Modisch ist Baseball längst in Deutschland angekommen. Kappen von Teams der amerikanischen Major League Baseball (MLB) sind begehrte Accessoires, die Logos der New York Yankees und der Los Angeles Dodgers sind in Fußgängerzonen von Berlin bis Bubenreuth haufenweise zu sehen. Und es ist keine kühne Behauptung, dass die Trägerinnen und Träger in vielen, vielleicht sogar den meisten Fällen nicht einmal wissen, dass sie sich da gerade zu einem Klub bekennen. Denn der eigentliche Baseballsport – America’s Favorite Pastime – ist in Deutschland eine Randerscheinung. Doch in seiner Nische entwickelt sich der deutsche Baseball. Es gebe rund 200 Vereine mit knapp 25.000 Mitgliedern, sagt Marcel Eßers, der beim Deutschen Baseball- und Softball-Verband (DBV) sowie der Deutschen Baseball-Liga (DBL) für Marketing und Kommunikation verantwortlich ist. Der neue Modus soll mehr Spannung bringen Die höchste Spielklasse, bis 2024 als Erste Baseball-Bundesliga bekannt, soll durch die Umbenennung sowie durch intensiveres Marketing und Livestreams von Spielen bekannter werden. „Im ersten Jahr haben wir es geschafft, dass die neue Marke DBL innerhalb der deutschen Baseball-Community flächendeckend wahrgenommen und als höchste Liga im deutschen Baseball akzeptiert wurde“, sagt Eßers. In der aktuellen Saison wird die Liga in einem veränderten Modus ausgetragen, der mehr Spannung bringen soll. In der regulären Saison spielten die jeweils sechs Mannschaften der Nord- und Südgruppe zunächst in einer Hin- und Rückrunde gegeneinander. Die drei Erstplatzierten beider Staffeln maßen sich danach erstmals untereinander in der neuen Interleague-Runde, während die Letztplatzierten im Wildcard-Race abermals gegeneinander antraten. Daraus ergab sich eine Setzliste der acht besten DBL-Teams, vier schieden nach der Zwischenphase aus. Noch sind die Zuschauerzahlen überschaubar Der Saisonhöhepunkt sind nun die Play-offs, die am 15. August mit dem Viertelfinale beginnen, wobei der Erste der Setzliste gegen den Achten antritt, der Zweite gegen den Siebten und so weiter. In Best-of-five-Serien werden die Halbfinal- und zum Schluss die Finalteilnehmer bestimmt. Vom 12. September an spielen die zwei besten Teams dann um den Gewinn der deutschen Baseball-Meisterschaft 2026. Noch allerdings sind die Zuschauerzahlen überschaubar: In der regulären Saison verfolgen oft nur einige Hundert Fans und Neugierige die Begegnungen in den Ballparks der DBL-Klubs, in den späteren Runden können es auch mal mehr als 1000 werden. Doch die Tendenz steigt, auch weil die Klubs, die noch überwiegend auf ehrenamtliches Engagement setzen, zunehmend in ihre Infrastruktur investieren. Denn das angenommene Marktpotential ist groß: Das Münchener Institut Sportheads hat im Auftrag des DBV ermittelt, dass rund 3,9 Millionen sportaffine Menschen im Alter von 16 bis 65 Jahren in Deutschland grundsätzlich Interesse an Baseball haben. Marktforscher sehen Potential „Baseball verfügt in Deutschland über ein deutlich größeres Marktpotential, als es seine bisherige mediale Präsenz vermuten lässt“, sagt Maximilian Madeja, Managing Partner beim Marktforscher SLC Management, auf Anfrage der F.A.Z. Ein zentraler Treiber des Wachstums sei die schon gut aufgestellte Nachwuchsarbeit. Dadurch würden gezielt Strukturen aufgebaut, um Spieler, Fans und Interessierte an den Sport zu binden. Auf diesem Weg entsteht laut Madeja „eine nachhaltige Basis für die gesellschaftliche Verankerung, den eigenen Profisport und die weitere Kommerzialisierung“ in Deutschland. Professionelle Strukturen finden sich aktuell am ehesten bei den Guggenberger