Ein Donnerstag Anfang Mai in Berlin-Charlottenburg. Helmut Metzner ist auf dem Weg nach Hause. Von der Bushaltestelle aus durchqueren er und sein Partner wie immer einen kleinen Park. Die Männer sind seit einem Vierteljahrhundert zusammen und seit 18 Jahren verheiratet. Als ihnen ein Lastenfahrrad entgegenkommt, sagt Metzner zu seinem Mann: „Das ist doch hier verboten.“ Plötzlich blafft jemand von der Seite: „Schwule sollte man auch verbieten, ihr Schwuchtel!“ Auf einer Parkbank sitzt ein Mann, Metzner schätzt ihn auf um die 40, er hat ihn schon öfter im Park gesehen. Bart, grüne Jacke, Mütze und ein frei laufender Belgischer Schäferhund. „Das geht so nicht“, entgegnet Metzner. „Würden Sie das in Gegenwart der Polizei wiederholen?“ Daraufhin der Mann: „Das ist doch Meinungsfreiheit.“ Metzner: „Da befinden Sie sich im Irrtum. Ich hole jetzt die Polizei.“ Der Mann steht auf. Er geht auf Metzner zu und schubst ihn mit den Händen gegen die Brust, sodass Metzner zu Boden geht. Als Nächstes greift er Metzners Partner an, der ebenfalls stürzt. Zum Glück sind sie zu zweit und geistesgegenwärtig genug, um auch mit zitternden Fingern Fotos zu machen und den Notruf zu wählen. Zum Glück schaut der Hund nur zu. „Wenn ich dich allein antreffe, bringe ich dich um“, droht der Angreifer in Richtung von Metzners Partner, als er das Weite sucht. Erst als die Polizei eintrifft, merkt Metzner, dass ihm Blut aus dem Ärmel rinnt. Der 57 Jahre alte Metzner, Fliege, FDP-Parteibuch, ist ein Mann der Form, der sich nichts gefallen lässt. „Ich bin kein Opfer, ich bin Geschädigter“, sagt er. „Ich bin kein leichtes Ziel.“ Wenn er der F.A.S. in den Räumen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in Berlin-Mitte seine Geschichte erzählt, serviert er Kuchen. Auf dem Tisch liegt das Begleitheft zu der aktuellen Wanderausstellung der Stiftung, Metzner ist der geschäftsführende Vorstand. Titel der Broschüre: „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933 – 1945“. Wenige Tage nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day wirken die Jahreszahlen wie aus der Zeit gefallen. Wie frei und sicher, wie bedroht sind Schwule, Lesben und die gesamte queere Community in Deutschland hier und jetzt? Ein Ausflug nach Berlin-Schöneberg, wo der Eingang zum U-Bahnhof Nollendorfplatz den offiziellen Zusatz „im Regenbogenkiez“ trägt. Hier, wo es schon in der Weimarer Republik erste „Tanzlokale für Herren“ gab, sind die Streifen des Regenbogens überall. Auf dem U-Bahn-Schild, auf der Fahrbahn, in den Schaufenstern als Deko. Oder einen Block weiter die Motzstraße hinab, wo die bunte Markise des Cafés „Romeo und Romeo“ auf den Gehsteig hinausragt. Die kleinen Tische sind fast alle belegt. „Es ist schon sehr schön hier und sicher“, sagt ein älterer Schwuler Gerade noch haben sie Witze gemacht, Jürgen, Volker und Rainer, von wo ein Auto kommen müsste, um in sie hineinzufahren. Jürgen, der auf die siebzig zugeht, ergänzt mit einem spöttischen Grinsen, ihr Stammcafé sei eigentlich auch für ein Drive-by-Shooting ideal. Volker, 73 Jahre alt, winkt ab: „Wenn ich die schwule Szene in Berlin nicht gehabt hätte, hätte ich mich viel unwohler gefühlt. Es ist schon sehr schön hier und sicher.“ Auf Nachfrage erzählen die drei dann von einem jungen Mann, der sie mit einer Wasserflasche beworfen und einen „blöden Spruch“ gemacht hat. Von vorbeifahrenden Autos, „muslimischen Familienkutschen“, aus denen „irgendwas Unflätiges“ rausgerufen wird. Aber das interessiert sie nicht besonders. Ein langes Leben als schwuler Mann in Berlin imprägniert offenbar. Oder man ist einiges gewohnt. „Man muss auch mal positiv sehen, dass sich vieles verbessert hat“, sagt Rainer. Als er 1984 nach Berlin gekommen sei, habe es noch geheißen: „Früher hätte man euch vergast.