FAZ 07.05.2026
10:53 Uhr

SED-Opferbeauftragte: Vom sozialistischen Musterkind zur Regimegegnerin


An diesem Donnerstag wählt der Bundestag die SED-Opferbeauftragte. Amtsinhaberin Evelyn Zupke kann auf die Stimmen der Koalition setzen – denn ihre Amtsführung hat überzeugt.

SED-Opferbeauftragte: Vom sozialistischen Musterkind zur Regimegegnerin

Das Lied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der DDR begann mit einer Aufforderung: „Jugend erwach, erhebe Dich jetzt“. Evelyn Zupke beherzigte das – aber anders, als es der Staatsführung vorschwebte. Mit 18 Jahren trat sie aus der FDJ aus. Das ehemalige „sozialistische Musterkind“ (Zupke über Zupke) störte sich daran, dass ein Mitschüler von der Schule geworfen wurde, weil er nicht als Offizier in der DDR-Armee dienen wollte. Sie stand ihm bei – obwohl das persönliche Nachteile bedeutete. Gut vier Jahrzehnte später wählte der Bundestag Zupke im Jahr 2021 zur SED-Opferbeauftragten. An diesem Donnerstag steht nach fünf Jahren Amtszeit ihre Wiederwahl im Bundestag an. Dieser Weg war nicht vorgezeichnet: Die 64 Jahre alte gebürtige Rügenerin war zwar in der DDR in der kirchlichen Opposition aktiv, gehörte nach der Wende aber nicht zu jener Gruppe ehemaliger Bürgerrechtler, die in die Politik drängte. Die gelernte Heilerzieherin arbeitete in ihrem Beruf, widmete sich der sozialpädagogischen Arbeit mit psychisch Kranken. Ein Studium an der Evangelischen Hochschule in Hamburg brach sie ab, da sie dort eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Jugendhilfe vermisste. Dass ihr zur eigenen Überraschung ein politisches Amt anvertraut wurde, verdankt sie ihrem Wirken als Zeitzeugin in Schulen und Bildungseinrichtungen – und der Tatsache, dass sich Union und SPD 2021 zunächst nicht auf einen Kandidaten für das neu geschaffene Amt des SED-Opferbeauftragten einigen konnten. Auf den letzten Metern suchten sie eine Kompromisskandidatin. Sie fanden Zupke. Die DDR-Opferverbände reagierten mit Vorbehalten. In der DDR bewies sie die Fälschung der Kommunalwahlen Solche Stimmen sind in den vergangenen Jahren leiser geworden. Zupke hat durch ihre Amtsführung überzeugt: Eine bequeme Beauftragte ist sie nicht. Mit erfrischender Deutlichkeit meldete sie sich zu Wort – etwa für eine Anhebung der Opferrenten und gegen DDR-Straßennamen. Sie äußerte sich auch, als das BSW in ihren Augen zu russlandfreundlich agierte. Im aktuellen Bundestag wird der Sinn und Zweck politischer Beauftragter für Spezialanliegen aus guten Gründen kritischer hinterfragt als in der Vergangenheit. Evelyn Zupke wird am Donnerstag trotzdem alle Stimmen der Koalition hinter sich haben. Dass ihre Wahl ausgerechnet am 7. Mai stattfindet, dürfte für sie persönlich eine hohe symbolische Bedeutung haben: Ihr und ihren Mitstreitern gelang es vor 37 Jahren nachzuweisen, mit welcher Dreistigkeit die DDR-Führung das Ergebnis der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 fälschte. Ihr damaliger Protest brachte ihr erheblichen Ärger mit der Staatsmacht ein – im Frühjahr 1989 waren die Umbrüche der Folgemonate noch weit weg. Zupke ließ sich nicht einschüchtern. Wenn die Bundestagspräsidentin am Donnerstagnachmittag ihr Wahlergebnis verkündet, darf Zupke sich auch auf lange Sicht als Gewinnerin fühlen.