Legionären in Regensburg und den Untouchables in Paderborn. In der Region Regensburg hat SLC Management vergangenes Jahr regionalökonomische Effekte der Legionäre von rund fünf Millionen Euro festgestellt. Doch auch hier gibt es Bewegung. Vor drei Jahren nahmen die Stuttgart Reds ihr neues Stadion in Betrieb, in dem heute 650 Zuschauer Platz finden. American Football und Basketball haben es vorgemacht Auch die Stadt Bonn will die Anlage der dort heimischen Capitals für rund 1,4 Millionen Euro modernisieren – vorbehaltlich der entsprechenden Zustimmung –, auch hier substanziell finanziert durch Landesfördermittel. „In die Weiterentwicklung der Anlage muss regelmäßig investiert werden“, sagt Mirko Heid, Erster Vorsitzender der Capitals, der F.A.Z.: „Beim aktuellen Vorhaben steht vor allem die automatische Bewässerungsmöglichkeit aller Spielfelder im Vordergrund, um die Qualität der Spielfläche ganzjährig zu verbessern.“ Sind das Anzeichen für einen sich anbahnenden Baseball-Boom in Deutschland? „Mit dem Wort würde ich mich aktuell noch etwas zurückhalten“, sagt Eßers. „Aber wir glauben fest an das Potential von Baseball in Deutschland. Sportarten wie American Football oder Basketball haben gezeigt, was möglich ist.“ Um die Entwicklung voranzutreiben, hat der DBV den „Zukunftsplan 2028“ vorgestellt. Hintergrund ist, dass Baseball und Softball bei den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles dann wieder Teil des Programms sein werden. Die mögliche Teilnahme der deutschen Nationalmannschaften an dem Großevent soll das Interesse am Sport in Deutschland weiter steigern. Talente zieht es nach Übersee So soll die Zahl der Vereine und Mitglieder weiter wachsen. Die Medienpräsenz soll durch die bereits neu strukturierte Öffentlichkeitsarbeit verstärkt werden, wobei die amerikanische MLB durch ihre Sichtbarkeit in Europa indirekt mithilft. Und die DBL soll als Liga etabliert werden, die „attraktiv für die besten deutschen Spieler ist“ und „regelmäßig viele Zuschauer in ihren Bann zieht“. In Europa konkurriert die DBL in diesen Punkten vor allem mit den Niederlanden, Italien und Tschechien. Das hat auch mit deren vergleichsweise erfolgreichen Nationalmannschaften zu tun, wohingegen Deutschland die Qualifikation für den World Baseball Classic vergangenes Jahr verpasste. „Die verpasste Qualifikation war knapp und unglücklich. Rein aus Ligasicht sehe ich die Strahlkraft der DBL aber mindestens auf Augenhöhe – unabhängig vom sportlichen Niveau“, sagt Eßers: „Zum Beispiel ist die Zuschauerzahl bei DBL-Spielen deutlich höher als in der niederländischen Liga.“ Für die Qualität des deutschen Baseballs spricht außerdem, dass in Deutschland ausgebildete Talente zunehmend den Sprung in internationale Systeme schaffen, auch in die USA. In diesem Sommer wechselte der 19 Jahre alte Kenny Fermin Giere von den Mainz Athletics zur gleichnamigen MLB-Organisation Athletics aus Las Vegas, die ihre Spiele wegen des Umbaus ihres Stadions vorübergehend in Sacramento/Kalifornien austrägt. In Übersee muss er sich nun in den Minor Leagues beweisen, um es auf die ganz große Bühne zu schaffen. „Welcome to the Show“, wie die Amerikaner sagen. Vom Showbusiness ist der deutsche Baseball noch weit entfernt. Von ihrem Sport leben können die wenigsten DBL-Spieler, die Atmosphäre in den Ballparks ist familiär: Hotdogs und Burger, Kaffee und Kuchen. Aber wenn die Wachstumspläne aufgehen, könnten Kappen mit Logos der Hamburg Stealers, der Cologne Cardinals und der Heidenheim Heideköpfe in Deutschlands Fußgängerzonen schon bald mit den Yankees und den Dodgers konkurrieren.
