„Du hast mir gar nichts zu sagen“ ist der Satz, der das große Chaos einläutet. Nachdem die Kinder ihre zuvor eingeübte Szene lange sehr diszipliniert durchgezogen haben, herrscht nun ein ziemliches Gewusel im Proberaum der „Scaramouche Academy“ in Wiesbaden. Die Kinder rufen durcheinander, gestikulieren, lachen. Sie sind voll in ihrem Element. Die Szene, die sie gemeinsam erarbeiten sollten, ist schnell erklärt: Die Eltern sind ausgegangen, Hausaufgaben sind zu erledigen. Doch da Kinder nun einmal Flausen im Kopf haben, rufen sie ihre Freunde an und laden sie zu einer Party zu sich nach Hause ein. Doch sie haben die Rechnung ohne ihr kleines Geschwisterchen gemacht. Das fühlt sich natürlich ausgeschlossen und droht, die Party an die Eltern zu verraten. Ein Stoff, mit dem sich viele Teenager sehr gut identifizieren können. Bei solchen Proben kann natürlich auch mal etwas danebengehen. Nur zehn Minuten haben die Zehn- bis Zwölfjährigen, um ihre Szene vorzubereiten. Als ihnen bei der Aufführung später die Zeit davonläuft, wird kurzerhand improvisiert. In der neuen Version kommen die Eltern früher nach Hause und erwischen den Nachwuchs auf frischer Tat. Der vage Traum einer Hollywoodkarriere ist es wohl, was viele mit dem Wesen einer Schauspielschule verbinden. Doch die Realität sieht meist weit weniger glamourös aus. Die Ausbildung bedeutet harte Arbeit, große Konkurrenz und nicht immer die Erfüllung aller Träume. An die Spitze schaffen es nur die wenigsten. Einen anderen Weg möchte die „Scaramouche Academy“ gehen. Anders als die meisten Schauspielschulen richtet sie sich ausschließlich an Kinder. Schon Grundschüler werden hier an das Schauspiel herangeführt. Einen Aufnahmetest gibt es nicht, grundsätzlich ist jeder willkommen, egal ob mit Vorerfahrung oder ohne. Auch Noten werden nicht vergeben. Die Kursgebühr beträgt zwischen 70 und 98 Euro im Monat. Der Unterricht orientiert sich am Alter und der Persönlichkeit der Schüler. Begonnen wird bei den Grundlagen. Was sind die wichtigsten Werkzeuge eines Schauspielers? Mimik, Gestik und Körperhaltung, wissen die Kinder. „Falsch gibt’s bei uns nicht“, sagt Leiterin Corinna Van Eijk, die die Schule vor 18 Jahren gegründet hat. Die Schüler sollen sich auch gegenseitig inspirieren. Van Eijk will ein Bewusstsein für Emotionen schaffen und Selbstbewusstsein vermitteln. „Sich was trauen“ und „frei werden im Kopf“ sei wichtig für die Kinder. Schauspiel soll Selbstbewusstsein wecken Viele leiden ihren Aussagen nach in der Schule unter Mobbingerfahrungen. Die Schüler berichten laut Van Eijk von Ausgrenzung oder Hänseleien, die ihr Selbstbewusstsein erschüttert haben. In der Schule würden sie oft übersehen. In den Proben zeigt sich, wie sehr sie gelernt haben, sich zurückzunehmen, leise zu werden, sich nicht in den Vordergrund zu trauen. Diese Muster werden in der Academy behutsam aufgebrochen. Hier dürfen die Kinder laut sein, auffallen, Fehler machen. Schritt für Schritt entsteht daraus neues Selbstvertrauen. Auch familiäre Belastungen seien manchmal der Grund dafür, dass Kinder sich nicht trauen würden, selbstbewusst aufzutreten, wie Van Eijk sagt. Manche Kinder müssten die Trennung ihrer Eltern verkraften, nennt sie als Beispiel. Ein Einschnitt, der ihr Vertrauen und ihre emotionale Stabilität oft tief erschüttert. Die Bühne biete ihnen einen geschützten Raum, in dem diese Gefühle nicht verdrängt, sondern zugelassen werden dürfen. In der Schauspielschule erfahren sie Unterstützung in schweren Zeiten und bei Problemen im Alltag. Sie lernen, sich gegenseitig zu unterstützen. Einige schließen zum ersten Mal echte Freundschaften. Van Eijk und ihre Kollegen gehen individuell auf die Schüler ein und sensibilisieren für Konfliktsituationen. Die meisten Schauspielschulen trainieren für den großen Auftritt, für die Kamera, für die Bühne. Van Eijk dagegen sieht das Schauspiel als Werkzeug für Selbstbewusstsein und Toleranz. Es gehe darum, Missverständnisse zu vermeiden, das Gegenüber wirklich zu sehen. Die jungen Kursteilnehmer sollen individuell gefördert werden. Im normalen Schulalltag der Kinder sei oft keine Zeit, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, sagt Van Eijk. Es gehe primär darum, Lernpläne strikt einzuhalten. Anders sei das in der Schauspielschule, die die Schüler in ihrer Freizeit besuchen. „Unser Ziel ist es, jede einzelne Persönlichkeit individuell zu stärken und durch Arbeit im Schauspiel Selbstvertrauen, Ausdruckskraft und Kreativität zu fördern.