“ Gerade im Vergleich sind sich auch andere Männer im „Romeo und Romeo“ bewusst, in der besten aller Welten zu leben. „Für mich war Berlin immer so ein Safe Space“, sagt ein Vierzigjähriger aus der Nähe von Rostock. Und ein Mittdreißiger, der lange in Amerika war: „Ich bin doch sehr froh um Deutschland.“ Beide erzählen unabhängig voneinander, dass sie sich keine Gedanken darüber machten, Hand in Hand mit ihrem Partner durch die Hauptstadt zu laufen. Andere Schwule sind vorsichtiger. Auch Aktivisten berichten, dass sie ihre Umgebung scannten, bevor sie ihren Partner berühren oder küssen würden. Insbesondere in migrantisch oder extrem rechts geprägten Stadtvierteln wie Neukölln oder Marzahn. Mit Blick auf die Zahlen ist die Gelassenheit im „Romeo und Romeo“ erstaunlich. In einem Lagebild des Bundeskriminalamts zur „kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*“ aus dem Dezember 2024 heißt es, Straftaten auf den Feldern „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ hätten sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Neuere Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik weisen einen weiteren Anstieg aus. Als Gründe werden die größere Sichtbarkeit der Szene, aber auch eine gestiegene Anzeigebereitschaft ausgemacht. Bastian Finke sagt: „Es war und ist weiterhin ein Riesenkampf.“ Von dem Sessel in seinem Beratungszimmer aus könnte Finke das Regenbogenschild am U-Bahnhof Nollendorfplatz sehen, wenn vor das Erdgeschossfenster nicht ein weißer Vorhang gezogen wäre. Wichtiger ist, dass die Scheiben neuerdings aus Sicherheitsglas bestehen. Zu oft ist das „Schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo“ in den vergangenen Jahren selbst Ziel von queerfeindlichen Angriffen geworden. Finke hat das Projekt gegründet, als Homosexualität in Deutschland noch kriminalisiert wurde und es vor allem galt, das Verhältnis zur Polizei zu verbessern, weil sich die Beamten bei Razzien schon mal „das Mütchen kühlten“, wie Finke es ausdrückt. 36 Jahre später hat er sich gerade in den Ruhestand verabschiedet, um mit einer halben Stelle weiter am Start zu sein. Die Berliner Polizei derweil genießt heute in der Szene einen exzellenten Ruf. Übergriffe in Cruising-Gebieten, in Schulen, beim Sport Um das Ausmaß der Veränderung im Umgang mit queerfeindlicher Gewalt zu beschreiben, nutzt Finke einen Vergleich: „Früher sagten uns die Betroffenen: ,Damit muss man rechnen.‘ Heute erleben wir viele Menschen, die uns sagen: ,Das ist empörend. Das darf nicht sein.‘“ Aber noch immer sei eine der größten Herausforderungen die Anerkennung als Opfer – auch vonseiten der Community. „Dass das etwas Schlimmes ist, was homosexuellen Männern passiert, dass sie sich nicht dafür schämen müssen“, sei eben noch immer nicht selbstverständlich, sagt Finke. Dann zählt er auf, wovon er weiß: Übergriffe in Cruising-Gebieten und bei Blind Dates, in Schulen, im Sport, Hass im Netz. Zunehmend wendeten sich auch schwule Betroffene häuslicher Gewalt an die Beratungsstelle. Und wo der „Mantel der Tabuisierung“ wegfalle, komme auch sexuelle Gewalt zur Sprache. Vergewaltigungen und K.-o.-Tropfen gebe es eben nicht nur im Heterokontext. Wenn man mehr wissen will über die Taten, die sich im vergangenen Sommer im Berliner Volkspark Friedrichshain häuften, über die Überfälle auf sogenannte Cruiser, also Männer, die sich zum schnellen, unverbindlichen Sex im Freien treffen, sagt Finke: „Es ist eine Treibjagd.“ Gruppen von bis zu 15 Personen machten Jagd auf Homosexuelle, bewaffnet mit Taschenlampen, Baseballschlägern, Quarzhandschuhen oder Ästen aus dem Unterholz. Fragt man ihn nach den Tätern, zuckt er mit den Schultern. Möglicherweise handele es sich auch um unterschiedliche Gruppen, „die Polizei ist da ganz scharf hinterher.“ Fragt man ihn nach den Opfern, sagt er: „Denen geht es nicht gut.