FAZ 07.05.2026
08:36 Uhr

Satelliten und Drohnen fehlen: Europa braucht einen Kurs in moderner Selbstverteidigung


Namhafte Ökonomen und Investoren legen in einem schonungslosen Papier Lücken der europäischen Verteidigung bloß. Was kostet es, diese zu schließen? Das Resultat überrascht.

Satelliten und Drohnen fehlen: Europa braucht einen Kurs in moderner Selbstverteidigung

Dass Europa künftig deutlich mehr für seinen eigenen Schutz tun muss, ist spätestens seit der legendären Rede des amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 klar. Die Regierung von Präsident Donald Trump hat mehrfach betont, dass das bisherige Schutzversprechen einer neuen Lastenteilung weichen muss. Viele europäische NATO-Mitglieder haben seitdem ihre Verteidigungsausgaben signifikant erhöht. Dennoch bestehen in Fachkreisen Zweifel, ob Europa trotz des vielen Geldes aus eigener Kraft bis zum Ende des Jahrzehnts eine wirkungsvolle Abschreckung gegen den möglichen Aggressor Russland aufbauen kann. In diese Debatte stößt nun eine Gruppe von Fachleuten mit einem neuen Beitrag hinein. Die Autoren kritisieren, dass Europa trotz der zweithöchsten Verteidigungsausgaben auf der Welt über die gesamte militärische Wirkungskette strategisch abhängig von den USA bleibe. Sie identifizieren die aus ihrer Sicht größten strategischen Fähigkeitslücken in Europa und Schlüsselprogramme zu deren Schließung. Die Kosten für diese Programme schätzen sie auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 und rund eine halbe Billion Euro für die nächsten zehn Jahre. Das entspreche etwa einem Drittel des geplanten Anstiegs des europäischen Verteidigungsbudgets von jährlich 200 Milliarden Euro. Es handele sich nicht um Mehrkosten, sondern um eine Umlenkung der Mittel, heißt es in dem an diesem Donnerstag veröffentlichten Papier „Sparta 2.0“. „Der Engpass ist weder Geld noch Technologie“, sagt Tom Enders, einer der fünf Autoren. „Es ist der politische Wille, europäisch zu agieren, Entscheidungen zu treffen und diese dann auch schnellstmöglich und pragmatisch umzusetzen“, so der langjährige Airbus-Chef. Die Empfehlungen richten sich an die Regierungen der europäischen NATO-Staaten und an die EU-Instanzen. Die Autoren plädieren für eine Umsetzung über „belastbare Leitkoalitionen statt einer neuen europäischen Superstruktur“. Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien sollen dabei koordinierende Schlüsselrollen einnehmen. Nordeuropa, das Baltikum und die Niederlande sollen die maritime Autonomie vorantreiben. Neben Enders gehören zu den Autoren auch Moritz Schularick, Präsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft, René Obermann, noch Aufsichtsratschef von Airbus und seit dieser Woche auch Aufsichtsratsmitglied von SAP, sowie die Techinvestorin Jeannette zu Fürstenberg. Wie Enders ist sie dem Drohnen-Start-up Helsing eng verbunden. Das Quartett hatte vor rund einem Jahr mit dem Diskussionspapier „Sparta“ eine Debatte zur Frage angestoßen, ob die Bundeswehr zu viel traditionelle Wehrtechnik beschafft und welchen volkswirtschaftlichen Mehrwert Investitionen in Hightech-Start-ups haben können. Moderne Technologie nur als Feigenblatt? Obwohl die Bundeswehr mittlerweile zwei Aufträge für die Lieferung von Angriffsdrohnen über jeweils fast eine halbe Milliarde Euro an die beiden Start-ups Helsing und Stark Defence vergeben hat, sieht Schularick immer noch keinen Wandel. „Das ist eher ein Feigenblatt als eine neue technologiegetriebene Ausgabenpolitik“, sagt der Volkswirt der F.A.Z. und verweist auf Berechnungen seines Instituts, wonach der Anteil der Ausgaben für technologiegetriebene Rüstungsgüter am 100-Milliarden-Euro-Programm der Ampelregierung bei lediglich zwei bis drei Prozent gelegen habe. Für den aktuellen Debattenbeitrag ist nun der Politikberater Nico Lange zum Autorenkreis dazugestoßen. Unterschieden werden Fähigkeitslücken, deren Behebung in drei bis fünf Jahren deutliche Fortschritte erwarten lässt, und solche, für die mindestens fünf Jahre angesetzt werden müssen. Zu den Aufgaben mit schnelleren Erfolgsaussichten gehört der Aufbau einer souveränen Luftverteidigung etwa durch Lasersysteme, Abfangdrohnen, die European Sky Shield Initiative und bestehende Alternativen zum US-System Patriot. Auch für eigene Luftkampfsysteme, autonome Waffensysteme wie Drohnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft sowie europäische Führungsfähigkeit sehen die Autoren bis zum Ende des Jahrzehnts spürbare Fortschritte erreichbar. Deutlich länger wird dem Papier zufolge etwa der Aufbau einer leistungsfähigen europäischen Satellitenaufklärung als Alternative zum Starlink-System von Elon Musk dauern. Auch die Transportinfrastruktur durch eigene Raketen mit einem verankerten Ziel von mindestens 50 Starts im Jahr braucht mutmaßlich mehr Zeit. Jeannette zu Fürstenberg betont gegenüber der F.A.Z., dass es dennoch wichtig sei, sämtliche Programme umgehend zu starten: „Das muss alles jetzt passieren.“ Es gebe in Europa derzeit eine Generation von Gründern, die sich dem Thema der europäischen Sicherheit verschrieben und technologisch führende Unternehmen aufgebaut hätten. „Was wir jetzt aufbringen müssen, ist der Mut, ihnen zu vertrauen und das Kapital dorthin zu lenken, wo es strategische Unabhängigkeit schafft.“ Der Staat solle sich nicht mit Kapital beteiligen, sondern jungen Unternehmen echte Aufträge geben, was wiederum den Anreiz für Investoren zum Einstieg biete und die Grundlage für ein Ökosystem mit Zulieferern bilde. Als Vorbild diene das DARPA-Programm aus den USA zur Entwicklung bahnbrechender Technologien wie Hyperschallwaffen, Quantencomputing oder Weltraumtechnologie. Der Ökonom Schularick rechnet vor, dass jeder in solche Hochtechnologie investierte Euro einen wirtschaftlichen Multiplikator von 15 erzeugen könne. „Europa kann sich die Investitionen nicht nur leisten, es kann es sich nicht leisten, sie nicht zu tätigen“, mahnt Schularick.