FAZ 18.09.2026
13:43 Uhr

Saint-Pierre-et-Miquelon: Ein französisches Überseegebiet rückt ins Rampenlicht


Die Inselgruppe hat nur knapp 6000 Bewohner, ist aber strategisch wichtig. Warum Macron und Carney sich ausgerechnet in Saint-Pierre-et-Miquelon treffen.

Saint-Pierre-et-Miquelon: Ein französisches Überseegebiet rückt ins Rampenlicht

Saint-Pierre-et-Miquelon, das älteste französische Überseeterritorium, ist der letzte Brückenkopf Europas in Nordamerika. Präsident Emmanuel Macron hat sich zu einer Reise auf die dünn besiedelte Inselgruppe vor Neufundland entschlossen, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump auf der Plattform Truth Social eine ungewöhnliche Nordamerika-Karte verbreitet hatte. Saint-Pierre-et-Miquelon, aber auch die französischen Inseln Guadeloupe und Martinique in der Karibik waren darauf mit der amerikanischen Flagge gekennzeichnet – ebenso wie Kanada, Grönland, Island und Mexiko. Zu seinem Abstecher nach Saint-Pierre-et-Miquelon vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York hat Macron den kanadischen Ministerpräsidenten Mark Carney hinzugebeten. Der gemeinsame Besuch an diesem Wochenende solle unterstreichen, dass beide Länder „dieselben Werte teilen – Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und den Respekt vor der Souveränität anderer Staaten“, heißt es in einem Kommuniqué des Élysée-Palasts. Es ist das erste Mal, dass ein kanadischer Regierungschef in das französische Überseeterritorium kommt. Seit 2014 hat kein französischer Präsident die Inselgruppe mit 5800 Einwohnern besucht. Das neue Interesse ist auf die gewachsene strategische Bedeutung der Inselgruppe für neue Unterseekabel und Satellitennetzwerke zurückzuführen. Erinnerung an einen geschichtlichen Präzedenzfall Wie es im Élysée-Palast heißt, wird Macron die Entwicklung von Raumfahrtaktivitäten hervorheben. Bereits jetzt beherbergt Saint-Pierre-et-Miquelon Antennen für das europäische Satellitennavigationssystem Galileo. Macron wird von den Chefs der Raumfahrt-Start-ups Skynopy und Lookup begleitet, die weitere Satellitenantennenprojekte auf der Inselgruppe vorantreiben. Zudem reisen Verantwortliche des Unternehmens SCLES in der Delegation mit, die an einem digitalen Unterseekabel zwischen der Bretagne und Nordamerika arbeiten. Im Élysée-Palast wird betont, wie wichtig „souveräne Verbindungen“ seien. Macron will an der Seite Carneys am Sonntag bei einer Gedenkzeremonie an einen geschichtlichen Präzedenzfall erinnern. Weihnachten 1941 landeten auf Geheiß Charles de Gaulles französische Marinesoldaten auf Saint-Pierre-et-Miquelon und erklärten es zum Freien Frankreich. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt war darüber sehr erbost, zumal sein Land die starken Funksender auf der Insel zur Überwachung des U-Boot-Verkehrs im Atlantik kontrollieren wollte. De Gaulles Coup im Nordatlantik trug zu seiner Legende bei. Bei aller De-Gaulle-Bewunderung hat sich die französische Diplomatie aber entschlossen, sich dem Druck aus Washington zu beugen, um den neuen französischen Botschafter zu akkreditieren. Das Gesuch des 50 Jahre alten Diplomaten Aurélien Lechevallier, ein Studienfreund Macrons, wurde seit Wochen wegen eines Tweets der französischen UNO-Vertretung in Genf von der amerikanischen Seite blockiert. Botschafterin Céline Jurgensen hatte am 25. Juli auf der Plattform X bedauert, dass die USA kein Modell für die Menschenrechte mehr seien und mit Nordkorea und Russland gemeinsam abstimmten. Das erzürnte das Außenministerium in Washington so sehr, dass es eine Entschuldigung verlangte. Jurgensen ist die Lebensgefährtin des Generalsekretärs im Quai d’Orsay, Martin Briens, was die Sache noch pikanter machte. Jetzt hat sich das französische Außenministerium entschlossen, sein „Bedauern“ über den Tweet öffentlich zu formulieren. Daraufhin wurde Lechevalliers Akkreditierungsgesuch in Washington angenommen.