In der Abenddämmerung ziehen Uniformierte über Moskaus Roten Platz, manche tragen Gewehre, andere Blasinstrumente. Das Defilee vom Montagabend ist die erste Probe für die alljährliche Militärparade zum „Tag des Sieges“ von 1945. Der russische Herrscher Wladimir Putin will sie am Samstag abnehmen, wie gewohnt von einer Tribüne, die über das Lenin-Mausoleum gebaut worden ist. Doch aufgrund der Gefahren durch ukrainische Drohnen und Raketen findet die Parade in diesem Jahr offiziell in „verkürztem“ Umfang statt, ohne Panzer. Und die Sicherheitsvorkehrungen sind größer denn je. Dazu zählt, dass in der Nacht auf Dienstag das mobile Internet in Moskau abgeschaltet wurde. Ebenso in Sankt Petersburg, wo auch eine Parade stattfinden soll. Der Sicherheit der Parade soll auch eine Waffenruhe dienen, die Putin für Freitag und Samstag angeordnet hat. Einseitig. Man erwarte, „dass die ukrainische Seite diesem Beispiel folgt“, hat das russische Verteidigungsministerium aber in seiner Mitteilung vom Montagabend hervorgehoben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte kurz zuvor während seines Besuchs beim Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Armenien gesagt, ukrainische Drohnen könnten „zu dieser Parade fliegen“. Mit Blick darauf droht Putins Militär: Sollte „das Kiewer Regime seine verbrecherischen Pläne umsetzen, die Feier des 81. Jahrestags des Sieges platzen zu lassen“, werde man dies mit einem „massiven Raketenschlag“ auf das Zentrum der ukrainischen Hauptstadt vergelten. Einen solchen habe man bisher „aus humanitären Erwägungen“ unterlassen, teilte das Militär mit und ruft die „Zivilbevölkerung Kiews“ und ausländische Diplomaten dazu auf, „die Stadt rechtzeitig zu verlassen“. Trump beansprucht die Idee für eine Waffenruhe für sich Im vergangenen Jahr hatte Putin eine dreitägige Waffenruhe um den „Tag des Sieges“ ausgerufen und mit „humanitären Erwägungen“ begründet. Seinerzeit drohte man Kiew für den Fall von Angriffen lediglich mit einer „angemessenen und effektiven Antwort“ und beteuerte, zu „Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen“ bereit zu sein, um die „Grundursachen der ukrainischen Krise zu beseitigen“. Gemünzt war dies auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, von dem sich Putin Druck auf Kiew erhoffte. Heute will sich Putin Trump zwar weiter gewogen halten, wie sein jüngster Anruf in Washington gezeigt hat. Dem Kreml zufolge ergriff Putin dabei gegenüber Trump die Initiative zu einer Waffenruhe anlässlich der Feiern zum „Tag des Sieges“, Trump beanspruchte hingegen die Idee für sich selbst. Von wem sie stammt, wirkt aber nebensächlich: Entscheidend ist, dass die noch vor einem Jahr in Russland verbreiteten Hoffnungen auf einen Diktatfrieden nach Putins Vorstellungen mittlerweile verpufft sind. Russische Machtvertreter wirken konfus Das liegt an der Selbstertüchtigung der Ukrainer, die den Vormarsch der Invasoren gestoppt haben und mit ihren Drohnen und Raketen immer mehr Ziele in Russland erreichen. In der Nacht auf Dienstag brachen nach Angriffen auf eine Raffinerie in der Stadt Kirischi 110 Kilometer südöstlich von Petersburg sowie auf ein Rüstungswerk in Tscheboksary 600 Kilometer östlich von Moskau Brände aus. Gegen das Rüstungswerk setzte Kiew Selenskyj zufolge seine neuen Flamingo-Raketen ein. Laut russischen Angaben kamen in Tscheboksary zwei Menschen ums Leben, in deren Wohnhaus eine Drohne eingeschlagen sei. Im Schwarzmeerbadeort Tuapse bemühen sich die Behörden, Berichte über die Verschmutzungen zu verhindern, die auf vier ukrainische Angriffe auf Ölanlagen in der Stadt innerhalb von zwei Wochen folgen. Die Bedrohung hat Folgen für das Bild Putins. Jahrelang hat sich der Herrscher erfolgreich als Sieger inszeniert, dem alles gelingt. Das funktioniert nicht länger. Auch erfahrene Machtvertreter wirken konfus. Dmitrij Medwedjew, Putins Stellvertreter im Sicherheitsratsvorsitz, sagte jüngst, ein Sieg Russlands im Krieg „wird Stabilität bringen“. Dabei inszeniert der Kreml den 73 Jahre alten Putin traditionell als Stabilitätsgaranten. Angesichts der Gefahren durch ukrainische Drohnen, der Schwierigkeiten der russischen Wirtschaft und der Kampagne des Regimes gegen das mobile Internet, „unkontrollierte“ Messenger wie Telegram und VPN-Umwege erscheint das alte Bild unhaltbar. Auch Russen, die sich politikfern fühlen, können sich dem Krieg nicht länger entziehen. „Putin ist nicht mehr der Superheld, der die Interessen der einfachen Leute verteidigt, er fürchtet Drohnen und das Internet mehr als ein einfacher Mensch“, analysiert der exilierte Politologe Alexandr Baunow für die Denkfabrik Carnegie. „Er ist ratlos und vermag nicht einmal mehr den Vertretern der herrschenden Elite Zuversicht zu vermitteln. Vom Garanten verwandelt er sich in eine Last.