“ Multiple Gesichtsfrakturen, durchtrennte Nerven, ein gefährdetes Auge, Krankenhausaufenthalte und eine langwierige Rekonvaleszenz. Und anders als Geschädigte von Überfällen ohne queerfeindlichen Hintergrund könne man diese Opfer nicht damit trösten, dass sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen seien. „Das kann sofort wieder passieren“, sagt Finke. „Die Täter sind so überzeugt, dass es richtig ist, was sie machen, dass sie es in aller Öffentlichkeit tun.“ Wenn ein Date zur Falle wird Und dann ist da noch die Masche mit Grindr, vor der seit einiger Zeit in der Szene offensiv gewarnt wird. Grindr ist eine Dating-App, die überwiegend von queeren Menschen, insbesondere von schwulen Männern, genutzt wird. In vielen Fällen geht es darum, sich zum Sex zu verabreden. Wegen ihrer Anonymität und Diskretion wird die App auch von ungeouteten Menschen genutzt, wie ein queerer Musiker erklärt, der den Künstlernamen Leopold trägt. Ein wichtiges Feature: Grindr zeigt an, wie weit entfernt sich ein Match befindet. Leopold ist in das Berliner Redaktionsgebäude der F.A.Z. gekommen, um zu erzählen, was ihm am 19. Mai bei einer Grindr-Verabredung passiert ist. Er hat sich akkurat geschminkt und Stiefeletten mit Blockabsatz angezogen. Der 33 Jahre alte Musiker bezeichnet sich als genderfluid. Auf der Bühne, als europaweit beschäftigter Pop-Act der queeren Szene, trägt er gerne Paillettenkleider. Wenn er als Gesangslehrer arbeitet, ist er auch mal unrasiert. Auch sein Grindr-Profil sei privat, sagt er, und nicht mit seinen professionellen Looks verknüpft. „Einfach weil es ein neues Profil war“, habe er an jenem Tag mit einem Mann geschrieben, sich mit ihm verabredet und zugestimmt, als dieser auch noch einen Freund mitbringen wollte. Die Fotos wirkten authentisch, und die Männer, die kurz darauf bei ihm die Treppe hochkamen, stimmten mit den Gesichtern auf den Bildern überein. „Dann ging alles sehr, sehr schnell“, sagt Leopold. Einer der Männer riss ihm das Handy aus der Hand, und als Leopold es zurückhaben wollte, schlug ihm der andere ins Gesicht, zweimal, dreimal, viermal. „Dann sind die beiden in meine Wohnung rein, und ich bin wie betäubt hinterhergelaufen.“ Er sei so eingeschüchtert gewesen, dass er jetzt alles dafür tun wollte, um möglichst unversehrt zu bleiben. Wenn Leopold von den folgenden drei Stunden erzählt, kommt er ins Stocken oder schließt die Lider. Manchmal füllen sich seine Augen mit Tränen. Drei Stunden lang war er gefangen in seiner eigenen Wohnung. Die Männer wollten Geld. Aber er hatte nur zehn Euro in bar im Haus. Einer der Männer ging deshalb mit seiner neuen Bankkarte zum Automaten, die Geheimnummer hatte Leopold vor den Augen der Täter freigerubbelt. Trotzdem funktionierte die Karte nicht, erst die Onlineüberweisung eines vierstelligen Betrages hatte Erfolg. Zwischenzeitlich kam ein dritter Mann hinzu, mit weiteren Personen fanden Videotelefonate statt. „Für mich war es die Hölle“, sagt Leopold. Die Männer hätten auf den Boden gespuckt, ihn queerfeindlich beleidigt und beschimpft. Als sie seine Sachen durchwühlten und seine Bühnen-Outfits und die High Heels entdeckten, seien sie noch ausfallender geworden. Als er einem der Täter einen Kaffee machen sollte, habe der Mann sich geweigert, Tasse und Löffel aus seiner Hand anzunehmen – als könnte er ihn beschmutzen. „Ich hab mich die ganze Zeit wahnsinnig geschämt und erniedrigt gefühlt“, sagt der Künstler. „Sie haben mich mit so einem Ekel betrachtet.