FAZ 25.09.2026
10:19 Uhr

Ratlosigkeit der Mitte: Warum benehmen sich die einst etablierten Parteien wie Schlafwandler?


Die Parteien in der Mitte stehen zunehmend wie bloße Verwalter des lähmenden Status quo da, dem zu verdanken ist, dass gefühlt alles irgendwie immer schlechter, auf jeden Fall nicht besser wird. Das ist fatal.

Ratlosigkeit der Mitte: Warum benehmen sich die einst etablierten Parteien wie Schlafwandler?

Die Berliner Linke und die AfD sind so gegensätzlich, dass es sich verbietet, sie unter irgendeinem gemeinsamen Rubrum, und sei es dem der „Extremisten“, zusammenzufassen. Doch ihre Wahlerfolge verbindet etwas, das zugleich ein Defizit der Verlierer markiert: die Verheißung, dass die Politik in dieser vertrackten Gegenwart noch etwas grundlegend ändern könne. Es ist üblich geworden, das Verlangen danach mit psychologischen Begriffen zu bezeichnen, so als ginge es da nicht um eine Grundbedingung aller Politik, sondern vor allem um Gefühlslagen, die mit einer geeigneten Therapie oder dem richtigen Narrativ zu behandeln wären. Man spricht also von dem verstärkten Verlangen nach kollektiver „Selbstwirksamkeit“, das aus dem Ohnmachtsgefühl inmitten der multiplen Krisen entspringt. Das Berliner Vergesellschaftungsversprechen konnte dieses Verlangen offenbar auf ähnlich hochsymbolische Weise befriedigen wie auf der entgegengesetzten Seite das Phantasma schnellstmöglicher „Remigration“. Die Wiedergewinnung politischer Selbstwirksamkeit scheint nur noch als radikale Disruption denkbar zu sein. Die Parteien in der Mitte stehen dagegen zunehmend wie bloße Verwalter des lähmenden Status quo da, dem zu verdanken ist, dass gefühlt alles irgendwie immer schlechter, auf jeden Fall nicht besser wird. Oft wird auf eine strukturelle Begründung dafür verwiesen: Je mehr Parteien über fünf Prozent kommen und je stärker die AfD wird, mit der aus gutem Grund niemand koalieren will, auf desto mehr Parteien ist jede Regierungskoalition angewiesen – nach jetzigen Mehrheitsverhältnissen eine ewige Koalition aus Union, SPD und Grünen – und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die vorhandenen politischen Unterschiede sich in einer solchen Konstellation gegenseitig aufheben. Doch bei näherem Zusehen fängt die Selbstneutralisierung schon längst vor dem Aushandeln von Kompromissen an. Bei keiner der Parteien hat man den Eindruck, dass sie die fundamental veränderten Rahmenbedingungen der Politik – vom Machtverlust des Westens über die Künstliche Intelligenz bis zum Anthropozän – intellektuell zu verarbeiten und mit ihren programmatischen Ausgangsimpulsen in Verbindung zu bringen versucht. Am ehesten tun das noch die Grünen im Hinblick auf den Klimawandel, doch auch bei ihnen bleibt das punktuell. So wirken die hergebrachten ideologischen Duftmarken, die unverdrossen gegeneinander in Stellung gebracht werden, oft bloß wie Scheingefechte aus einer längst vergangenen Ära. Eher noch als die Koalitionsarithmetik ist es also womöglich diese schwer nachzuvollziehende Denkfaulheit der Parteien, die ihrer Profilbildung abträglich ist und damit dem Zutrauen, dass sie politisch etwas Entscheidendes ausrichten können. Warum bringt zum Beispiel die nicht zu übersehende Tatsache, dass in Amerika und ganz Europa gleichzeitig die rechten Bewegungen stärker werden, keine Grundsatzkommission dazu, den neuen geopolitischen Ort des Westens zum Ausgangspunkt der gesamten eigenen Positionierung zu machen? Die Suggestion, dass im Grunde alles wie immer ist und auch wieder so sein werde, wenn nur die Sache mit wahlweise den „Reformen“ oder den „Renten“ oder der „CO₂-Steuer“ in Ordnung gebracht ist, steht in krassem Kontrast zur Dramatik der täglichen Krisenerfahrungen und befördert zusammen mit dem Gefühl der Unwirklichkeit den Eindruck, der realen Welt hoffnungslos ausgeliefert zu sein. Und führt zur Suche nach Sündenböcken, die man für die Lage verantwortlich machen kann. Für den Zustand, wenn krisenhafte Zuspitzung auf Unklarheit über die eigene Position und auf mangelnde Selbstwirksamkeit trifft, hält die Organisationspsychologie übrigens noch einen weiteren Begriff bereit: Burnout.