„Breite Schultern müssen mehr tragen.“ Das ist eine Forderung, die zu den Klassikern in der Steuerdebatte gehört. Der internationale Schlachtruf lautet kurz und prägnant: „Tax the rich.“ Beides klingt gut, führt aber leicht in die Irre. Denn es wirkt so, als ob „die Reichen“ heute sehr billig beim Finanzamt davonkämen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall – zumindest in Deutschland. Und doch deutet alles hin auf eine weitere Erhöhung des Steuertarifs in der Spitze, um die geplanten Entlastungen für untere und mittlere Einkommen zumindest teilweise finanzieren zu können. Die SPD will das ohnehin, zuletzt haben sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der CSU-Vorsitzende Markus Söder offen für ein Drehen am Reichensteuersatz gezeigt. Die Interessenvertretung der Familienunternehmer ist alarmiert, denn viele von ihnen zahlen nicht Körperschaftsteuer, sondern Einkommensteuer. Bei 39.456 Euro teilt sich die Schar der Steuerzahler Das Bundesfinanzministerium listet regelmäßig auf, welche Gruppen wie viel zum Einkommensteueraufkommen beitragen, einschließlich Lohnsteuer. Mit Einkünften von 290.640 Euro im Jahr gehört man zum einen Prozent der Steuerpflichtigen mit den höchsten Einkünften. Damit bewegt man sich in dem Bereich, wo die Reichensteuer von 45 Prozent einsetzt – plus Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent auf die Steuerschuld, versteht sich. Dieses oberste Prozent steht für 13,4 Prozent der zu versteuernden Einkommen und sorgt für 23,6 Prozent des gesamten Lohn- und Einkommensteueraufkommens. Außerdem finanziert es 63,3 Prozent vom Solidaritätszuschlag. So geht es weiter, wenn man in der Tabelle des Ministeriums herunterfährt. Mit 88.692 Euro gehört man zu den oberen 15 Prozent. 46,7 Prozent des zu versteuernden Einkommens und 65,1 Prozent des Steueraufkommens entfallen auf diese Gruppe. Bei 39.456 Euro teilt sich die Schar der Steuerzahler, die eine Hälfte verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Die obere repräsentiert 82,9 Prozent des zu versteuernden Einkommens, 93,5 Prozent des Steueraufkommens und 99,9 Prozent des Solidaritätszuschlags – umgekehrt trägt die untere mit 17,1 Prozent des zu versteuernden Einkommens 6,5 Prozent der Lohn- und Einkommensteuer und 0,1 Prozent des Solis. Stiftung Familienunternehmen warnt vor Steuersätzen von mehr als 50 Prozent Stiftung Familienunternehmen und Politik weisen warnend darauf hin, dass die Einkommensteuer für Personenunternehmen entscheidend ist. „Die großen Unternehmen sind meistens als Kapitalgesellschaften organisiert und unterliegen der geringeren Körperschaftsteuer“, sagte Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer der F.A.Z. Dagegen unterliegen nach seinen Angaben 55 Prozent aller Unternehmen der Einkommensteuer, das seien in der Regel kleine und mittlere Familienbetriebe. Sie dürfe man nicht vernachlässigen. Sie müssten wieder Vertrauen gewinnen, ihre Investitionen erhöhen und die entsprechenden Mittel auch zur Verfügung haben. „Die Steuerbelastung für Personengesellschaften liegt in der Spitze jetzt schon bei rund 48 Prozent. Würde der Höchststeuersatz erhöht, sind wir schnell bei Steuersätzen von mehr als 50 Prozent“, meinte Kirchdörfer. Deutschland würde in diesem Fall als Standort für Investitionen weiter zurückfallen. Die deutsche Einkommensteuer hat einen progressiven Tarif. Die ersten 12.348 Euro bleiben unbelastet (Grundfreibetrag). Für darüber liegende Einkommensteile beginnt die Besteuerung mit 14 Prozent. Mit jedem zusätzlichen Euro steigt die Grenzbelastung, bis 17.779 Euro sehr schnell, danach langsamer. Von 69.879 Euro an greift der Spitzensteuersatz, der Fiskus verlangt 42 Cent von jedem zusätzlich verdienten Euro. Die durchschnittliche Belastung läuft der Grenzbelastung hinterher, weil alle vom Grundfreibetrag und der niedrigeren Eingangsbesteuerung profitieren. Das heißt, wenn zur Entlastung unterer und mittlerer Einkommen unten der Tarif gesenkt wird, profitieren davon auch Spitzenverdiener – solange der Fiskus oben nicht stärker zugreift. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sagte am Mittwoch in der Fragestunde des Bundestages, Hauptfokus dieser Regierung sei, schnell eine Einkommensteuerreform auf den Weg zu bringen und die Beiträge in den sozialen Sicherungssysteme zu stabilisieren. „Wenn wir es schaffen, kleine und mittlere Einkommen spürbar zu entlasten, ist das ein wesentlicher Fortschritt für viele Menschen in diesem Land.“ Ziel sei, das Ganze zum 1. Januar 2027 umzusetzen.