“* Die Initiative gehört Kiew Es entsteht der Eindruck, dass die Initiative im Krieg gerade Kiew gehört; dass Putin wie getrieben wirkt. Auch der ukrainische Präsident verkündete Anfang der Woche auf Telegram eine Feuerpause, beginnend in der Nacht auf Mittwoch. „Wir sind der Ansicht, dass menschliches Leben einen unvergleichlich höheren Wert hat als die ‚Feierlichkeiten‘ zu irgendeinem Jahrestag“, begründete Selenskyj die Entscheidung. In dieser Zeit könne man schauen, ob bis zum 8. Mai eine wirkliche Waffenruhe möglich sei; an diesem Tag feiert Kiew mittlerweile den Sieg von 1945, im Bruch mit Moskaus sowjetischer Tradition. „Wir werden ab diesem Zeitpunkt spiegelbildlich handeln“, fügte Selenskyj hinzu. Es sei an der russischen Seite, „reale Schritte“ für ein Ende des Krieges einzuleiten, wenn eine Parade in Moskau nicht ohne den guten Willen der Ukraine möglich sei. Doch auf diese Ankündigung Selenskyjs folgten zunächst weitere verheerende russische Angriffe. Am Dienstag kamen in der Ukraine mindestens 22 Zivilisten ums Leben. Gleitbomben schlugen im Stadtzentrum der im Donbass gelegenen Stadt Kramatorsk sowie in Saporischschja ein. Das zentralukrainische Dnipro wurde von einer Rakete getroffen. Am Dienstagabend, noch vor Beginn von Selenskyjs Waffenruhe, kamen in der Stadt Dschankoj auf der Halbinsel Krim nach Angaben der russischen Besatzer fünf Menschen bei einem ukrainischen Drohnenangriff ums Leben. Auch nach dem Beginn der einseitig ausgerufenen Feuerpause in der Nacht auf Mittwoch setzten beide Seiten ihre Angriffe fort. Nach Angaben aus Kiew feuerte die russische Armee in der Nacht 108 Drohnen und drei Raketen auf die Ukraine ab. „Das zeigt, dass es Russland nicht um Frieden geht“, erklärte der ukrainische Außenminister Andrij Sibyha am Mittwoch in sozialen Medien. Moskau hingegen meldete am Mittwochmorgen zumindest weniger abgefangene ukrainische Drohnen als in den Nächten zuvor. Das russische Verteidigungsministerium gab an, in der Nacht 53 ukrainische Drohnen abgeschossen zu haben. Feuerpausen wurden schon oft verkündet In der Vergangenheit waren mehrfach Feuerpausen zwischen Russland und der Ukraine verkündet worden, zuletzt zum orthodoxen Osterfest im April. Jedoch werfen sich beide Seiten stets vor, die Feuerpause gebrochen zu haben. Auch im April hatte Selenskyj zunächst eine Waffenruhe vorgeschlagen, auf die der Kreml jedoch zunächst nicht einging. Später kündigte Putin von sich aus eine Waffenruhe an. In der Mitteilung des Kremls zu diesem Schritt hieß es, man gehe davon aus, dass die Ukraine dem russischen Beispiel folgen werde – wie nun wieder. Selenskyj steht unter Druck. Seit dem Eklat zwischen Trump und ihm im Weißen Haus im Februar 2025 versucht der ukrainische Präsident, Trump davon zu überzeugen, dass alle Friedensbemühungen bisher an Putin scheitern – und nicht an der Ukraine. Doch der Frust in Kiew über den amerikanischen Präsidenten wächst. Dort hofft man, dass die Ukraine nach einem Ende des Irankriegs wieder stärker in den Fokus des Weißen Hauses rückt. Vor allem vor den Wahlen zum Repräsentantenhaus im Herbst könnte Washingtons Engagement wieder zunehmen, glauben einige in der ukrainischen Hauptstadt. In einem Interview am Montagabend nannte Trump Selenskyj einen „gerissenen Kerl“, mit dem er abgesehen von dem Vorfall im Weißen Haus eigentlich immer gut ausgekommen sei. „Ich mag Selenskyj“, sagte Trump, der zugleich die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine lobt. * In einer früheren Version des Artikels wurde Margarita Simonjan zitiert, die Chefin des russischen Staatssenders RT. Inzwischen gibt es starke Anzeichen dafür, dass das entsprechende Video manipuliert war und sie die Aussage nie getätigt hat.
