FAZ 20.09.2026
09:01 Uhr

Riesige verbotszone: In Peking sind Drohnen jetzt illegal


Die neue Flugverbotszone rund um Peking ist nur ein Fünftel kleiner als Deutschland. Der Besitz von Drohnen ist für Privatleute untersagt. Im schlimmsten Fall drohen zehn Tage Haft.

Riesige verbotszone: In Peking sind Drohnen jetzt illegal

Von diesem Sonntag an gilt rund um Peking eine der striktesten und größten Flugverbotszonen der Welt. In einem Umkreis von 300 Kilometern rund um Peking sind vom 20. September an außer Linienflügen und Notfall- und Rettungseinsätzen fast alle Flugaktivitäten untersagt. Die Fläche entspricht rund vier Fünftel der Fläche Deutschlands oder nahezu der gesamten Fläche Italiens. Für Privatleute in der chinesischen Hauptstadt heißt das, dass sie keine Drohnen mehr fliegen und diese nach einer Übergangsfrist nicht einmal mehr besitzen dürfen. In den sozialen Medien beschweren sich viele Nutzer über die strikte Regulierung. Schon seit dem 1. Mai hatte Peking den Verkauf und die Vermietung von Drohnen im Pekinger Stadtgebiet verboten. Selbst Reisenden, die nur am Flughafen in Peking umsteigen, wird seitdem die Drohne abgenommen. Die neuen Regelungen gehen nun noch deutlich weiter. Der Umgang mit Drohnen innerhalb des Gebiets erinnert nun eher an den mit Waffen als wie bisher an den mit Tech-Spielzeugen oder Fotografenausrüstung. Sollte jemand bei illegalen Drohnenflügen erwischt werden, wird von diesem Sonntag an mindestens das Gerät konfisziert und eine Geldbuße fällig. Bei ernsthaften Verstößen ist aber auch eine Haft von fünf bis zehn Tagen möglich. Pilot flog in Bankenturm Auslöser dieses radikalen Schrittes war ein Pilot, der mit seinem Kleinflugzeug Ende Juni in einen Bankenturm mitten in Peking geflogen war und zuvor fast mit einem Linienflug kollidiert wäre. Die Bilder riefen zunächst Erinnerungen an den 11. September 2001 in den USA wach. Das Flugzeug war aber viel kleiner und die Wucht des Aufpralls viel geringer als bei dem Terroranschlag vor 25 Jahren. In dem Turm kam es nur zu geringen Schäden. Außer dem Piloten, laut Behördenangaben ein 66 Jahre alter Mann mit wiederkehrenden suizidalen Gedanken, kam niemand ums Leben, 13 Menschen wurden verletzt. Der Pilot hatte zuvor aber viele Kilometer in einem der eigentlich am strengsten bewachten Lufträume der Welt zurücklegen können, ohne gestoppt worden zu sein. Der Bankenturm steht nur wenige Kilometer vom politischen Zentrum Pekings und dem Viertel Zhongnanhai entfernt, wo Staats- und Parteichef Xi Jinping und andere ranghohe Kader der Kommunistischen Partei wohnen. Deren Sicherheitsbedürfnis und das der vielen Militär- und Regierungseinrichtungen in der Stadt dürften der Hauptgrund für die neue Sicherheitszone sein. Was wird aus der Zukunftsbranche? Die Regelung stellt die Zukunft der sogenannten Niedrigflugwirtschaft infrage. Diese wurde noch zu Jahresbeginn im 15. Fünfjahresplan als eine der Industrien der Zukunft angesehen, die neues Wirtschaftswachstum bis zum Jahr 2030 bringen sollen. Peking galt bisher als wichtigster Standort der Branche, verlor diesen Titel aufgrund der Beschränkungen nun aber an die Tech-Metropole Shenzhen, wie es in einer Rangliste eines chinesischen Wirtschaftsmagazins heißt. In Shenzhen sind etwa Lieferungen von Essensbestellungen per Drohne eine beliebte Touristenattraktion, auch in Shanghai gibt es dieses Angebot. Andere Unternehmen entwickeln etwa autonome, elektrisch angetriebene Flugtaxis. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) besuchte im Mai den Hersteller Ehang aus Guangzhou, der mit seiner Lizenzierung bisher am weitesten ist und vor dem Vorfall schon mit Passagieren fliegen durfte. Die neue Strenge in der Luftsicherheit droht nun aber unzählige hochsubventionierte Start-ups zu Milliardengräbern werden zu lassen. Einige Kommentatoren in chinesischen sozialen Medien versuchten, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Die Regelung gelte nur in Peking und strengere Regeln seien die Grundlage für eine geordnete Entwicklung der Branche, schrieb etwa der Tech-Investor Ruan Shifu in einem Beitrag. Ehang selbst hatte aufgrund des temporären Flugverbots von großer regulatorischer Unsicherheit gesprochen und seine Geschäftsprognose für dieses Jahr zurückgenommen. Seit dem vergangenen September hat der Aktienkurs des Unternehmens drei Viertel eingebüßt. Unmittelbar nach dem Vorfall wurden fast alle Flüge außer kommerziellen Linienflügen im ganzen Land untersagt. Selbst in Yunnan, einer Provinz tausende Kilometer von Peking an der Grenze zu Vietnam entfernt, durften Heißluftballons nicht fliegen, Flugschulen im ganzen Land erhielten Flugverbote. Drohnenbesitzer klagen über Wertverlust In Peking müssen viele Bewohner ihre Drohnen nun verkaufen oder aus der Stadt schaffen. Es gilt eine Übergangsfrist bis zum 15. November. Die Regierung hat offizielle Händler benannt, die die Drohnen zurückkaufen, und Stationen eingerichtet, an denen die Drohnen abgegeben werden können, um sie recyclen zu lassen. Nach offiziellen Zahlen der Luftfahrtbehörde waren Ende Juni knapp fünf Millionen Drohnen in ganz China registriert, dazu kommen etliche weitere Millionen an nicht registrierten Geräten. Die Preise für gebrauchte Drohnen sind auf Xianyu, vergleichbar mit der Ebay-Plattform, deutlich gesunken. Unzählige Beiträge in Chinas sozialen Medien beschweren sich über die große Fluktuation der Preise und die Wertvernichtung. Die Entschädigungen der Behörden sind gering. Wenn die Bewohner ihre Drohnen bis Ende Oktober einreichen, erhalten sie 30 Prozent eines amtlich festgelegten Rückkaufpreises und maximal 3000 RMB je Drohne, umgerechnet knapp 400 Euro. Ein Nutzer schrieb, er habe seine Drohne für 3300 RMB gekauft, umgerechnet rund 430 Euro. Nun habe ihm die von der Regierung ernannte Sammelstelle 150 RMB für die Drohne geboten, rund 20 Euro. „Das ist einfach verrückt, da werfe ich die Drohne lieber weg als, sie der Sammelstelle zu geben.“ Ein anderer schrieb, ihm seien 800 RMB (100 Euro) geboten worden. „Das macht mich so wütend.“ Ein anderer schrieb: „Gebt mir zehn Krabben und ich tausche die Drohne. Vollständige Ausrüstung, hat über 4000 RMB gekostet, nur dreimal geflogen.“ Die Diskussion in den sozialen Medien wirkt stark zensiert und gesteuert, überprüfen lässt sich dieser Eindruck nicht.