“ Der Name der Schule passt zu dieser Philosophie. Scaramouche, den meisten vermutlich aus dem Song „Bohemian Rhapsody“ von Queen bekannt, ist der französische Name einer Clownsfigur des italienischen Volkstheaters „Commedia dell’arte“. Er gilt als Abenteurer und steht für Intelligenz und Mut. Er ist jemand, der sich über Autoritäten hinwegsetzt und gerne provoziert. Ein Name, der treffender kaum sein könnte, wie sich schnell an einem Kursnachmittag zeigt. Kinder, die anfangs noch verschüchtert am Rand standen, treten zunehmend selbstbewusst auf und bewegen sich freier. Aus verschlossenen Kindern werden mutige junge Menschen. Kostüme bringen Selbstbewusstsein Der Unterrichtsnachmittag beginnt mit Aufwärmübungen. Die Kinder sollen sich im Takt der Musik bewegen. Von den 14 Kindern im Raum sind vier Jungs. Sie stehen zwar in der ersten Reihe, bewegen sich jedoch nur zaghaft zu den Klängen. Die Musik stoppt. Leiterin Van Eijk ruft eine Emotion in den Raum. Die Kinder frieren ein. Angst: Ein Kind duckt sich, ein anderes starrt starr nach vorn. Freude: Die Situation löst sich auf, das Strahlen kehrt auf die Gesichter der Kinder zurück. Sie alle sind mit Feuereifer dabei, einige bewegen sich deutlich freier als andere. Danach: Kostümprobe und alles auf Anfang. Die Atmosphäre hat sich gewandelt. Auf einmal bevölkern Sängerinnen und Lehrerinnen den Raum, dazu ein Soldat, ein Franzose, ein Geschäftsmann, Bibi und Tina und weitere Charaktere. Die Stimmung ist gelöster, die Zurückhaltung verflogen. Auch die Jungen tauen nun auf und beginnen, zur Musik zu tanzen. Durch die Kostüme tauchen sie in andere Welten ein. Vieles ist also anders in der Scaramouche Academy. Das bedeutet aber nicht, dass man hier nicht mit Ernst bei der Sache ist. Im Gegenteil. An Professionalität mangelt es nicht. Die eingeübten Szenen werden mit der Kamera aufgezeichnet und den Kindern zu einem späteren Zeitpunkt gezeigt, damit sie sehen können, wie sie vor der Kamera wirken und wo sie sich verbessert haben. Die Dozenten kommen aus der Praxis, arbeiten hauptberuflich als Regisseure, Drehbuchautoren oder Schauspieler. Zudem arbeitet die Academy mit der Hochschule Mainz zusammen. Junge Filmemacher greifen regelmäßig für ihre Abschlussfilme auf Schauspieler aus dem Ensemble zurück. Darüber hinaus finden regelmäßig Castings statt. Die Liste der Film- und Fernsehproduktionen, an denen Schüler der Scaramouche Academy teilgenommen haben, ist lang. Zu nennen ist etwa der Kinderfilm „Die Flaschenpost-Insel“, der aus eigener Initiative entstanden ist und von Filmfestivals seinen Weg bis auf die Kinoleinwand gefunden hat. Der Film „The Boy and the Wolf“, in dem mehrere Scaramouche-Schüler mitspielen, hat im Dezember auf dem „IndieX Fest“ in Los Angeles mehrere Preise gewonnen, unter anderem wurde der neunjährige Wiesbadener Valentino Resera als bester junger Schauspieler ausgezeichnet. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit mit dem ZDF und dem KiKA. So wurden beispielsweise die verschiedenen Rollen des Tabaluga-Adventskalenders vor wenigen Jahren von Schülern der Academy besetzt. Auch in Musikvideos sind Schauspieler der Schule zu sehen, etwa zuletzt in dem Video zu „New Generation“ von Timo Schniering, das in einer früheren US-Kaserne bei Nierstein gedreht wurde. Obendrein gibt es Kooperationen mit verschiedenen Ministerien, so etwa zur Initiative „#ScrollNichtWeg“ gegen Hass im Internet oder zur Kampagne „Werde Lehrer in Hessen“.
