten und das Publikum in Ekstase versetzten. Alle zusammen für den großen Traum. Alles fieberte diesem Sonntagabend entgegen, dem Finaltag, an dem die Schweiz endlich Eishockey-Weltmeister werden sollte. Aber dann trat Konsta Helenius in der Verlängerung an, umkurvte einen Gegenspieler und schoss den Puck zum 1:0 ins Tor. Finnland war Weltmeister – und die Schweiz in Schockstarre. Plötzlich war jeder wieder allein. Keine Umarmungen, keine aufmunternden Worte, auch kein Fluchen, zerdepperte Schläger oder geworfene Becher. Minutenlang herrschte einfach Stille, leere Blicke, wohin man sah. Nationalteam so wichtig wie der Klub Zum fünften Mal insgesamt und zum dritten Mal in Serie hat das Schweizer Eishockey-Team am Sonntag ein WM-Finale verloren. Es hat sich daran gewöhnt, könnte man meinen. Aber dieses 0:1 gegen Finnland war niederschmetternder als alles Vorherige zusammen. Und vor allem hinterließ es Ratlosigkeit. „Ich kann mir nicht erklären, wieso es nicht klappen will“, sagte Kapitän Roman Josi. „Momentan gibt es einfach eine große Leere“, meinte Stürmer Nino Niederreiter mit wässrigen Augen. Josi und Niederreiter sind zwei der prominentesten Vertreter der „goldenen Generation“. Zwei gefeierte Stars, die in Nordamerika Millionen verdienen, aber trotzdem jedes Jahr zur WM kommen. Andere Teams haben nicht so ein Glück, man schaue nur auf das deutsche, das ständig auf Stars wie Leon Draisaitl verzichten muss. Bei der Schweiz kommen alle, die fit sind. Weil die Nationalmannschaft für sie mindestens genauso wichtig ist wie der Klub. Begonnen hat das mit Ralph Krueger. Bis dahin stieg die Schweiz noch alle paar Jahre in die B-WM ab. 1997 kam dann der Deutsch-Kanadier Krueger und sorgte für einen Kulturwandel, etablierte die Schweiz bis 2010 in der erweiterten Weltspitze. 2013 ging es unter Nachfolger Sean Simpson erstmals ins WM-Finale, danach ging der extrovertierte Patrick Fischer den Weg weiter, führte die neue Spielergeneration mit spektakulärem Offensiveishockey dreimal ins Finale. Die Heim-WM sollte nun seine Krönung werden. Aber dann stolperte Fischer über seinen gefälschten Impfpass, mit dem er 2022 zu den Winterspielen nach Peking gereist war. Kurz vor der WM musste er gehen, wochenlang war das ein nationales Thema. Es übernahm sein alter Assistent Jan Cadieux, ein kühler Analytiker, aber der schien der Richtige zu sein. Sobald das Turnier lief, sprach kaum noch einer über Fischer, sondern über Siege gegen die Amerikaner (3:1) oder Finnen (4:2), über ein 6:1 gegen Deutschland, 9:0-Erfolge gegen Ungarn und Österreich. Die Schweiz überrannte alles, in der K.-o.-Phase auch Schweden (3:1) und Norwegen (6:0). Bis zum Finale gegen die Defensivspezialisten aus Finnland. Da war die Leichtigkeit weg, ein wahrer Abnutzungskampf war das – mit dem besseren Ende für die Finnen. Weil die Schweizer wie in den Vorjahren in den Endspielen gegen die Tschechen (0:2) und Amerikaner (0:1 nach Verlängerung) kein Tor erzielten. „Wir haben viel gut gemacht, aber vielleicht nicht genug, um den Puck über die Linie zu bringen“, sagte ein ratlos wirkender Timo Meier am Sonntag. Auch Meier verdient sein Geld in der NHL, ist ein Gesicht der „goldenen Generation“, die aber in die Jahre kommt. Der Großteil ist längst jenseits der 30. Und es kommt nicht so viel nach. Weswegen Schweizer Medien nun von einer verpassten „Jahrhundertchance“ sprechen. Das klingt etwas groß, ist aber nicht falsch. Nicht nur, dass die Topspieler nahezu alle gesund waren und durch ihr frühes Saison-Aus in der NHL Zeit für die WM hatten, hinzu kamen der Heim-Vorteil und dass andere Teams im Olympiajahr nur B- oder gar C-Kader dabeihatten. Trotzdem reichte es wieder nicht. Und viele Chancen dürfte es nicht mehr geben. „Die Mission Gold lebt weiter“, gab sich Niederreiter am Sonntag zwar kämpferisch. Aber auch er weiß, dass es nicht ewig so weitergeht. „Die Jahre sind auch gezählt, vor allem für mich“, sagte der Dreiunddreißigjährige. Für einen anderen war am Montag direkt Schluss. Verbandspräsident Urs Kessler trat zurück. Von den Spielern ist so etwas noch nicht bekannt, sie werden es auch nächstes Jahr bei der WM in Deutschland versuchen. Aber da sollte es langsam mal klappen, nach fünf verlorenen Endspielen drohen sie als „silberne Generation“ in die Geschichte einzugehen.