“ Zwischendrin täuschten sie Schläge in seine Richtung an oder drohten ihm mit einem spitzen Spargelschäler aus seiner Küche. Weitere körperliche Übergriffe gab es glücklicherweise nicht. Irgendwann gingen die Männer. Leopold glaubt, dass er dazu beigetragen habe, indem er ihnen erzählt habe, dass er dringend zur Arbeit müsse. Sein Handy und seinen Schlüssel gaben sie ihm zurück. Noch bevor Leopold die Polizei verständigte, konnte er die Onlineüberweisung stornieren. Zum Stand der Ermittlungen und den Tätern äußert er sich nicht. Aber zwei Tage später machte er den Überfall öffentlich. „Weil ich und andere Betroffene sich nicht dafür schämen müssen“, sagt Leopold, „weil wir nicht die Schuld daran haben.“ In seiner Wohnung ist er auch nach der Tat geblieben. Aber in der ersten Zeit, sagt er, habe er mit einem scharfen Messer neben dem Bett geschlafen. Wie aber ist die Lage außerhalb von Berlin? Ein Anruf in Magdeburg. „Es wird schlimmer“, sagt Andreas Bösener vom Vorstand des Landesverbands Sachsen-Anhalt des LSVD+ – Verband queere Vielfalt. Die Queerfeindlichkeit auf offener Straße nehme zu. „Selbst kleine Symbole reichen aus, um verbale oder körperliche Gewalt zu triggern.“ Insbesondere Transpersonen und junge Queere kämen oft zur Beratung mit der Frage, ob sie das Bundesland verlassen sollten. Der Aktivist spricht von einem „Backlash“. Bösener, Ende 30, sagt: „Ich bin noch aus einer Generation, ich hab mich nicht in der Schule geoutet.“ Er könne sich auch heute besser damit arrangieren, nicht mehr Händchen haltend durch die Stadt zu gehen. Die Jüngeren hingegen stünden anders für sich ein, weil sie in einer Zeit groß geworden seien, „in der viele queere Menschen das Gefühl hatten, dass die gesellschaftliche Akzeptanz zunahm und Offenheit selbstverständlicher wurde“. Vergangenen Sonntag, als er nach der Mahnwache für die Opfer beim Berliner CSD noch zu einer Fast-Food-Kette wollte, habe er sich zum ersten Mal gefragt, ob er seine Regenbogensocken ausziehen sollte. „Ich hab die Socken angelassen“, sagt Bösener. „Ist auch nichts passiert.“ Allein der Gedanke jedoch mache deutlich, wie stark sich das Klima geändert habe. Daran trägt nach Auffassung vieler in der Szene auch die Politik eine Mitschuld. Andre Lehmann aus dem Vorstand des Bundesverbands LSVD+ spricht von einer „öffentlichen Entsolidarisierung“. Dass die Bundestagspräsidentin schon im vergangenen Jahr zum CSD die Regenbogenflagge nicht hissen ließ, dass der Bundeskanzler diese Entscheidung rechtfertigte mit der Bemerkung, der Bundestag sei schließlich kein Zirkuszelt, dass schließlich im Zuge von Sparbemühungen die Mittel für das queere Jugendnetzwerk Lambda gestrichen wurden, lässt Lehmann sagen: „Es ist eine Gesamtstimmung in diesem Land.“ Ob der Anschlag auf den CSD eine Veränderung bewirkt? Der LSVD+ hat den Bundeskanzler gleich am Montagabend in einem Brief um ein Gespräch gebeten. Die Antwort stand bei Redaktionsschluss noch aus. Die Wunde am Arm von Helmut Metzner unterdessen ist fast verheilt. Sein Partner war mit dem Schrecken davongekommen. Auch Metzner hat den Angriff bei Social Media öffentlich gemacht: „Ich möchte dafür werben, dass sich die Menschen vertrauensvoll an die Behörden wenden, wenn ihnen Unrecht widerfährt“, sagt er. „Das ist unsere Polizei, denen darf man vertrauen.“ Daraufhin meldete sich jemand, der den Täter kannte, Metzner hat ihn kurz darauf zweifelsfrei identifiziert. „Ich habe den Namen gesehen, der ist so deutsch wie meiner“, sagt Metzner. Seit einer Gefährderansprache durch die Polizei gehe der Mann ihm und seinem Partner aus dem Weg. Wie im Fall Leopold laufen die Ermittlungen. Stärker als der Angriff selbst geht Helmut Metzner etwas anderes nach. „In Berlin laufen die Leute ja normalerweise zusammen, wenn es etwas zum Gucken gibt.“ Als er und sein Partner jedoch Hilfe gebraucht hätten, habe sich der Park geleert. Die Menschen seien ausgewichen und weggegangen. Und das am helllichten Tag, an einem Maiabend gegen 19 Uhr. „Die Überlegung, dass man am Ende allein dasteht …“ Metzner spricht den Satz nicht zu Ende. Stattdessen sagt er: „Die Polizei rufen kann jeder.“
