FAZ 07.05.2026
10:04 Uhr

Schlankmacher-Hype: Aller guten Dinge sind fünf?


Schnell schlanker, das ist das Versprechen der neuen Abspeckmedizin. Aber die Pfunde könnten noch radikaler purzeln, ein neues Wundermolekül dafür gibt es schon. Und wenn es der direkte Weg in die Essstörung ist?

Schlankmacher-Hype: Aller guten Dinge sind fünf?

Die Frage, was unsere Zivilisation künftig mehr verändern wird, die Künstliche Intelligenz oder die Abspeckmedizin, ist noch offen. Ökonomisch stehen dem Multibillionenmarkt KI inzwischen die Multimilliardengeschäfte der GLP-1-Wirkstofferzeuger gegenüber. Allein der Wirkstoff Tirzepatid (Handelsname Mounjaro) hat dem Hersteller innerhalb eines Jahres eine Verdoppelung des Quartalsumsatzes auf 13 Milliarden Dollar gebracht. Das Mittel ist wie das ähnliche, aber noch experimentelle Retatrutid ein Dreifachwirkstoff. Ein Molekül, das die adressierten Zellen an drei Stellen gleichzeitig beeinflusst. Viele dachten ja, nach dem wegweisenden Semaglutid (Ozempic) wäre die Spitze der Abspeckalchemie erreicht. Aber der Hype will einfach nicht vergehen. Unter anderem auch deshalb, weil die bisher spärlichen Nebenwirkungsberichte zahlenmäßig von den Zusatznutzen-Hinweisen klar in den Schatten gestellt werden. Zusatznutzen der Apnehmspritzen und -pillen In Studien wie der in der aktuellen „Lancet“, wo von kontrollierten Patientenstudien berichtet wird, die zeigen sollen, dass übergewichtige Alkoholabhängige mit dem Mittel nicht nur abspecken, sondern auch ihre Sucht leichter in den Griff bekommen können. Wie im Falle der KIs ist man jedenfalls in der Abnehmbranche drauf und dran, die Optimierungsspirale immer weiter hochzudrehen. Nach dem Dreifachwirkstoff und Dutzenden Ozempic-Nachfolgern kommen jetzt die Fünffachwirkstoffe: Ein Molekül greift an fünf Stellen gleichzeitig in den Zucker- und Fettstoffwechsel ein. Am Helmholtz-Diabetes-Zentrum in München haben Timo Müller und sein Team einen solchen Wirkstoff entwickelt, der neben der „Türöffner“-Funktion aus den GLP-1-Abnehmspritzen weitere Zielstrukturen im Zellinnern adressiert. Das Ergebnis dieser Strategie des „Trojanischen Pferdes“, wie Müller schreibt, sind noch mächtigere Appetitzügler. Bisher ist das nur an Mäusen erprobt, wie nun in „Nature“ nachzulesen ist. Ob es im Menschen funktioniert, bleibt also erst mal fraglich. Allerdings ist die Appetithemmung offenbar schon in kleinsten Dosen atemberaubend. Zeit jedenfalls, darüber nachzudenken, wann die XXL-Lust an den Appetitzüglern anfängt, selbst problematisch zu werden, weil sie zum Beispiel immer neue Patienten mit Essstörungen hervorbringt.